Rundfunkstaatsvertrag:
Verona Pooth im Drei-Stufen-Test
13.06.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Es gibt auch völlig andere Definitionen vonseiten der EU. Welche letzlich gilt, ist nicht klar. Das ist nur ein Beispiel dafür, dass zwischen der Medienpolitik und der technischen Entwicklung und Anwendung von Medien eine große Lücke klafft.
Überraschenderweise ist diese Neufassung gar nicht so übel - zumindest nicht so übel, wie das Lobbyistengeschrei erwarten ließ, das öffentlich-rechtliche Sender und Verlegerverbände über Monate aus Extrempositionen heraus inszeniert haben. Zwar ist, anders als geplant, noch nichts beschlossen, aber die Einigkeit scheint groß zu sein. Und es wird auch nicht, anders als von einigen Seiten angekündigt, ein neuer Machtkampf mit der EU-Kommission gesucht, der alles um Jahre verzögern könnte.
Zwei weitere, im Vorfeld umstrittene Punkte sind der Drei-Stufen-Test, der nach Vorbild des britischen Public-Value-Tests den Wert neuer öffentlich-rechtlicher Angebote für die Gesellschaft bemessen soll, und die Sieben-Tage-Frist für den Online-Abruf im Fernsehen gesendeter Sendungen. Beides ist nun durchaus elegant verknüpft: Grundsätzlich gilt die Regel, dass TV-Sendungen nach sieben Tagen aus dem Netz genommen werden müssen. Bei Public Value kann sie durch einen Drei-Stufen-Test außer Kraft gesetzt werden, etwa bei Angeboten zu Bildung, Kultur und für Kinder. Das nimmt die Diskussionen auf, die in den vergangenen Tagen mit viel Schärfe und jeweils guten Argumenten auf allen Seiten (beim Verschweigen guter Gegenargumente) geführt wurden.
Andererseits: Neulich, als im ZDF Markus Lanz als Kerner-Vertreter debütierte, war bei ihm mal wieder Privatfernsehstar Verona Pooth zu Gast. Online flankierte das ZDF das Ereignis, indem es eine Plauderei zwischen Pooth und Kerner in einer Kerner-Show im Februar aus seiner Mediathek hervorhob. Beide jeweils halbstündigen Plaudereien gibt's in guter Qualität im Vollbildmodus online zu sehen. Mehr Wert als die Erkenntnis, dass im ZDF denselben Prominenten verdammt oft auf ähnliche Weise ähnliche Fragen gestellt werden, dürfte selbst der ZDF-Fernsehrat darin nicht erkennen.
Auch wenn es also sein mag, dass das ZDF im linearen Fernsehen seinen sogenannten Funktionsauftrag der gesellschaftlichen Integration erfüllt, indem es mit Pooth viele Zuschauer ködert, die eventuell dranbleiben und in einer anschließenden Sendung Kultur vermittelt kriegen, dürfte niemand damit geholfen sein, die Kerner-Shows über Monate hinweg zum Einzelabruf ins Netz zu stellen. Aktuell lassen sich Kerner-Shows aus dem Mai 2007 abrufen.
Die öffentlich-rechtlichen Chefs konterten mit niedrigen Zahlen, die man auch nicht unbedingt glauben muss. Laut Intendant Markus Schächter zahle das ZDF derzeit 2,4 Millionen Euro im Jahr für die Online-Verbreitung. Dass jedenfalls derzeit beim Streaming eine verhältnismäßig kleine Zahl von Nutzern verhältnismäßig hohe Kosten verursacht, sagen auch besonnene Beobachter. Fest steht: Je erfolgreicher die Mediatheken, je länger gestreamt wird, je besser die Bildqualität, desto teurer wird es für den Anbieter. Eben deshalb bietet die viel kritisierte ARD-Mediathek keinen Vollbildmodus.
Insofern haben die Medienpolitiker eine vernünftige Lösung hingekriegt. Und es gibt Hoffnung, dass die Streiter auf beiden Seiten ihre Nickeligkeiten beenden. Monatelang warfen sie sich Begriffe wie Atomkraftwerk und Amputation, Markt- und Managerversagen, «medienpolitisches Mittelalter» und «Enteignung der freien Presse» an den Kopf.
Es ist verständlich, dass sich klassischere Medien wie das Fernsehen und die Printpresse bedroht fühlen angesichts des Internets, von dem niemand weiß, wie es sich entwickeln wird. ARD und ZDF haben recht, in mittlerer Zukunft um ihren Bestand zu fürchten: Wenn erst die jungen Leute, die heute wenig öffentlich-rechtlich fernsehen, die Mehrheit der Gebührenzahler stellen, wird es für die Akzeptanz der Sender schlecht aussehen. Auch haben die Presseverleger nicht unrecht, wenn sie fürchten, dass sie denen, die heute mit dem Internet aufwachsen, dereinst weniger Zeitungen und Zeitschriften werden verkaufen können; dann werden sie durch Verkaufserlöse und gedruckte Anzeigen weniger einnehmen. Vermutlich hilft es in beiden Fällen, gute Internetangebote zu entwickeln, die idealerweise auf die vorhandenen Stärken aufbauen. Aber permanent in wüsten Metaphern den eigenen Untergang anzukündigen, sofern nicht alle eigenen Bedingungen erfüllt werden, obwohl man ansonsten Quartal für Quartal Rekordgewinne vermeldet beziehungsweise Jahr für Jahr sichere Gebühreneinnahmen verzeichnet, beschleunigt allenfalls den eigenen Untergang und hilft sonst wenig.

