12.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Das Monster ist die Sucht: Szene aus World of Warcraft
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
«Spielen, spielen, spielen...» - am Dienstagabend zeigt die ARD eine Reportage über computerspielsüchtige Jugendliche und Erwachsene. In ihr kommen Betroffene und Angehörige zu Wort.
Marc-Oliver ist 16, als das NDR-Kamerateam zum ersten Mal in seiner Familie auftaucht. Er sitzt am Computer und spielt das Online-Spiel «World of Warcraft» - mindestens sechs Stunden täglich, am Wochenende auch mal die ganze Nacht durch.
Marc-Oliver ist süchtig geworden, er hat das Gymnasium schon geschmissen und schafft mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss. «Spielen, spielen, spielen... wenn der Computer süchtig macht» heißt die ARD-Reportage, die an diesem Dienstag um 22.45 Uhr ausgestrahlt wird.
Marc-Olivers Mutter steht der Sucht ihres Sohnes hilflos gegenüber, aber sie gibt nicht auf. Die Filmautoren begleiteten die Familie ein Jahr lang und befragten Suchtexperten, Psychologen und andere Betroffene. Zu ihnen gehört Bernd, der mit Ende 30 spielsüchtig wird. Er hatte einen guten Job als Systemadministrator in einer mittelgroßen Firma.
Als er mit dem Internet-Spiel anfängt, stellt sich zum ersten Mal das Gefühl ein, unschlagbar zu sein. Bernd fühlt sich als Held, spielt Nächte hindurch und lässt sich wegen «Burnout» krankschreiben. Erst als er körperlich zusammenbricht, weil er kaum noch gegessen hat, weist er sich selbst in eine psychiatrische Klinik ein.
Formen der SuchtEine andere Familie hat ihren Sohn an das Internet verloren, wie die Eltern selbst in ihrem Online-Auftritt schreiben. Der Student unterschrieb zwar noch den Vertrag zur Einweisung in die Psychiatrie, stellte dann aber fest, dass er ohne das Spiel nicht leben kann und verabschiedete sich - seit einem Jahr haben die Eltern nichts mehr von ihm gehört.
Bernd ist durch die Therapie zwar von seiner Sucht losgekommen, aber vorher hatte er alles verloren: seinen Job, seine Freundin, seine Wohnung. Jetzt kämpft er um die Möglichkeit, durch eine Umschulung wieder den Weg in die Arbeitswelt zu finden.
Ein richtiger GänsebratenMarc-Oliver hat sich von seiner Mutter dazu bewegen lassen, eine Ausbildung als Koch zu beginnen. Der 17-Jährige schafft es inzwischen, sich für längere Zeit vom Computer zu trennen. Er bereitet für die Familie einen Gänsebraten zu und ist stolz darauf, dass es allen schmeckt. Er hat etwas geleistet - nicht in der virtuellen Welt des Computerspiels, sondern in der richtigen Welt.
Der 45-Minuten-Film sollte ursprünglich am 25. Juni gesendet werden, doch ARD-Programmdirektor Günter Struve nahm kurzfristig die Übertragung der Gala von der Verleihung des «Bild»-Medienpreises «Osgar» ins Programm. Zur Begründung führte er den starken Auftritt von Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt an, der eine Rede als «Osgar»- Preisträger gehalten hatte. Der Deutsche Kulturrat kritisierte die Entscheidung als «Trivialisierung des Programms». (dpa)