Sarkozy hat Ärger im TV:
«Man sagt also nicht mehr Guten Tag?»
01. Jul 2008 19:29, ergänzt 19:53
 |  Sarkozy bei seinem Interview mit dem TV-Sender France 3 | Foto: dpa |
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Der Präsident grüßte, und ein feindseliger Bürger blieb stumm. Das erzürnte Sarkozy so sehr, dass er vor versteckter Kamera über Benimmfragen schwadronierte.
Sven Crefeld über einen typischen Sarko-Auftritt und die Reaktion der französischen Blogger.
Nicolas Sarkozy liebt den Klartext, egal, ob ein Mikrofon ein- oder ausgeschaltet ist. Sein hemdsärmeliges, manchmal auch präpotentes Auftreten vermischt sich mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Sarkozy gilt in Frankreich als ein ziemlich selbstherrlicher (Pseudo-) Moralist, der erst mit der Rettung der Welt so halbwegs ausgelastet zu sein scheint. Er predigt Anstand und Sitte, Patriotismus, ja ein fast revolutionäres Engagement gegenüber der allgemeinen Verlotterung und Wurschtigkeit, die in seiner Weltsicht obsessiv aufscheint. Er ist aber selbst kein Heiliger, sondern lässt gern anklingen, dass er ein kampferprobter Parvenu ist, der gelernt hat, andere Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Dafür verehren ihn seine Fans, dafür hassen ihn seine Feinde.
Am Montag war es wieder einmal soweit: Vor einer TV-Debatte im Studio des staatlichen Senders «France 3» äußerte sich der französische Präsident abfällig über das Verhalten des Tontechnikers, der ihm ein winziges Mikrofon ans Revers heftete. Denn auf den Gruß «Bonjour, Monsieur» von Sarkozy antwortete der Mann: gar nichts. Er schwieg und erledigte seine Aufgaben. Darauf Sarkozy entrüstet: «Das ist eine Frage der Erziehung! Man sagt also nicht mehr Guten Tag? Unglaublich, schlimm. Wenn man eingeladen ist, hat man ja wohl ein Recht darauf, gegrüßt zu werden. Na ja, wir sind hier nicht im Öffentlichen Dienst, sondern bei den Demonstranten.» Sarkozy beklagte den Mangel an Höflichkeit und sagte mit leicht drohendem Unterton: «Aber das wird sich ändern, verlasst Euch darauf.»
Das Outing des Moderators
Sarkozy glaubte sich vermutlich geschnitten, da er derzeit mit vielen Angestellten der staatlichen TV-Sender über Kreuz liegt. Sein Plan, ein komplettes Werbeverbot für das Staatsfernsehen durchzusetzen, legt die Axt an die Leistungsfähigkeit und Unabhängigkeit der großen TV-Sender. Entsprechend frostig war auch die Atmosphäre zwischen dem Präsidenten und den drei Moderatoren im Studio. Sarkozy machte (wiederum vor der Sendung) aggressive Scherze über das politische «Outing» des Moderators Gérard Leclerc, der sich eine Woche zuvor in der Tageszeitung «Le Monde» sehr kritisch mit Sarkozys Reformplan befasst hatte. Der Präsident – in seiner unnachahmlich konfrontativen Art – duzte den Journalisten und fragte ihn spöttisch: «Wie lange bist du im Schrank geblieben?» («T'es resté combien de temps au placard?») Das ist im Allgemeinen eine Anspielung auf Homosexualität und das Outing, meinte hier aber die Tatsache, dass der Journalist sich öffentlich gegen den Präsidenten stellte. Die Frage wirkte wie eine Machtdemonstration gegenüber einem Untergebenen. In dem Wort «placardisation» schwingt auch die Bedeutung «Mobbing am Arbeitsplatz» mit: Damit wollte Sarkozy andeuten, dass Leclerc sich in einer Opferrolle befinde und vor zwei Jahren «abserviert» worden sei.
Der Gott der Medienwelt – aus dem Off
Wohlgemerkt, die ganze Szene spielte sich ab, als man noch nicht auf Sendung war. Kamera und Ton waren aber schon eingeschaltet, und so kann sich jetzt die Nation ein neues (altes) Bild ihres Präsidenten machen. Das unabhängige Nachrichtenportal «rue89» zeigt das gesamte Geschehen vor der TV-Debatte.
Die Kommentare der Leser und Blogger sind allerdings gespalten: Manche sehen tatsächlich das Schweigen des Technikers als schlechte Erziehung und verteidigen die Reaktion des Präsidenten. Andere erkennen in Sarkozy wahlweise die Fratze der Macht oder den Gott der Medienwelt.«Er macht wirklich ein fürchterliches Gesicht, man sieht seine Ticks und wie die Bösartigkeit hervorbricht, als der Techniker seinen Gruß nicht erwidert», schreibt etwa «Pierrot287». – «Hier sieht man das wahre Gesicht des Mannes mit den goldenen Uhren», meint «Numerosix», «er erspart uns dieses Mal das ,Hau ab, du armer Idiot' zugunsten eines ,Das wird sich ändern'.» Verständnis für die Haltung des Technikers äußert «Meinhof» in seinem Kommentar: «Vielleicht ist er einfach jemand, der weiß, dass Sarkozy seinen Arbeitsplatz bedroht.» Mehr Mitgefühl für den Präsidenten zeigt «donjipe», denn «der Film zeigt sehr schön die Einsamkeit des Regierenden. Er fühlt sich nicht wohl, er wirbt um die Zuneigung der Journalisten, die seine Pläne ablehnen...»
«Dieses Mal hat Sarko Recht»
Ganz anders «tangosierra»: «Es ist eine Schande, dass der Techniker nicht geantwortet hat. Ich bin alles andere als ein Anhänger Sarkozys, aber auch er verdient es, gegrüßt zu werden. Für dieses eine Mal hat Sarko Recht.» Grüßen ja, aber die Hand geben nein, so beschreibt «fasan» sein hypothetisches Verhalten, sollte der Staatspräsident auf ihn zugehen: «Das Bedrohliche an diesem Nicht-Ereignis ist nicht die halbwegs verständliche Verärgerung Sarkozys, sondern seine beunruhigenden Worte ,Das wird sich ändern' – vor allem, seit man seine Absichten in Bezug auf das staatliche Fernsehen kennt.»