Unlust am Wagnis: GEZ ist geil! (Teil 2)13. Jun 2008 08:09  |  Tim Mälzer | Foto: dpa |
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Was das gebührenfinanzierte Fernsehen dringend braucht, ist Coolness und Mut zu Innovation, meint Jan Feddersen. Selbst das Zuschauen beim Kochen sei keine Erfindung von Kerner (ZDF), sondern von Mälzer (Vox).
Die Öffentlich-Rechtlichen wissen das genau und haben das Ihre dazu getan, diese Tendenzen umzukehren. Beziehungsweise: Sie tun es gerade. Im Radio beispielsweise über die Etablierung von Jugendwellen, im Fernsehen aber nicht durch ästhetische Zuspitzungen oder Qualitätsoffensiven, sondern in erster Linie durch den Ankauf von Sportlizenzen. Die Fußballbundesliga, die Rechte an Weltmeister- und Europameisterschaftsturnieren der Fußballer – und neuerdings der Handballer – haben beide Flaggschiffe der öffentlich-rechtlichen Senderstruktur im Verhältnis zur RTL-Familie in punkto Marktanteile konkurrenzfähig gehalten.Aber an genau dieser Stelle beginnt der Zorn der Privaten: Fußballrechte – die vor allem – kosten monströs viel Geld, und ARD wie ZDF sind in die Verhandlungen um sie getreten, als wären sie privat organisiert. Mit der Bundesliga im Angebot hat jeder Sender einen Vorsprung im Hinblick auf die Eroberung des TV-Publikumsmarktes. Aber, Populist, der er war, mit dem Hinweis auf den Grundversorgungsauftrag hatte noch der sozialdemokratische Kanzler Schröder jedes Ansinnen privater Sender, erkleckliche Teile des Fußballpakets ankaufen zu können, abgewiesen. Deren Hinweis, die Gebührengelder würden für eine kommerzielle Veranstaltung wie Fußball zweckentfremdet, konterte der damals wahlkämpfende Regierungschef mit dem Argument, Fußball sei Kulturgut und müsse vor dem Zugriff privater Interessen geschützt werden. Kulturgut? Eine willkürliche Bezeichnung – Fußball ist es nur, weil dieser Sport so populär ist. Wie dem auch sei – im Sinne dieser Logik geschah's: ARD und ZDF übertrugen die wichtigsten Partien der Weltmeisterschaft und nahmen RTL die Marktführerschaft in Deutschland wieder ab. Die Ware – nicht: das Kulturgut – Fußball ist der Turbofaktor, um jeden privaten Sender auf die hinteren Plätze zu verweisen. Das trifft erst recht auf die Lizenz zu, die die ARD von der Deutschen Fußball Liga erwarb, um in der ARD-«Sportschau» die Bundesliga reportieren zu dürfen. Dieser Deal hat die ARD in die Pole-Position gebracht, über ihn zieht sie auch Publikum an, das sie sonst kaum noch erreicht: Menschen, die noch nicht über 49 Jahre alt sind. Und zwar mit weiteren Refinanzierungsmitteln, die denen der privaten Sender in nichts nachstehen. Die «Sportschau» wird von Werbung unterbrochen wie einst bei RTL oder Sat.1 – und wir als Publikum mussten das auch während der Fußballweltmeisterschaft hinnehmen. Problematisch jedoch ist, dass die öffentlich-rechtlichen Anbieter selbst bei voller Gebührenfinanzierung offenbar nicht ohne Reklame über die Runden kommen. Ihre Programme unterscheiden sich auf diese Weise tatsächlich nur in einer Hinsicht von denen der Privaten: Die einen müssen ihre Erlöse vollständig selbst organisieren, die anderen wissen immer schon einen Gebührenstock sicher – als Startkapital auf dem Markt. In Frankreich hat jüngst ein Vorschlag von Staatspräsident Nicolas Sarkozy für ein mittleres Erdbeben in der Fernsehlandschaft gesorgt: Die öffentlich-rechtlichen Sender sollten generell auf ihre Mitfinanzierung durch Werbung – 60 Prozent über Gebühren, der Rest über die Akquisition von Werbespots – verzichten. Während die privaten Fernsehstationen jubelten, zeigte sich die Reklameindustrie nicht einhellig begeistert: Mit dem Werbeverzicht würden ihre Kunden relevante Konsumentengruppen verlieren – die solventen Älteren und die Besserverdienenden. Ähnlich wäre es wohl um die Gefechtslage in Deutschland bestellt: Über ARD und ZDF werden Kundensegmente erreicht, die die Werbeindustrie zu Recht nicht bei den Privaten vermutet. Aber das muss nicht die Sorge derjenigen sein, die sich um die Qualität und Kompetenz des Fernsehens Sorgen machen und zugleich auf eine durch die Gebühren gebrochene Marktlogik