Mediendschungel: Gesucht: drei Eselinnen und ein Bordellboss06. Jul 2008 09:19  |  Sarah Kuttner studiert jetzt die Kleinanzeigen | Foto: SWR |
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Jetzt geht auch Sarah Kuttner für die ARD Geschichten nach, die hinter Kleinanzeigen stecken. Viva Vermischtes! Restnatürlichkeit allein macht aus Dokusoapreportagen allerdings noch keine tolle Sendung.
Am Anfang von «Kuttners Kleinanzeigen» steht Sarah Kuttner in einem Dörfchen bei Nürnberg und liest eine Kleinanzeige vor, in der die Esel Lola, Sina und Vera gesucht werden. Was dahinter steckt, will die 29-Jährige herausfinden. Sarah Kuttner wurde einst auf Viva und MTV bekannt; in der ARD durfte sie 2004 mit Jörg Pilawa durch den trotzdem unterhaltsamsten Grand Prix-Vorausscheid
('Scheiße, Scooter!')
überhaupt führen und 2006 beim Begleitprogramm zur Fußball-WM mitmischen. Jetzt geht sie vorerst dreimal
am späten Sonntagabend
auf Sendung. Die Machart versprüht ostentativ Jugendlichkeit. Der Vorspann zeigt eine unordentliche Wohnung mit Laptop drin, es wird ein bisschen Splitscreen eingesetzt und laufend Musik eingespielt, die flott ist, aber keine Generation verschreckt: softe Raps, Serge Gainsbourghs «Je t'aime» im Bordell, in Nordfriesland «Nordisch by Nature».
Vom Minihengst geschwängert Genauso gespielt ist die Authentizität, mit der Kuttner die Wohnung der ersten Gesprächspartnerin betritt. Sie wendet sich dem Publikum zu, doch das Kamerateam, das sie filmt, rückt nie ins Bild. Halb spontan, halb geprobt, wie immer in solchen Dokusoapreportagen, bittet die Besuchte Kuttner an den Kaffeetisch und erzählt, warum sie die Kleinanzeige aufgegeben hat. Es kommt noch bunter als die Story sowieso schon klang: Weil ihr «Minihengst» immer die Eselinnen schwängerte, musste die Tierfreundin diese abgegeben. Nun will sie wissen, ob es Lola, Sina und Vera gut geht. Während des Geplauders flattert ein Vogel ins Zimmer. «Wir müssen unser Gespräch unterbrechen, um ein verirrtes Vögelchen zu retten» staunt Kuttner. Der Sendung schadet nicht, dass das Gespräch damit abgebrochen ist.
 |  Hat einiges gemeinsam mit Sarah Kuttner: Charlotte Roche | Foto: dpa |
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Solche Momente der Spontaneität, dass Versprecher («Das ist ja das allerkleinste Welt der Pf... Pferd der Welt») nicht rausgeschnitten werden, dass die auf vier Geschichtchen von insgesamt 30 Minuten Länge montierte Show Restnatürlichkeit bewahrt, wirkt im ARD-Umfeld tatsächlich schräg. Und mit den «Geschichten hinterm Kleingedruckten» sattelt die von der Berliner Firma
'Rio-Film'
für den SWR produzierte Show auf einen Trend auf. Die «Berliner Zeitung» erzählt immer samstags
'die Geschichte hinter einer Anzeige',
der «Spiegel» seit je
'eine Meldung und ihre Geschichte'
und dabei oft so irre Dinge wie «Wie eine 72-Jährige zur Drogendealerin wurde». Hinter dürren Worten in Bleiwüsten erstaunliche Geschichten zu entdecken, ist unterhaltsam und kommt dem Trend zum Vermischten statt harter Themen entgegen.
«Die Nutte im Sack» In der neuen Kuttner-Show endet die Esel-Episode mit einer echten Überraschung: Ob die Tiere gefunden werden, bleibt offen. Auserzählt werden die Geschichten nicht. Kein Grund zum Bedauern, richtig wichtig ist die Eselfrage ja allenfalls für die Inserentin.
