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Tagesthema Hauptstadt: 

Ihr Alltag ist Millionen wert

23. Jun 2008 16:58
Hoch hinaus: Alltag eines Fassadenkletterers in Berlin
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Wie lebt, liebt und stirbt eine Hauptstadt? «24 Stunden Berlin» will es herausfinden. Bei dem TV-Projekt steht einen ganzen Tag lang der Alltag in der deutschen Metropole im Mittelpunkt. Wie Sie am Drehtag selbst mitmachen können, berichtet Bettina Meier.

Die alte Frau mit den weißen verstrubbelten Haaren dreht sich orientierungslos in dem Zimmer des Berliner Altenheims hin und her. «Wo ist denn mein Deckchen?», fragt sie. Die laute Stimme des Pflegers klingt angespannt: «Die haben Sie doch drüben noch», sagt er. «Und warum ist Frau Wiesenberg nicht da?», fragt sie verzweifelt. Der Pfleger antwortet gereizt: «Frau Wiesenberg ist auf Toilette!» Zur gleichen Zeit singen junge Christen für Obdachlose in einer Stadtmission, Drogensüchtige spritzen sich den nächsten Schuss, Menschen gehen zur Arbeit, singen für Geld auf der Strasse oder beschließen Gesetze im Bundestag.

Diese und andere Szenen spielen sich täglich in der Hauptstadt ab. Gezeigt wurden sie nun auf einer Pressekonferenz, von den Initiatoren des Projektes «24 Stunden Berlin». Noch mehr solche Szenen suchen die Medienmacher aus Berlin derzeit, um ein bisher einmaliges Fernsehprojekt auf die Beine zu stellen.

Einen ganzen Tag lang wollen sie den Alltag in Berlin einfangen und so ein stimmungsvolles Bild auf Video zeichnen: «Das große Ziel ist, dass man an diesem Tag, egal wo man ist, 24 Stunden Berlin sieht», sagt Lutz Engelke, Geschäftsführer der Firma Triad in Berlin. Sein Unternehmen kümmert sich um die Kommunikationsstrategie von «24 Stunden Berlin» und ruft alle Berliner, Fans und Besucher zum Mitmachen auf. «Wir wollen alles, vom Altersheim, über Berliner Kieze bis hin zu den Berliner in ihren Wohnzimmern aktiv machen», sagt Engelke.

Jeder kann mitmachen

Dabei sein sollen «alt und jung, von afrikanisch, türkisch bis zu reichen Personen aus Zehlendorf, aber auch die armen Leute, das Proletariat», ergänzt der ausführende Produzent, Thomas Kufus. Seit Monaten recherchiert sein Team, um 15 bis 20 Berliner zu finden, deren Leben die Fernsehmacher in verschiedenen Milieus der Hauptstadt einen Tag lang begleiten können.

Haupstadtszene: Fußgänger in Mitte
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Am Morgen des 5. September soll es soweit sein: 80 Kamerateams des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) und des Senders Arte schwärmen aus, um Berliner von morgens bis abends in ihren Alltagssituationen zu begleiten. 400 Personen werden rund 1000 Stunden Filmmaterial drehen. Im Einsatz sind nicht nur 80 Kameras, sondern auch 160 Datenspeicher, 100 Fahrzeuge, fünf Catering-Teams, 20 Fotografen und sechs Schriftsteller.

Wer nicht als Protagonist mitspielt, kann sich in einer von zehn Talkboxen zu Wort melden. In den mannshohen Kiste, die überall in Berlin verteilt werden, können Berliner und Berlin-Besucher Botschaften in eine Kamera sprechen. Die Talkboxausschnitte sollen zwischen den Dokumentarteilen gesendet werden. Außerdem fordern die Veranstalter Berliner am 5. September dazu auf mit Camcorder oder Handykamera ihre eigenen Geschichten zu filmen und einzureichen.

Die Idee kam beim Rolltreppenangucken

Die Idee zu «24 Stunden Berlin» hatte der Regisseur Volker Heise: «Das war vor zwei Jahren am Berliner Hauptbahnhof beim Kaffeetrinken und Rolltreppenangucken.

