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Kommentar zur Jugend: 

Geradezu aufsässig korrekt

29. Aug 2008 13:17, ergänzt 13:53
Jugendliche in Wartestellung
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«Wo sind Kritik und Protest der Jugend geblieben?», fragt die «Zeit» und findet Jugendliche zu «entmutigt». «Berliner Zeitungs»-Redakteur Harald Jähner sieht genau darin Aufsässigkeit: «Bravo! So kann man seine Eltern ärgern!»

Mehr Aufsässigkeit von der Jugend wünscht sich Jens Jessen im Feuilleton der «Zeit». «Traurige Streber» sieht er am Werke, die nur die Absicherung ihrer persönlichen Zukunft im Sinn haben und für die Verbesserung der Welt nicht die geringsten Anstrengungen unternehmen. Idealismus, Aufbegehren gegen die schlechte Realität, seit jeher ein Merkmal von Jugend, seien aus dem Bild der heutigen Jungen verschwunden.

Nun, wer Aufsässigkeit vermisst, der besuche mal einen rechtsradikalen Jugendtreff. Die Aufsässigkeit fällt leider nie so aus, wie die Älteren sich das wünschen. Aufsässigkeit sucht nach echter Anstößigkeit, nach Widerwillen im Gemüt des Establishments. Das wird man mit einer Initiative für mehr Gerechtigkeit derzeit nicht erzielen können.

Die heute 45- bis 60-Jährigen sind es, die mit ihrem unverdrossen anhaltenden Widerstandskult den Jugendlichen die klassische Rebellion verleidet haben. Forever young hieß und heißt die Parole der heute auf die Rente Zumarschierenden. Und in der Tat, sie haben es geschafft! Die Jugendlichkeit selbst hat sich vom realen Alter emanzipiert und wird von den Etablierten der Pop- und Hochkultur für sich definiert.

Kinder und Großeltern verbündet

Die heutige Jugend dagegen ist großenteils so geraten, wie es sich die Großeltern für die eigenen Kinder gewünscht hätten. Schon immer haben sich ja Kinder und Großeltern stilbildend verbündet, um der mächtigen Generation in der Mitte eins auszuwischen. Und so sind die Bilder, mit denen die «Zeit» ihre Klage über die Jugend illustriert, wahrhaft erschütternd: Hyperkorrekte Outfits wie aus den schlimmsten 50er-Jahren. Bravo!, sei diesen jungen Leuten zugerufen. So kann man seine Eltern ärgern!

Ich selbst war mit meiner Tochter vor zwanzig Jahren in einer Tropfsteinhöhle. Sie war damals acht. Mutter, Vater, Kind nahmen an einer Führung durch die Unterwelt teil. Klar, dass die Eltern darauf bestanden, sich von der Gruppe abzusetzen. Wer latscht schon mit der Herde mit? Wer trottelt freiwillig hinter der Führerin her? Das Kind dagegen drang unruhig auf Disziplin. «Ihr werdet sehen, wir werden hier noch eingesperrt!» Die Eltern lachten über das brave Ding.

Und es kam, wie es kommen musste. Endlich am Ausgang der unheimlichen Höhlenwelt angekommen, standen wir vor einem verschlossenen Eisengitter. Es war nun dem Kind vorbehalten, durch lautes Geschrei auf sich aufmerksam zu machen und endlich jemanden herbeizulocken, der die Familie befreite.

Von dieser jungen Generation Aufsässigkeit zu verlangen, ist, als ob man während eines Erdbebens Mikado spielen wollte. Sie hatten genug damit zu tun, auf ihre Eltern aufzupassen und damit auf sich selbst.

[Dieses Autorenstück übernahm die Netzeitung mit freundlicher Genehmigung der «Berliner Zeitung».]

 
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