Mediendschungel: Klatschen für Youtube15. Jul 2008 07:53  |  Moderator Thomas Hackenberg | Foto: Deutsche Welle |
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Ausgerechnet der MDR holt Youtube-Clips ins Fernsehen - ausgerechnet in einer Show mit Studioband und heftig applaudierendem Publikum, singenden Popstars und Latte-Artisten. Christian Bartels war dabei.
Wenn sich am anderen Ende des
Fernsehstudios
die Tür öffnet, gibt sie den Blick auf die Sonne und den Fluss draußen frei. Auf der Insel Eiswerder in Berlin-Spandau stehen allerhand alte Filmstudios, die nun als Fernsehstudios dienen. Der Sender «Job TV» produziert dort. Und es entsteht eine neue Show, die den vielbeschworenen «User generated content» aus dem Internet
als erste
ins öffentlich-rechtliche Fernsehen bringen will. Ausgerechnet das deutsche Auslandsfernsehen DW-TV und der Mitteldeutsche Rundfunk, nicht gerade als Speerspitze des Entertainment bekannt, wollen das leisten - ausgerechnet mit Mitteln des ganz alten Fernsehens: in einer Show mit Studioband und Klatsch-Publikum.
Gut 80 Zuschauer sitzen im Studio und wohnen der Aufzeichnung von «Clipmania» bei. Beziehungsweise der von zwei mal zwei Shows. Es wird nicht nur auf deutsch, sondern für DW-TV auch back-to-back auf englisch produziert. Sind erstmal komplizierte Bauten im Studio errichtet, moderiert zunächst der deutsche, dann der englischsprachige Moderator seinen jeweiligen Part, bevor wieder umgebaut wird. Drei Stunden Aufzeichnungszeit für zwei 23-Minuten-Shows kommen so schnell zusammen. Auf englisch macht's
Max Hofmann,
auf deutsch Thomas Hackenberg, der etwa im WDR-Radio durch eine
Kochsendung
führt und bei Kabel 1 das
'Quiz Taxi'
lenkte. Er ist stolz darauf, bei seinen Fernseh-Engagements immer etwas Neues zu machen. Jetzt also «Clipmania».
«Rocky VII» im Guerilla-Stil  |  Selbes Publikum, anderer Moderator: Max Hofmann moderiert englisch | Foto: Deutsche Welle |
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Erstmal muss Hackenberg warm-uppen, also das Saalpublikum animieren. Der «jugendlich wirkende, aber reife Moderator», wie MDR-Redaktionsleiter Achim Schöbel sagt, scherzt zunächst. Dann fragt er, ob die Leute denn auch dann klatschen können, wenn er keine zündenden Gags macht. Das von
'Casting Concept'
organisierte Publikum kann das. Das ist gut so. Es wird wesentlich häufiger klatschen müssen als Gags gezündet werden. Es klatscht stoisch, auch wenn es die Texte, die die Moderatoren vom Teleprompter ablesen, vor lauter Klatschen gar nicht versteht. Es unterhält sich gut, auch wenn es die Einspielfilme eher selten vollständig zu sehen bekommt. Recht oft bekommt es dagegen die letzten 30 Sekunden zu sehen, damit der Aufnahmeleiter rechtzeitig das Zeichen zum Klatschen geben kann.
So geht das Konzept: Zunächst werden rund um im Internet vorgefundene Filme Einspielfilme gedreht, um die herum dann ein Rahmenprogramm mit Studiogästen und Publikum inszeniert wird. Das gut 20-köpfige Team hinter den Kameras begutachtet die Showaufnahmen sofort und wiederholt sie, wenn irgendetwas nicht stimmt. Und diese Aufnahmen werden dann zu Showfolgen à 23 Minuten für optimierten Konsum des Wohnzimmerpublikums montiert.
