17.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
"Das schönste Funkhaus Deutschlands": SR-Sitz auf dem Halberg
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Im zweitgrößten deutschen Medienkonzern, der ARD, führt den Vorsitz gerade die zweitkleinste Mitgliedsanstalt: der Saarländische Rundfunk. Christian Bartels hat das Funkhaus in Saarbrücken besucht.
«Hauptsach, gudd gess gschafft hammer schnell». Wer Saarländer ärgern will, muss ihnen nur mit diesem Lebensmotto kommen. Das mit dem guten Essen betonen sie zwar selbst immer gern, aber nicht ohne hinzuzufügen, dass sie viel und hart arbeiten. Schließlich war das Saarland eine Bergbauregion. Oft wird der Ausspruch Oskar Lafontaine zugeschrieben. Der immer noch bekannteste Saarländer sorgt häufig für Aufregung - zuletzt als er mit Klaus Wowereit die Anne-Will-Show derart dominierte, dass verärgerte CDU-Politiker
Wills Absetzung forderten.
Was den öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrifft, ist das zweitkleinste Bundesland, das Saarland, ohnehin sehr präsent. Der Intendant des Saarländischen Rundfunks (SR), der zweitkleinsten der neun Anstalten, die die ARD bilden, führt seit Anfang 2007 den ARD-Vorsitz.
Fritz Raff ist in allen Diskussionen dabei, die um die ARD kreisen. Seit er Vorsitzender ist, kreisen besonders viele Diskussionen um die ARD: über die Rundfunkgebühren, über das, was sie alles im Internet tut und darf, über Anne Will, Frank Plasberg und manchmal auch über andere Sendungen.
IPTV im «digitalen Wohnzimmer»Und seit der 60-jährige, dezente Lebensfreude ausstrahlende Raff den Vorsitz führt, tritt die ARD relativ geschlossen auf. Die jüngste Will-Aufregung war dafür nochmal ein gutes Beispiel: Die Will-Gegner kamen via «Bild»-Zeitung zu Wort, die Will-Gegner aber, die es im Senderverbund gibt, schwiegen, die Aufregung
verpuffte. Vor Raffs Antritt, Ende 2006, tobte wild die Diskussion, ob RTL-Showmaster Günther Jauch zur ARD kommen soll; im mächtigen NDR war man dafür, im mächtigen WDR dagegen, alle sagten, was sie meinten. Heute werden Streitpunkte intern besprochen.
Wo Raff seine Intendanz hat, residierte nach dem Zweiten Weltkrieg der französische Militärgouverneur des Saarlands. Der Saarländische Rundfunk sitzt auf dem Saarbrücker Halberg im «schönsten Funkhaus Deutschlands», wie viele Redakteure gern und zurecht sagen. Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte eine Unternehmerfamilie
Schloss Halberg aus lothringischem Jaumont-Kalkstein errichten lassen. Noch heute wird auf Führungen über das SR-Gelände darauf hingewiesen, in welchem Balkonzimmer einst Kaiser Wilhelm II. übernachtete. Solche Führungen gibt es viele - rund 250 im Jahr. Der SR bemüht sich um Verankerung in seiner Region.
Um Modernität ist man aber auch bemüht. Ein «digitales Wohnzimmer» demonstriert Rundfunkräten und anderen Interessierten all die neuen Sendetechniken vom Digitalradiostandard DAB bis zum Fernsehen über Internetprotokoll (IPTV), für die Raff maximale Verbreitungswege für die ARD erkämpfen will. Stolz ist man auf den
'Newsroom'. Hier kommen Redakteure aus Radioprogrammen, regionalen Fernsehsendungen und der für Videotext und Internet zuständigen Abteilung zusammen. «Themenscouts» schlagen Ideen vor; damit keine Redaktion mehr für sich allein recherchiert, sind alle durch ein Computersystem namens «Open Media» verbunden. Das wirkt nicht ungemein revolutionär im Internet-Zeitalter. Doch in öffentlich-rechtlichen Anstalten mit jahrzehntelang gewachsenen Strukturen ist so etwas wichtig und stärkt die Akzeptanz neuer Medien.
