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Mediendschungel: 

Jack Bauer und Vampire vs. Gretchen Haase

23. Jun 2008 06:56
So wurde Bauer nicht in Guantanamo, sondern in China zugerichtet
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Am ersten fußballfreien Tag seit zweieinhalb Wochen soll Jack Bauer mal wieder die USA retten. Und eine neue Ärztin auf RTL soll die deutsche Serie retten. Der «24»-Held hat bessere Chancen, sagt Christian Bartels.

Dieser Sommer ist hart für die Privatsender. Fußball-EM und später die Olympischen Spiele laufen bei ARD und ZDF und entziehen ihnen die fürs Werbegeschäft benötigten jüngeren Zuschauer. So schmeißen sie am ersten fußballfreien Tag seit EM-Start voller Kraft neue Serien auf den Fernsehmarkt.

'Doctor's Diary' auf RTL ist trotz des Titels eine deutsche Serie. Und trotz des Headautors Bora Dagtekin, der für «Türkisch für Anfänger» den Grimmepreis gewann, wird diese Ärztinnenserie die Probleme der deutschen Serie allenfalls insofern erledigen, als dass sie die deutsche Serie ein Stück weiter erledigt.

Folge 1 beginnt mit diesem Gag: Gretchen Haase (Diana Amft, Darstellerin mit wilder Homepage) beugt sich im Brautkleid auf einer Brücke gefährlich hinab. Ein sympathischer junger Mann will sie vom Sprung in die Tiefe abhalten. Was er nicht gesehen hat: die pummelige Braut beugt sich bloß nach der Schokolade, die ihr aus der Hand gefallen ist und auf der Brüstung liegt. Es folgt retardierter Slapstick, sie stößt ihn versehentlich hinab und muss dann selber doch springen, weil er nicht schwimmen kann.

Diana Amft ist Dr. Gretchen Haase
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Schokolade zum Frühstück

Das führt in schöner Verdichtung vor, in welche Fußstapfen «Doctor's Diary» stapfen will: etwas «ViB» (zumindest sind Gretchens Reize so versteckt wie Alexandra Neldels im Fatsuit, in Rückblenden trägt sie auch eine Lisa Plenske-Brille), die Heiratsseligkeit und der exzessive Einsatz von off-Kommentar («Liebes Tagebuch...») erinnern an «Sex and the City» und natürlich ganz doll an «Bridget Jones – Schokolade zum Frühstück».

Nachdem Gretchen die Hochzeit platzen ließ, weil der Bräutigam sie betrogen hat, zieht sie wieder bei ihren Eltern ein. Ihrem Arztberuf geht sie in dem Krankenhaus nach, in dem ihr Vater Chirurgieprofessor ist. Hier triftt sie lauter alte Bekannte wieder - ihr Schulhofschwarm (Florian David Fitz) ist nun ein arroganter Oberarzt - und einen jüngeren: den Lebensretter von der Brücke. Die Dialoge orientieren sich weniger an gesprochener Alltagssprache als daran, welche Informationen gegeben werden müssen, damit man alles versteht, und lassen keinen preiswerten Scherz («Die Laborergebnisse sind da. Herzlichen Glückwunsch!» - «Oh mein Gott, ich bin überhaupt nicht in der Lage, ein Kind aufzuziehen und...» - «Herzlichen Glückwunsch, Sie sind nicht schwanger!») liegen.

Nichts mit «Dr. House»

Zwischenzeitlich schimmert das Potenzial durch, das RTL gekickt haben muss, diese Serie zu produzieren und sogar auszustrahlen: Da bewegt sich eine halbwegs «schlagfertige Heldin zwischen Skalpell, Diäten und zwei aufregenden Männern» (RTL). Doch das meiste erinnert an Marotten der öffentlich-rechtlichen Degeto-Dramatik: Patente ältere Herrschaften in Nebenrollen schmieden voller Tatendrang Pläne für die Jungen, laufend werden Oldies angespielt (bei Gretchens erster Operation: «The First Cut is the deepest»), das Erzähltempo ist konsequent betulich. Nichts mit einer deutschen «Dr. House»-Variation.

Dieser Vampir ist auch Privatdetektiv: Alex O'Loughlin in 'Moonlight'
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Was im RTL-Kontext einfach vorgestrig wirkt, könnte im ARD-Programm als vergleichsweise flott durchgehen. So ein Zusammenhang besteht tatsächlich. Zwar beklagte sich gerade im 'Handelsblatt' die Bavaria-Filmproduktion, eine Tochterfirma der ARD, vom Privatsender-Konzern RTL zu wenige Aufträge zu erhalten. Doch kommen verblüffend viele der deutschen Serien, die auf Privatsendern floppten, von der ARD-Tochterfirma Studio Hamburg: 'Die Anwälte', die RTL nach nur einer Folge absetzte, und die nicht fortgesetzte Sat.1-Serie 'Deadline' . 'Die 25. Stunde', eine bei RTL noch ungesendete «Familienserie mit Mystery-Elementen», kommt ebenfalls von Studio Hamburg - und dessen 100-prozentige Tochter Polyphon hat «Doctor's Diary» produziert.