Als Produzent agiert «Ufa Entertainment». Die Bertelsmann-Firma produziert auch Sendungen wie
'Deutschland, Deine Pfundsweiber!'
und die
'Virgin Diaries'
und bringt ihre Erfahrungen ein: das Klatschen etwa und den «Magazinmix», der harte und weiche, lustige und nützliche Themen verbindet.
Folge 1 beginnt (online auf
dw-world.de,
im Fernsehen an diesem Dienstag um 22.50 Uhr im MDR) mit Versteckte-Kamera-Clips darüber, «was man alles mit einem Fahrstuhl anstellen kann». Das sieht nach gewöhnlichen Fernsehstreichen aus, führt aber zum französischen «Internet-Spaßvogel Rémi Gaillard», dessen Webseite «Nimportequoi.tv» in Deutschland noch nicht ungemein bekannt ist. Wie er im Guerilla-Stil an öffentlichen Orten den trainierenden Boxer
'Rocky VII'
nachstellt, ist eine hübsche Entdeckung. Für die magazinige Show wurde der Clip gekürzt. Länger und lustiger sind dieser (kommerzielle) und weitere Gaillard-Clips auf dw-world.de abrufbar. Das ist mal ein wirklich programmbegleitendes Angebot im Netz.
 |  Studiogast Mina | Foto: Deutsche Welle |
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Superstar aus dem Internet «Das ist ja journalistisch!», hat Thomas Hackenberg gedacht, als er die Anfrage erhielt, diese Show zu moderieren. Mitunter informativ ist die Show tatsächlich, zu journalistisch aber auch nicht.
In Folge 1 wird der «erste deutsche Superstar aus dem Internet»,
Mina,
vorgestellt. Erst per Einspielfilm, dann per Interview im Studio, wobei Hackenberg der 15-jährigen Schülerin mit seiner «Jetzt startet Du erstmal richtig durch»-Gesprächsführung Gelegenheit gibt, sich klug darzustellen. Dann singt Mina, was immerhin der Saalband Ruffcats (natürlich
auf Myspace)
eine gewisse Berechtigung verleiht. Was Hackenberg bei der Gelegenheit lernte: sich in Deutschland naheliegende Anspielungen auf Dieter Bohlen lieber zu verkneifen. Schließlich liegt das «intendierte Sendegebiet» von DW-TV eher außerhalb Europas (weil Satellitenzuschauer innerhalb Europas ja auch deutsche Inlandssender empfangen können). Und dem deutschsprachigen Publikum in der weiten Welt ist engerer Kontakt zu DSDS zum großen Teil erspart geblieben.
Zurück ins Studio: Für die Aufzeichnung von
Folge 6
werden komplexe Aufbauten errichtet. Zum Beispiel stellt ein Einspielfilm das Projekt
Datenstrudel
vor. Ein Duo, das sich nach eigenen Angaben im «Spannungsfeld von Kommerz bis Kunst, von Animation bis Spielfilm, Neuen und Alten Medien» bewegt. Zu seinen Werken gehören Videoclips für Peter Licht
('Die transsylvanische Verwandte'),
deren Protagonisten sich nur im Liegen bewegen. Beim Abmoderieren des Beitrags liegt Thomas Hackenberg auch auf dem Boden. Die Kamera filmt ihn auf einem Kran von oben. Neben ihm liegt ein stehender Tisch mit einer Wasserflasche drauf. Beim Versich, etwas daraus in ein Glas einzugießen, bekleckert Hackenberg sein T-Shirt. Während er ein neues anziehen geht, wird ein Filmchen über T-Shirts eingespielt (ein Mann zieht sich ein T-Shirt über das andere und wird immer fülliger). Das ist die Überleitung. Viel Aufwand für bescheidenen Spaß. Die Sendung sei eben nicht so lieblos gemacht wie andere Shows, meint Hackenberg.
