Medien beim Flugzeugunglück in Madrid: 

netzeitung.de«Widerlich und grausam»

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Nach dem Flugzeugunglück wat die Presse immer dabei (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Nach dem Flugzeugunglück wat die Presse immer dabei
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In Spanien wächst die Kritik an der Berichterstattung vieler Medien über den Absturz der Spanair Maschine. Reporter nutzten Friedhöfe als Live-Bühnen, Angehörige der Opfer wurden bedrängt und rücksichtslos befragt.

Es waren regelrechte Jagdszenen, die sich vor einer Woche unmittelbar nach dem Flugzeugunglück auf dem Madrider Flughafen Barajas abspielten. Verstörte Angehörige irrten durchs Terminal auf der Suche nach Informationen, Fernsehteams hinterher. Auch eine Woche nach dem Unglück mit 154 Toten beschweren sich nicht nur die betroffenen Familien über das tägliche Spektakel in der Berichterstattung. Auch Journalistenverbände rufen zur Mäßigung auf.

Seit einer Woche hat Spaniens staatlicher Fernsehsender Televisión Española (TVE) auf dem Madrider Friedhof Almudena einen Übertragungswagen stehen. Von dort berichten Reporter live über die inzwischen identifizierten Toten. Viel zu sehen gibt es nicht. Die Reporter stehen vor dem Friedhof und machen einen «Aufsager». Dazu werden Filme mit an- und abfahrenden Leichenwagen und Taxis von Angehörigen eingespielt. Auch auf Gran Canaria, woher die meisten Insassen des Flugzeugs stammten, wird jedes einzelne Begräbnis gefilmt. TV-Teams belagern geradezu das Hotel, in dem zahlreiche Angehörige immer noch auf die Identifizierung einiger Opfer warten.
Empörung von allen Seiten
Am Dienstag platzte der sozialistischen Parlamentsabgeordneten Elena Valenciano der Kragen. «Das Spektakel ist widerlich und grausam», schrieb sie auf ihrer Internetseite. «Da wurde ein weinender Mann vor laufenden Kameras gefragt, ob er wisse, dass das Flugzeug, in dem sein Sohn starb, nicht sicher war. Der Mann brach zusammen.»

Nicht nur die Politikerin ist empört. Die Journalistengewerkschaft Fesp gab eine Protesterklärung ab. «Einige Medien, vor allem Fernsehsender, machen aus ihren Möglichkeiten das Allerschlimmste, aus dem Leid anderer ein Spektakel», heißt es darin. Die Organisation bittet die Angehörigen um Entschuldigung und erneuert eine alte Forderung: Ein Gesetz solle den Rahmen für Berichterstatter abstecken. Zudem benötige Spanien eine Aufsichtsbehörde für Hörfunk und Fernsehen. Bisher gibt es einen solchen Rundfunkrat nur in Katalonien.

Zweifel an der lückelosen Aufklärung nicht angebracht
Aber nicht nur der Umgang mit den Opfern ist umstritten. Die Pilotengewerkschaft Sepla beklagt, einzelne Medien konstruierten unzulässige Kausalzusammenhänge. So hätten die Piloten nach dem Unglück zwar mehr Kontrollen an Bord der Flugzeuge angemahnt, jedoch auch die Zunahme der Inspektionen in den letzten Jahren herausgestrichen. Eine Zeitung machte daraus ein Zitat: «In Spanien wird wenig und schlecht kontrolliert.» - «Das haben wir gar nicht gesagt», beschwert sich ein Sprecher der Organisation.

«Nur die Tatsachen zählen», schrieb die Zeitung «El País» in einem Kommentar, in dem sie auch an den Rest der Presse appellierte, weniger zu spekulieren und mehr zu informieren. An der offiziellen Untersuchungskommission seien die spanische und US-amerikanische Luftfahrtbehörde, der Flugzeughersteller und die Fluglinie beteiligt. Zweifel an einer lückenlosen Aufklärung seien nicht angebracht.

Doch bis das Endergebnis vorliegt, kann mehr als ein Jahr vergehen. Der zuständige Staatsanwalt hat angesichts des Drucks der Medien angekündigt, in einem Monat einen Zwischenbericht vorzulegen. Bis dahin will auch die Journalistengewerkschaft Fape einen Fachkongress über die Berichterstattung abhalten. Schon jetzt steht für die Organisation fest: «Mit jeder Sondersendung oder Sonderseite wird die Information unseriöser und uninteressanter.» (Hans-Günter Kellner, epd)