Vielleicht erweicht das erregte Mitleid die Gemüter der Zielgruppe, die sehr romantisch veranlagt sein muss. Wahrscheinlicher allerdings, dass «Doctor's Diary» allerhand von dem Hohn abbekommt, der sich auch über weniger schwache Versuche, deutsche Serien auf dem Niveau internationaler Vorbilder zu produzieren, schon ergossen hat.

Leichtes Spiel für Pro Sieben, das zurselben Sendezeit mit einer ganz neuen US-Serie gegenhält: 'Moonlight' bietet keine moppelige Heldin ist, die Ärztin, sondern eine krassere Kombination: Mick St. John (Alex O'Loughlin) ist von Beruf Privatdetektiv und außerdem Vampir. Bei einem Kriminalfall begegnet er «Webcastreporterin» Beth (Sophia Myles), und diese beiden kennen sie sich noch länger als Gretchen und der angehimmelte Oberarzt: Mick, der ja unsterblich ist, hatte Beth schon als Kleinkind vor seinesgleichen gerettet. Auch hier wird also viel Vorgeschichte erzählt.

Heimkehr aus dem chinesischen Folterknast

Das geschieht flotter und routinierter als bei RTL. Allerdings zeigt sich in der Vorhersehbarkeit, mit der der Vampir-Detektiv den Episoden-Mordfall löst (begangen von einem Grufti, der sich als Vampir geriert, ohne einer zu sein), dass auch «Moonlight» eher keine Premium-Serie ist, sondern am Reißbrett konstruiert wurde.

Solch eine Premium-Serie ist '24', das im Anschluss (22.15 Uhr) in der sechsten Staffel startet, und zwar erstmals bei Pro Sieben statt auf RTL 2. Weil die USA von einer Anschlagsserie erschüttert werden, wird Jack Bauer (Kiefer Sutherland) aus dem chinesischem Folterknast heimgeholt, in dem er seit Staffel 5 (ausführliche Inhalte aller Staffeln bei wikipedia) sitzt - allerdings nicht, um die Täter zu fassen. Er soll «geopfert» werden, wie es der neue US-Präsident Wayne Palmer ausdrückt. Er soll «für etwas, das einen Sinn hat» sterben, wie Bauer selber sagt. Aber zunächst und vor allem sterben natürlich viele andere.

Die übliche Allein-gegen-alle-Situation wird also noch etwas krasser zugespitzt und auch, was den mythologischen Überbau betrifft, böser. «Das wichtigste ist ihm seine Familie. Für sie würde er sein Leben geben, sein Land verraten, seinen Job verlieren» schrieb Johanna Adorján über Bauer. In der aktuellen Staffel wird er auch mit seinem Vater konfrontiert werden, der in der üblichen Verschwörung überwiegend internationaler Schurken nicht zu den Guten gehört.

Ob das nun ultrakonservativer Nonsens aus Rupert Murdochs Medienimperium (dem «24» ebenso entstammt wie der Sender 'Fox News', der wiederum die Fernsehnachrichten im Film liefert), oder pointiert konstruierte Endzeit-Action, ob sich das Prinzip inzwischen erschöpft hat oder im Gegenteil davon profitiert, dass man sich im Vorfeld der US-Wahlen auch hierzulande wieder mehr für US-amerikanische Mentalitäten interessiert (zumal auch neue «24»-US-Präsident ein Schwarzer ist) - darüber wird sich diskutieren lassen.
Zumindest sofern Pro Sieben die Ausstrahlung des Echtzeit-Klassikers im Werberahmenprogramm konsumierbar gestaltet. Erzählt wird schnörkellos und schnell. Die Splitscreens sind nicht unbedingt zwingend eingesetzt. Aber die Cliffhanger funktionieren. Am Ende der ersten Stunde befreit Bauer sich aus der aktuellen Notlage so, als hätte er auch vorher «Moonlight» gesehen: wie ein Vampir.


«Doctor's Diary»: Mo., 23.6., 20.15 Uhr auf RTL
«Moonlight»: Mo., 23.6., 20.15 Uhr auf Pro Sieben
«24»: Mo., 23.6., 22.15 Uhr auf Pro Sieben

 
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