Baccara, Abba, Chicago, SupertrampSensationell sind die Inhalte nicht, zum Beispiel die Anfrage bei McDonald's, ob unter den Kindern, die zur Fußball-EM die Mannschaften aufs Spielfeld eskortieren, auch saarländische sind. Die Ausrichtung ist strikt regional, und das Saarland mit gut einer Million Einwohnern ist ein kleines Bundesland. Wenn hier laut Quotenmessung Jauchs Millionärsquiz 20,9 Prozent Marktanteil erreicht, bedeutet das rund 92.000 Zuschauer. Erreicht die SR-Hauptnachrichtensendung 13,4 Prozent, sind das 45.000 Menschen. Für das Dritte Programm, das der SR gemeinsam mit dem größeren SWR betreibt, produziert er Sendungen wie das grenzüberschreitende Magazin
«SaarLorLüx» und ein tägliches Vorabendprogramm. Dort wird zwar die ARD-Boulevardsendung «Brisant» wiederholt, es gibt aber auch den wöchentlichen
'Kulturspiegel'. Andere ARD-Sender würden sich darüber ärgern - SR-Redakteure sind stolz, weil der SR beweise, dass Kultursendungen schon früher als am späten Abend funktionieren.
In der ARD-Mediathek, die Monate nach ihrer Ankündigung (natürlich durch Raff) im Mai '08 online ging und seither in allen medienpolitischen Debatten zu den Top-Aufregern zählt, sind derzeit keine Fernsehsendungen des SR zu finden. Das mag mit den hohen Kosten fürs Streaming zu tun haben. Dafür lassen sich alle SR-Radioprogramme online streamen - und überdies sieben «Webchannels», die rund um die Ohr ohne Moderatoren Radio-Musikrichtungen abspielen.
'Unserding Schwarz' liefert Black Music, «SR 1 Klassiker»
Interpreten wie Baccara («Yes Sir, I can boogie»), Abba, Chicago, Supertramp und die Rolling Stones. Auch so eine moderne SR-Idee, die 2007 Aufsehen erregte - und den Zorn privater Radiosender, die
anzweifelten, ob so etwas aus Rundfunkgebühren finanziert werden muss.
Provokanter Text, schnelle SchnitteIm ARD-Programm ist der SR mit einem Erzeugnis sehr präsent, das allerdings nicht als saarländisch kenntlich ist: Alle Trailer, die zwischen den Sendungen auf kommende Sendungen hinweisen, kommen aus Saarbrücken. Eine rund 14-köpfige
Redaktion fertigt im Jahr mehrere Tausend solcher Werbespots fürs eigene Programm. Beide Trailer-Stimmen, Carmen Bachmann und Karl Heinz Kaul, arbeiten auch fürs SR-Radio. «Es gibt keinen langweiligen Trailer», ist Redaktionsleiter Harald Klyk überzeugt, jeder biete ja provokanten Text und schnelle Schnitte. Sollten Zuschauer von zu vielen zu oft wiederholten Trailern genervt sein, liegt die Schuld sowieso in München, wo die ARD-Programmredaktion die Abfolge festlege.
Zum ARD-Programm soll der SR laut Verteilungsschlüssel 1,3 Prozent beisteuern. Stolz ist er darauf, dennoch 5,4 Prozent der Kommentare in den «Tagesthemen» zu stellen. Ansonsten gibt es überregional wenig Saarländisches zu sehen. Gern sah sich der SR als «der Radsportsender» und die Tour-de-France-Übertragungen als Höhepunkte seiner Arbeit. Das Managen des Imageverlusts seit den Dopingaffären zählt zu den Aufgaben, die Raff für den ARD-Vorsitz gestählt haben dürften. Auch auf Kabarett war man stolz, auf den einst von Hanns Dieter Hüsch moderierten «Gesellschaftsabend». Nach Matthias Beltz' Tod und dem
Rausschmiss von Lisa Fitz (den diese sich durch ihren Auftritt im RTL-Dschungelcamp eingehandelt hatte) ging auch Richard Rogler. Im September wird
'Alfons', der durch Straßenumfragen mit seinem «Puschelmikro» aus dem NDR bekannte Franzose Emmanuel Peterfalvi, durch den 203. «Gesellschaftsabend» führen.
Mehr TV-Filme als
einen 'Tatort' im Jahr produziert der SR nicht mehr. Die Mitarbeiterzahl des SR sank seit den späten Neunzigern von über 800 auf unter 600. Damals verlegte man sich auf Reiseberichterstattung, etwa im «ARD-Ratgeber Reise», als eine Kernkompetenz. Eine clevere Entscheidung. Reisesendungen lassen sich gut wiederholen, was der Programmpräsenz gut tut.
Wie Fritz Raff Gremien bändigt und welche Gefahr der ARD trotzdem droht:
weiter in Teil 2