Mediendschungel: 70.000 Kilometer im Jahr17. Jun 2008 07:07  |  ARD-Vorsitzender noch bis Ende 2008: Fritz Raff | Foto: dpa |
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Im Herzen der ARD (Teil 2): Im zweitgrößten deutschen Medienkonzern führt den Vorsitz gerade die zweitkleinste Mitglied-Anstalt: der Saarländische Rundfunk. Intendant Fritz Raff ist in jeder Debatte dabei. Christian Bartels hat das Funkhaus in Saarbrücken besucht.
Trotz der regelmäßig steigenden Rundfunkgebühren müssen die kleinen Sender in der ARD ähnlich regelmäßig Kosten einsparen und Personal abbauen. Das liegt an den komplizierten Mechanismen des ARD-internen Finanzausgleichs. Die großen Sendeanstalten beklagen, wieviel sie zahlen, die kleinen, wie wenig sie kriegen. In den kleinen kursieren Sprüche über das viele Geld, das die großen besäßen. In den großen Sendern wird über die kleinen gelästert. Nicht jedem erschließt sich, warum ausgerechnet die beiden kleinsten Bundesländer, Bremen und das Saarland, eigene Rundfunkanstalten beherbergen müssen. Das Problem gibt es, seit den 50er Jahren. Seit der kleinen Wiedervereinigung des Saarlandes mit der Bundesrepublik ist der SR eine «nehmende Anstalt».
Durch die
aktuelle Krise beim RBB,
seit Intendantin Dagmar Reim die Einstellung von Radio Multikulti und der ARD-Show «Polylux» ankündigte, kam das Problem auf die Agenda. Spätestens seitdem die Intendanten von WDR, NDR, BR und SWR ihre RBB-Kollegin öffentlich
bezichtigten,
«nicht nur die bewiesene Solidarität innerhalb der ARD, sondern die Handlungsfähigkeit des Senderverbundes insgesamt» zu gefährden, herrscht offener Streit. Gerade bezichtigten die Ministerpräsidenten Klaus Wowereit und Roland Koch die Intendanten, «nicht in der Lage oder willens» zur Einigung zu sein. Das war sehr harsche Kritik. Manche Beobachter halten die Entwicklung für ziemlich gefährlich, weil sie ganz neue komplizierte Auseinandersetzungen unter den ARD-Anstalten und den 16 Bundesländern befeuern könnten. Raff, der fürs Problemelösen «aus eigener Kraft» plädiert, ist sehr strikt dagegen, sich öffentlich über andere ARD-Anstalten zu äußern.
Oberbürgermeister im Persönlichkeitswahlkampf Bislang war es dem Vorsitzenden ganz gut gelungen, solche Streitigkeiten intern zu managen. Raff hat «unglaubliche Präsenz» entfaltet, loben Beobachter - obwohl er keine Macht im Rücken hat und der Leiter seiner Intendanz während seines Vorsitzes zum mächtigeren NDR
wechselte.
Während der Verhandlungen zum von den Ministerpräsidenten nun vorangetriebenen
Rundfunkstaatsvertrag
war Raff «an vorderster Front» dabei. Da ging es etwa darum, den diffusen Terminus «elektronische Presse» durch zusätzliche Formulierungen wie «journalistisch-redaktionell gestaltete Angebote aus Text und Bild, die nach Gestaltung und Inhalt Zeitungen oder Zeitschriften entsprechen» zum eigenen Vorteil zu drehen. Bei solchen Wortklaubereien, die die Beteiligten «Wording» nennen, ist der Diplom-Verwaltungswirt gewiss nicht fehl am Platz.