Ich las, dass englische Historiker ihre Landsleute aufforderten, ihnen eine E-Mail zu schicken, was sie tun, mit dem Zusatz so banal wie möglich.» Die Historiker wollten das Material archivieren und für die Zukunft aufbereiten. Heise kam die Idee, das Projekt der englischen Historiker als Fernsehprogramm in Berlin umsetzen.

Bürgermeister als roter Faden

Ein roter Faden des Films soll Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit sein. Ein Drehteam soll ihn bei seiner Arbeit filmen. Dann könnten Berliner ihren Bürgermeister in der Limousine oder beim Mittagessen beobachten.

Auch Klaus Wowereit (r.) lässt sich bei der Arbeit filmen
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Für den Drehtag hat Wowereit schon einen Termin vorgemerkt. «Das ist der Erstflug von Berlin nach Peking, in unsere Partnerstadt», sagt er. «Ich werde hier in Berlin die Maschine verabschieden.» Neben Wowereit wird auch Musik als roter Faden in dem 24-Stunden-Programm dienen. Sie soll aber keine so große Rolle spielen wie beim Berliner Filmprojekt «Sinfonie einer Großstadt», denn «24 Stunden Berlin» bietet etwas Neues: «Das ist ein Fernsehprogramm. Das wird an verschiedenen Phasen des Tages anders erzählt, morgens schneller als nachts, mittags ruhiger als am Abend», sagt Initiator Heise.

Mit Fernsehen Mauern überwinden

Nach Angaben der Veranstalter wird der Dreh zwei bis drei Millionen Euro kosten. Mitsponsor ist trotz finanzieller Sorgen der Rundfunk Berlin Brandenburg, der sich gerade zwei Programme einstellt. Für «24 Stunden Berlin» aber will RBB-Intendantin Dagmar Reim 750.000 Euro locker machen. «Das ist eine richtig große Anstrengung für uns», sagt sie. «Aber wir sind auch froh darüber, dass das Medienboard Berlin Brandenburg einen Anteil trägt, dass der Sender Arte ko-finanziert, sonst wäre es nicht zu stemmen.»

RBB-Intendantin Dagmar Reim investiert 750.000 Euro in das Haupstadtprojekt
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Laut Reim bietet das Projekt eine Chance auf Völkerverständigung, für die es sich lohne, Geld auszugeben: «Es gibt viele, die den Berlinern im Osten unterstellen, sie interessieren sich nicht für den Westen, und umgekehrt. Ich denke, dass das Projekt solche Mauern überwinden hilft,« sagt sie.

Bürgermeister Klaus Wowereit verspricht sich Werbung für die Hauptstadt: »Ob man das braucht ist eine andere Frage, aber es wird ein einmaliges Projekt sein, was sicher viele Nachahmer findet.« Jeder erlebe seinen Tag anders, so Wowereit. »Zu sehen, was andere Menschen in dieser Stadt an dem Tag gemacht, erfahren und erlitten haben, das finde ich spannend«, fügt er hinzu.

Suche nach dem Besonderen: Flohmarktleben in Berlin
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Schon jetzt schaffen die Macher von «24 Stunden Berlin» Platz für das Rohmaterial, das am 5. September gedreht wird. Laut Kufus könnten beim Dreh am kommenden 5. September, 900 Stunden zusammenkommen. Diese werden Cutter auf 24 Stunden zusammen schneiden und ein Jahr nach dem Dreh senden.

Aber keine Angst: Falls Sie sich nicht auf deutschen Bildschirmen sehen, könnten Sie kommenden Generationen dennoch im Gedächtnis bleiben. Jede Minute des gedrehten Hauptstadtalltags wird in der Deutschen Kinemathek für die Zukunft eingelagert. Sollten Sie am Sendetag dem Hauptstadtalltag aber lieber entfliehen wollen, zum Beispiel durch einen Urlaub in Finnland, seien Sie vorsichtig: Da könnte es sein, dass er Sie wieder einholt: Der finnische Fernsehsender Ödethema wird ebenfalls «24 Stunden Berlin» senden.

 
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