Sarah Kuttner steht nun in Saarbrücken und will «viele gute Gründe nach Saarbrücken zu fahren» aufzählen, die ihr aber nicht einfallen. Ihr Grund: eine Kleinanzeige, die ein Bordell zum Kauf anbietet. Das will sie sich ansehen. «Ich kauf doch nicht die Nutte im Sack», sagt sie - wenn es gut läuft ein Satz, der demnächst im Rundfunkrat diskutiert wird und eine bunte
Meldung
gebiert, die die Aufmerksamkeit so steigert, wie es der «Schmidt & Pocher»-Show dank Lady Bitch Rays Sätzen gelang.
Sarah Kuttner plaudert mit der Verkäuferin und den Prostituierten, die dort arbeiten (aber im Kaufpreis, der sowieso nicht beziffert wird, nicht enthalten sind). Diese Gespräche sind offen und nett. Sie erinnern an Charlotte Roche, die im Oktober in einer
neuen 3sat-Reihe
Jäger, Bestatter und andere Menschen in Berufen, die nicht so oft in den Medien repräsentiert sind, begleiten wird. Ohnehin erinnert Kuttners
Medienbiografie
in vielem an Roche. Beide wurden bei Viva und MTV, als das noch echte Musiksender waren, mit jeweils erfrischenden Talkformaten bekannt. Beide wurden im Zuge der Konzentration auf Mainstream abserviert und kamen zwischenzeitlich in Randgebieten des öffentlich-rechtlichen Fernsehens unter. Dort wirkt es immer, als würden ihre eigentlichen Stärken nicht ausgeschöpft. Und beide schreiben.
Hätte Kuttner «Feuchtgebiete» verfasst, wäre das womöglich ein literarisch überzeugenderes Buch. Bisher hat sie nur Kolumnenbücher wie
'Die anstrengende Daueranwesenheit
der Gegenwart' veröffentlicht.
Viel Glück in Südamerika! Die Bordell-Episode zeigt: In der neuen Kuttner-Sendung wären die interessanteren Geschichten die, die sich mit den Menschen beschäftigten. Die Puffmutter erzählt, dass ihre Familienangehörigen in Kolumbien in der Politik seien und dass sie dahin zurückkehren und in einem anderen Job neu anfangen möchte. Wie eine Kolumbianerin aus offenbar einflussreicher Familie im Saarland zur Puffmutter wurde - das wäre eine topinteressante Story, auch wenn nicht
aktuell
Ingrid Betancourts Befreiung den Blick auf das Land gelenkt hätte. Sarah Kuttner wünscht «ganz viel Glück» in Südamerika und reist nach Stuttgart weiter, wo eine Annonce die «kleinste Bibel der Welt» offeriert.
Natürlich wirkt Kuttner mit ihrer netten Frechheit und den «stolprigen Metaphern» (Kuttner) erfrischend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Doch diese Frische kommt nur begrenzt zur Geltung. In einem Format, das mit Popkultur und Aktualität nichts zu tun hat und von Jörg Pilawa, Markus Lanz oder Verona Pooth ähnlich erledigt werden könnte, verbraucht sie sich schnell. Wer Kuttners in ihren besten Momenten zwischen Infantilität und Intellektualität changierende
Talkshow
gesehen hat, weiß dass sie diese Kleinanzeigen-Sendung selbst eigentlich auch für Quatsch halten müsste.
Die ARD hat den Sendeplatz am späten Sonntagabend, am Ende des «Tatort»-/ «Anne Will»-/ «titel thesen temperamente»-Durchsehabends, neuerdings zu ihrem Experimentierfeld umgewidmet. Vor der Fußball-EM bekam dort das sonst immer im Dritten Programm des NDR versendete Medienmagazin
'Zapp'
drei Chancen, jetzt Kuttner. Dass die ARD auch auf dem Experimentierfeld keine größeren Experimente wagt als diesen kleinen Kessel bunter Storys, sagt vieles über ihren Zustand aus.
«Noch viel Erfolg bei der ARD» wünscht am Ende der aufgeweckte 17-Jährige aus Nordfriesland, der die die Anzeige aus der
Pressemeldungs-Überschrift
(«Tausche neues Katzenklo gegen milden Kaffee») geschaltet hatte, Sarah Kuttner. Gerne, ja, wirklich. Aber auf Dauer doch bitte in einem aufregenderen Format.
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