Korruptionsprozess gegen Ex-Sportchef:
Emig beschuldigt das «System HR»
04. Aug 2008 14:17
 |  "Man hat mich immer machen lassen", sagt Jürgen Emig über seinen Ex-Sender | Foto: dpa |
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Er hat «verheerende Fehler» eingeräumt, aber auch seinen früheren Arbeitgeber massiv belastet: Jürgen Emig ging vor Gericht in die Offensive. Der Hessische Rundfunk habe ihn bei den dubiosen «Beistellungen» bewusst gewähren lassen.
Der Sportjournalist Jürgen Emig hat zum Auftakt des gegen ihn geführten Korruptionsprozesses schwere Vorwürfe gegen den Hessischen Rundfunk (HR) erhoben. «Ich werde für meine Fehler die Verantwortung übernehmen, aber bis zum Schluss dafür kämpfen, dass mir keine Fehler angelastet werden, für die andere verantwortlich sind», sagte der frühere HR-Sportchef am Montag vor dem Landgericht Frankfurt. Emig soll Schmiergelder in Höhe von 625.000 Euro für die bevorzugte Fernsehübertragung von Sportereignissen erhalten haben. Die Anklage lautet unter anderem auf Bestechlichkeit, Betrug und Untreue.
Der HR habe ihn mit den Problemen der Finanzierung teurer Sportsendungen allein gelassen, sagte Emig. Die Drittmittel, die er von Sponsoren und Sportveranstaltern eingeworben habe, seien aber stets in die Budgetplanung des Senders eingegangen. Möglicherweise hätten die HR-Verantwortlichen bewusst übersehen, auf welchen Wegen des Geld eingeworben worden sei. Die Tarnfirma SMP, über die die Zahlungen abgewickelt wurden, habe sich der HR wohl «mehr zu Nutze gemacht, als er zugeben will», sagte Emig.
Die HR-Akquise hatte versagt
Er habe schon immer Sponsoren für das «gnadenlos unterfinanzierte» Sportprogramm des HR akquiriert, sagte Emig. Dabei habe man ihn bis zur Vertragsreife gewähren lassen. Auf diese Weise seien dem HR elf Millionen Euro zugeflossen, die eigentlich zuständige Tochterfirma HR-Werbung habe in den 18 Jahren seiner Tätigkeit als HR-Sportchef hingegen «so gut wie keine» Sponsoren gewonnen. «Es war eine endlose Arbeit, diese Sponsoren zu akquirieren und zu betreuen», sagte Emig. Öffentlich werde jedoch immer der Eindruck erweckt, er habe sich nur «die Taschen füllen» wollen. Das Problem der Beistellungen, als die Kostenzuschüsse von Sponsoren oder Veranstaltern bezeichnet werden, sei vom HR nie geklärt worden. Er habe zwar mehrere Gespräche mit der Rechtsabteilung des Senders geführt, diese hätten aber nie mit einer Handlungsanweisung geendet, sagte Emig. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Christopher Erhard, wo Sponsoring ende und wo Schleichwerbung beginne, sagte Emig: «Ich bin gerade dabei, mir dazu eine Meinung zu bilden.» Im Tagesgeschäft habe dies früher keine Rolle gespielt.
Ein besonderer Hautgoût
«Für mich war das nie ein System Emig, sondern ein System HR», betonte der Angeklagte. Unausgesprochen habe der Sender von ihm die Akquirierung der Fremdmittel erwartet und deswegen die Kosten des HR für einzelne Sendungen bereits extrem niedrig angesetzt. Seine Vorgesetzten hätten nicht genau über die Fremdmittel Bescheid wissen wollen, sagte Emig. Die Presse habe damals berichtet: «Bei Emig kann man Programme kaufen.» Der Angeklagte sagte: «Beim Sender hatte das einen besonderen Hautgoût.» Er habe aber nie eine Handlungsanweisung erhalten. Die Vorgabe sei gewesen, möglichst viel Fremdmittel zu bekommen. Emig betonte, er habe zu den Sportprogrammen von HR und ARD insgesamt rund 20 Millionen Euro Mittel beschafft. «Man hat mich das immer machen lassen», sagte er.Dass seine Ehefrau stille Teilhaberin bei SMP gewesen sei, bezeichnete Emig im Nachhinein als «verheerenden Fehler». Emig sagte: «Natürlich war diese mittelbare Beteiligung ein Fehler. Das hätte man anders machen müssen.» Für seine Fehler habe er mittlerweile schwer bezahlt. Er räumte ein: «Natürlich war es eine Grauzone. Es war mir schon klar, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen.» Dies hätte anders organisiert oder offengelegt werden müssen, sagte er.
Fast in den Ruin getrieben
Zugleich übte der Journalist scharfe Medienkritik. Durch eine «undifferenzierte mediale Vorverurteilung» seiner Person hätten sich schwerwiegende Folgen für seine Familie ergeben. Außerdem sei er beinahe in den wirtschaftlichen Ruin getrieben worden, sagte Emig.
Über eine Strohfirma soll Emig 625.000 Euro aus Schmiergeldern und Schleichwerbung in die eigene Tasche gelenkt und dabei auch den Hessischen Rundfunk geschädigt haben. Mitangeklagt ist sein ehemaliger Geschäftspartner Harald Frahm. Der heute 64-Jährige hatte die Agentur SportMarketing & Production GmbH (SMP) gegründet. Über diese Firma zahlten Sportveranstalter und Sponsoren legal Geld an den HR, um diesem die Produktion von Sportsendungen über das Senderbudget hinaus zu ermöglichen. Dabei soll die Werbeagentur von Emigs Frau, Atlanta Killinger, verdeckt Provisionen kassiert haben.
Das Stammkapital von 25.000 Euro wurde laut Anklage ausschließlich vom Ehepaar Emig aufgebracht, aber Frahm wurde als alleiniger Anteilseigner eingetragen. Später sei die Hälfte der Gesellschaftsanteile auf Atlanta Killinger übertragen und die Gewinne zwischen Frahm und Killinger geteilt worden. Killinger kassierte demnach jährlich Gewinnausschüttungen von 396.693 Euro.
Urteil spätestens im Oktober
Emig war von 1987 bis März 2004 Leiter der HR-Sportredaktion. Er legte bei den polizeilichen Vernehmungen bereits ein Teilgeständnis ab. Der HR hatte ihn fristlos entlassen. Für den Prozess sind 16 Verhandlungstage angesetzt. Demnach könnte das Urteil am 28. Oktober gesprochen werden. Bei dem Prozess wird es auch um die Frage gehen, inwieweit der HR Kenntnis von den Praktiken Emigs hatte. Der Sender bestreitet, über unrechtmäßige Aktivitäten des Journalisten informiert gewesen zu sein. (epd/AP/dpa)