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Online-Medien: 

Print gegen Online, Knall auf Fall

03. Jul 2008 09:06
Dinosaurier oder Opas Sommerfächer? Gedruckte Tageszeitungen
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Onliner sehen den Untergang der Tageszeitung, Printredakteure wittern nur Dreck im Netz. Es geht aber nicht um die Wahl zwischen gedruckter und Web-Zeitung, findet Malte Welding, sondern um die Qualität von beidem.

Die Frage, wie der geneigte und verehrte Leser seine täglichen Nachrichten, Kolumnen, Berichte, Reportagen und Satiren zu sich nimmt oder besser: zu sich nehmen sollte, hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Glaubenskrieg ausgeweitet. Online oder Print?

Da toben Debatten, mit denen verglichen der Streit um die wahre Natur Gottes auf dem Konzil von Nicäa die Brisanz einer Laudatio Florian Silbereisens auf Alfred Biolek hat. Steve Ballmer, der Vorstandsvorsitzende von Microsoft, verkündete vor kurzem im Interview mit der «Washington Post», in zehn Jahren werde es keine Magazine oder Zeitungen mehr geben, die gedruckt erscheinen.

Frank Schirrmacher, Mitherausgeber der «FAZ», ist – wie es seine Profession erwarten lässt - der Gegenpapst in diesem Konflikt. Gerade jene würden den Untergang der Tageszeitung herbeireden, die von der Ausbeutung fremder redaktioneller Inhalte leben. «Die Zeitung liefert eine Haltbarkeit von mindestens 24 Stunden, und in ihren Kommentaren, Rezensionen und Kritiken will sie sogar vor der Nachwelt bestehen. Im Vergleich zum Internet ist sie ein retardierendes, also verzögerndes Moment in der gesellschaftlichen Kommunikation, und gerade deshalb wird sie immer unverzichtbar sein.»

Das große Hin und Her

Woraufhin Christian Stöcker auf «Spiegel-Online» erwiderte: «Die Tatsache, dass jemand einen Text schreibt, der über Nacht auf Papier gedruckt und am nächsten Morgen zum Leser nach Hause gefahren wird, steigert dieser Argumentation zufolge die journalistischen Vorzüge des Geschriebenen.» Bernd Graff, stellvertretender Chefredakteur von «Süddeutsche.de» bricht eine Lanze für Autoritätsjournalismus: «Es macht immer noch den Unterschied, wer etwas sagt. Und wo er es tut.»

Was wiederum Thomas Knüwer, bloggender Journalist vom «Handelsblatt», persönlich werden lässt: «Wenn nämlich die letzte 'Süddeutsche' gedruckt wird, dann werden Artikel wie jener Unsinn, den der Herr Vize-Chef verzapft hat noch immer im Netz stehen.» Die Süddeutsche zündet die nächste Eskalationsstufe und ergeht sich in spöttischer Nerdologie: «Es gibt viele verschiedene Nerds: Schwäbische Nerds, Nerds mit Brillen, Nerds mit Kontaktlinsen, Nerds im Anzug und Nerds mit Nietengürteln.»

Menschen, die im Netz publizieren, werden plötzlich zu geschlechtslosen Grottenolmen, die den Wechsel der Jahreszeiten nur wahrnehmen, wenn ein neues Firefox-Update zur Verfügung steht. Der bekannte Blogger Johnny Haeusler bezeichnet Zeitungen als das Medium der Urgroßeltern und der große Journalist Hans Leyendecker spricht Blogs die Relevanz ab und mehr: Leute, die in Blogs schreiben, seien zum Teil antidemokratisch.

Objektiv? Subjektiv? Relativ!

Als Autor wird man in diesem Konflikt zum Grenzgänger, dem es im Minenfeld des Streits um Druckerpresse oder Publish-Button rasch die Finger von der Tastatur sprengt. Im vergangenen Jahr wurde ich gebeten, für eine angesehene deutsche Tageszeitung einen Beitrag zu schreiben. Ich habe den Artikel verfasst, wie ich meine Blogbeiträge schreibe: sehr subjektiv. Die zuständige Redakteurin hat mir daraufhin gemailt, die Ich-Perspektive sei problematisch. Ihre Eltern würden das eitel finden.

Ich habe den Text entsprechend geändert. Aber ist es nicht erstaunlich? Es soll weniger eitel sein, Objektiviät vorzutäuschen als zu seiner Subjektivität zu stehen. In einem Text, der von nichts als meiner Meinung handelt. Als hätte ich ihn mit der gebündelten Weisheit des Zentralrats der deutschen Journalisten verfasst. Und die Zielgruppe dieser Tageszeitung sind die Eltern der Redakteure?