1985 wurde Raff als SPD-Kandidat im eigentlich CDU-treuen baden-württembergischen Städtchen
Mosbach
zum Oberbürgermeister gewählt. Ein «reiner Persönlichkeitswahlkampf» sei das gewesen, sagt er. Ende Mai 2008 war er wieder dort. Da hat er auf dem Gewerkschaftstag des baden-württembergischen DJV (Deutscher Journalisten-Verband) über Medienpolitik geredet. Bei Journalistengewerkschaften hatte er seinen Berufsweg auch begonnen: 1971 wurde Geschäftsführer des beim SWJV, 1977 Hauptgeschäftsführer des DJV in Bonn. Zeitweise war er Chefredakteur der DJV-Zeitschrift «journalist».
All diese Verbindungen halten. Der DJV
unterstützt
sämtliche Gebührenerhöhungs-Ansprüche der öffentlich-rechtlichen Sender, die sonst außerhalb der Sender eher selten auf Zustimmung stoßen. Und als der frühere DJV-Bundesvorsitzende Manfred Buchwald SR-Intendant wurde, holte er den noch amtierenden Oberbürgermeister Raff als Verwaltungsdirektor. Das heißt: Raff hat seit seinem 22. Lebensjahr mit Gremien zu tun. Meistens in gleich mehreren geschäftsführenden Positionen. Was er da gelernt hat? «Wenn man das Vertrauen der Gremien verloren hat, ist es zu spät». Man dürfe weder tricksen noch opportunistisch sein.
 |  Nächster Streitpunkt der ARD-Chefs: Wann soll Plasberg demnächst laufen? | Foto: dpa |
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In den Galaxy umsteigen Konkrete Ausblicke in die ARD-Zukunft will Raff nicht geben. Dass «am Ende der nächsten Gebührenperiode die demographische Entwicklung voll durchschlagen» und die Einnahmen der Sender reduzieren wird, sagt er allerdings voraus. Nicht auszuschließen, dass dann wieder die Frage gestellt wird, ob es wirklich eines Saarländischen Rundfunks bedarf. Deswegen äußert Raff gern Sätze wie «Der Saarländische Rundfunk gilt mit Recht als ein wichtiger Garant für die Selbständigkeit des Saarlandes». SR-Mitarbeiter sagen, dass Raff beliebt sei, weil er deutlich macht, dass es fürs kleine Saarland ein Privileg ist, anders als das siebenmal größere Niedersachsen eine eigenständige Rundfunkanstalt zu haben. Medienpolitiker sagen: Es geht für die ARD und ihre Institutionen darum, jede Veränderung an den über Jahrzehnte gewachsenen Strukturen und jedes Stück Verzicht auf irgendetwas, das ihr ihrer Meinung nach zusteht, teuer zu verkaufen. Wenn Raff Ende des Jahres den ARD-Vorsitz turnusgemäß abgibt, wird Peter Boudgoust, Intendant des benachbarten SWR, sein Nachfolger. Boudgoust wohnt in Kirchheim unter Teck bei Stuttgart; dorthin fährt auch Raff öfters, seine Frau kommt daher. Wie Raff wurde Boudgoust als Verwaltungsdirektor zum Intendanten gewählt. Ob er auch so ein Gremienfuchs ist, muss sich zeigen. Bis dahin wird Fritz Raff noch einiges zu managen haben. Es sind viele Fußballrechte auf dem Markt. Und damit die «Tagesthemen» wieder eine einheitliche Anfangszeit bekommen, muss Frank Plasbergs Show erst vor kurzem unter vielen internen Diskussionen ins ARD-Programm gehobene Show verlegt werden - wohin, da gibt es unterschiedliche Ansichten. Fritz Raff kann gut im Auto arbeiten, lesen und telefonieren. In früheren Intendantenjahren sei er rund 35.000 km im Jahr gefahren, sagt sein Chauffeur, zurzeit sei es rund doppelt so viel. Für die Dauer seines ARD-Vorsitzes hat der SR eine Limousine mit geräumiger Rückbank geleast. Anschließend wird Fritz Raff wieder in einen Ford Galaxy umsteigen.
Für das Web ediert von Christian Bartels |