Es gibt eben alles im Internet
Tatsächlich treiben die Macher viel Aufwand. In Folge 7 kommt der Studiogast Marcel Kotzur alias
'Trueman',
der nach eigenen Angaben «ein bislang einzigartiges Fernsehprojekt im Netz» macht («Wir übertragen das Leben Marcels, des Truemans, 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche immer live und unzensiert»). Wenn er also auf der Showtreppe die «Clipmania»-Kulissen betritt, bringt er seine Trueman-Cam mit, deren Bilder die Sendungsmacher wiederum als Rückprojektion zeigen, und ist in zwei Sendungen zugleich.
Die analytische Schärfe im Themen-Cocktail geht natürlich nicht ungemein tief. Einmal wird rasch die
Frage
bewantwortet, warum Bundeskanzlerin Angela Merkel jede Woche eine Video-Botschaft produziert («Ich kann auch mal ein Thema setzen, nach dem mich sonst niemand fragt»), nicht aber die Frage aufgeworfen, ob solche professionell produzierte Politiker-Videopodcasts zum «User generated content» gehören, über den sich die Show definiert.
Ein andermal führen Baristi, Kaffee-Barkeeper, ihre «Latte-Art» vor. Das heißt, sie zeichnen etwas auf frisch gebrühtem Kaffee, zum Beispiel das Taj Mahal. So erhält der anglofone Moderator Max Hofmann die Chance, «our friends in India» zu begrüßen. Was die Kaffeekunst ansonsten mit dem Internet zu tun hat, bleibt im Rahmen der Showaufzeichnung eher unklar. Manchmal scheint der Zusammenhang nicht wesentlich größer zu sein, als dass es im Internet eben alles (also auch
'latteart.info')
gibt. Aber auch mit solchen Erkenntnissen geht «Clipmania» über die gängige Art, in der sich öffentlich-rechtliches Fernsehen dem Internet nähert, hinaus.
Urheber werden bezahlt
Ob es «Clipmania» gelingen wird, in der Masse der Bewegtbilder «Spreu und Weizen» zu trennen, wie es Rolf Rische von DW-TV formuliert, muss sich zeigen. Den Anspruch haben viele, schon weil das als eine wesentliche Funktion gilt, die in der Informationsflut des Internetzeitalters Journalisten übrig bleiben wird. Zumindest verhält sich die Sendung nett zu den Internetmachern. Die Urheber werden für die Rechte an ihren Bildern bezahlt. Die Preise orientieren sich an den Minutenpreisen von Magazinsendungen, das Geld kommt aus den Etats der steuerfinanzierten DW und den Rundfunkgebühren des MDR. «Nonexclusiver Buyout» nennt Rische das. Dafür erhalten die Fernsehleute das Bildmaterial in besserer Qualität als es bei Youtube zu haben ist. Nicht nur die Auftragsproduzenten und das Studio-Team zu bezahlen, sondern auch diejenigen, um deren Erzeugnisse all der Trubel herum inszeniert ist, ist zumindest fair.Rund 80 Prozent der Bewegtbilder auf Youtube kämen aus dem Fernsehen, sagt Wolf Bauer, Chef der Ufa-Gruppe. Wenn jetzt das Fernsehen nicht nur aus Pannen-Homevideos Uups-Shows, sondern auch aus besserem Youtube-Material etwas macht, ist das zumindest ein kleiner Schritt in eine richtige Richtung. So kommt die kleine «Clipmania»-Show im Kontext des großen Zusammenwachsens aller Medien vergleichsweise bescheiden daher und weniger dumm rüber als vergleichbare Shows. Sie unterhält nett und nicht so absurd, wie das Konzept zunächst klingt. Bloß eines springt beim Betrachten der fertigen Fernsehshow ins Auge, etwa wenn Moderator Hackenberg in den abschwellenden Applaus nach dem vorigen Beitrag hinein den nächsten Film anmoderiert, der aber nur 15 Sekunden dauert und am Ende schon wieder beklatscht werden muss: Das viele Geklatsche nervt wirklich.
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