Im Feuilleton dominieren Opernkritiken und noch die obskurste Aufführung des Lüneburger Alternativtheaters «Kleine Schatten» nimmt mehr Raum ein als Themen, die mich bewegen. Creative Commons? Vorratsdatenspeicherung? Bürgerrechte? Da bin ich in Online-Medien besser versorgt.

Sturgeon's Law

Doch der Konflikt zwischen Printmännern und -frauen auf der einen und Digitalgestalten auf der anderen verliert gänzlich an Dramatik, wenn man – und das ist jetzt eine viel zu frühe Pointe – genau liest, mehr als einen Satz herausgreift und auch schaut, was die Konfliktparteien ansonsten publizieren.

Mir ist kein Blogger bekannt, der nicht schon geschrieben hätte, dass es unfassbare Mengen von Dreck gibt im Internet, der niemals genervt gewesen wäre von Kommentaren oder nicht die Badewannentauglichkeit von Zeitungen schätzt. Und kein Printjournalist geht darüber hinweg, dass das Internet fantastische Dinge bietet.

Es gilt – und das ist im Grunde allen Beteiligten bewusst – Sturgeon's Law. «90 Prozent von Allem ist Mist.» Es gibt die «National-Zeitung» und es gibt «Politically Incorrect», die Seite-Eins-Mädchen der «Bild» sehen gedruckt genauso billig aus wie gepixelt, PerezHilton.com ist die «In-Touch», auf Speed zwar, aber wesensgleich, und die Qualitätskluft zwischen «Happy Weekend» und «Privatamateure.com» dürfte auch nur feigwarzengroß sein.

«Nur Schmutz»

Nun können sich Blogger, Online-Journalisten und Tageszeitungsfreunde bis zum Jüngsten Tag in diesen Misthaufen werfen, sich darin suhlen und nach einer halben Stunde triumphierend mit einem Enthauptungsvideo von Youtube oder einem Paparazzi-Bild aus dem «Goldenen Blatt» emporsteigen aus dem Mist, sich sauberklopfen und rufen: «Sehet her, die andere Seite produziert nur Schmutz.» Oder sie können anfangen, sich auf ihre Gemeinsamkeiten zu besinnen.

Leyendecker lobte ausdrücklich das Bildblog, Haeusler präsentierte mit großem Vergnügen auf der Bloggerkonferenz Re:publica ein eigens hergestelltes Magazin (mit dem ironischen Titel: «Print ist tot») und auch Frank Schrimmacher schreibt: «Es gibt großartige Beispiele für die Wirkung von Blogs, Nachrichtenseiten, Internet-Erzählungen und Filmen, von großem revolutionären Elan in einer geistig fruchtbaren Welt.»

Und Steve Ballmer? Er ist kein Journalist, weder on- noch offline, er ist Software-Verkäufer. Soll er prognostizieren, dass in zehn Jahren alle Rad fahren, Blumen pflücken und sich Baudelaire-Gedichte vorlesen?

Guter Journalismus

Guter Journalismus macht das Schwere leicht und gibt dem Leichten Gewicht. Er nimmt den Leser bei der Hand, wenn es um den Vertrag von Lissabon geht und beschreibt anhand von «Germany's Next Topmodel» und «Deutschland sucht den Superstar» den Existenzkampf der bildungsfernen Schichten. Oder er nimmt ein Fußballspiel, um das Wesen der Welt zu erklären.

Früher nur Print, heute nur online: US-Zeitung 'Capital Times'
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Einige Paradigmen werden sich ändern. Für den Journalismus von Morgen muss nicht mehr der eherne Grundsatz gelten, dass ein Journalist sich nicht mit einer Sache gemein machen soll. Ist Günter Wallraff ein schlechter Journalist, weil er die Missstände, über die er berichtet, beseitigen will? Objektivität ist immer auch ein Vorspiegeln quasi-juristischer Blindheit, gottgleicher Erkenntnis. Das nimmt einem in Zukunft niemand mehr ab.

Was sich nicht ändern wird, ist, dass guter Journalismus von Neugier getrieben ist, von der Suche nach der treffendsten Formulierung, dem besten Bild, der Perspektive, die so noch niemand eingenommen hat. Guter Journalismus will überraschen und die Gesellschaft voranbringen, will unterhalten ohne zu diffamieren und angreifen ohne zu denunzieren.

Ob der Artikel dann in Form von Pixeln oder Druckerschwärze erscheint – das ist eine Frage von Wirtschaftlichkeit und Geschmack. Und nur interessant für Hobby-Hellseher.

 
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