vertrauen. Sie nämlich sind ja der Preis, mit dem ein Angebot bezahlt wird – ein anderes als das der Privaten. Generell muss der Vorschlag Sarkozys also nicht als irre abgetan werden: Ein Fernsehen ohne Werbung, das nur aus den Gebühren seiner Kunden finanziert wird – warum eigentlich nicht? Denn ginge es wirklich um Grundversorgung, wie es Verfassung und ihre Gesetze vorschreiben, um einen Schutz von Minderheitenbegehren, um die Chance, die Archivbestände des Fernsehens via DSL-Kraft zu genießen, würden ARD und ZDF nicht so häufig den Privaten zum Verwechseln ähnlich sehen. Es wäre eine gerechte Konkurrenz mit den im VPRT, dem Verband Privater Rundfunk und Telemedien e. V. (RTL, Sat.1 und anderen), organisierten Anbietern. Kaum ein Kritiker, geschweige denn Zuschauer, wird ernsthaft behaupten, dass die öffentlich-rechtlichen Programme von besserer, teurerer Qualität seien als die der Privaten. Keine Fußballübertragung durch ARD und ZDF war ernsthaft besser, selbst Expertenduette vom Schlage Gerhard Delling/Günter Netzer oder Jürgen Klopp/Johannes B. Kerner waren keine öffentlich-rechtlichen Erfindungen – das hatten die Privaten während ihrer Fußballphase längst erfolgreich erprobt. Das Hauptproblem, um das es leider geht, heißt: Coolness. Was als cool gilt, als okay und kredibel unter Jüngeren und Junggebliebenen, hängt ohnehin von Moden ab. Die ändern sich mitunter schnell. Selbst die Kritik am legendären RTL-Profiler und Programmmacher Helmut Thoma eingerechnet, der Mitte der 1980er Jahre die Losung ausgab, dass Coolness wirtschaftlich gerechnet nur bedeuten kann, allenfalls auf das Publikum zwischen 14 und 49 Jahren Rücksicht zu nehmen, führt nicht weiter. Natürlich können auch Erwachsene jenseits der 49 cool sein – siehe Thomas Gottschalk. Aber wahr ist, dass beinahe alle Programmangebote der Privaten cooler wirken als die der öffentlich-rechtlichen Sender.
Bei RTL II sind die Sorgen von Jugendlichen besser aufgehoben
 |  Was ARD und ZDF fehlt: coole Serien wie 'Prison Break' | Foto: FOX |
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Alle relevanten Sequels, die in den vergangenen Jahren in Deutschland populär wurden, stammen aus den USA oder aus Großbritannien – und bis auf das ZDF, das Sonntag spätabends Zeichen setzte mit britischen Serien wie «Für alle Fälle Fitz», «Die Methode Hill» oder den dänischen Kriminalfilmen «Der Adler», werden sie alle über die Privaten ausgestrahlt: Serien wie die «CSI»-Ableger, «Dr. House», «Without A Trace», «Cold Case», die «Gilmore Girls», «Prison Break» oder «Für alle Fälle Amy». Sie alle bergen Folge für Folge mehr filmisches Tempo, kreatives und schauspielerisches Vermögen als fast alles, was in der ersten Reihe zu sehen ist. Dort lernen wir nämlich nichts über gespaltene Persönlichkeiten, die wie Dr. Gregory House moralische Kotzbrocken, aber letztlich doch verkappte Menschenfreunde sind, sondern werden stattdessen «In aller Freundschaft» von öffentlich-rechtlichen Chefärzten sediert, deren Aftershave immer noch nach den käsigen Fuffzigern riecht. Fast alles, was innovativ war in den vergangenen 20 Jahren im deutschen TV, ist stil- und imageprägend bei den Privaten ausgebrütet, geboren und zum Leben gebracht worden. Nicht Kerner hat den Deutschen das Kochen (oder das Zuschauen beim Kochen) als urbanen Lifestyle verkauft, sondern Tim Mälzer (Vox). Oder das Umziehen, das Auswandern, das Einrichten, das öffentliche Casten, das Duell um die Schönste im ganzen Land oder den Superstar des Singens und des Schämens: Vor allem lernte man – und kupferte gelegentlich ab – von RTL, bei Formaten wie «Deutschland sucht den Superstar», «Germany’s next Topmodel» oder der «Dschungelshow». Und selbst wenn ein Genre wie das Schuldenaustreiben einen öffentlich-rechtlichen Ursprung hat wie die Sendung «Der große Finanz-Check» (seit 2006 im WDR zu sehen), wurde das Format erst durch Peter Zwegats «Raus aus den Schulden» so richtig populär.
Cool hätte auch die Vorabendshow «Bruce» sein können – aber Bruce Darnell war über die Privaten bekannt geworden, in der ARD nahm sich sein Wirken wie ein schriller Komet in einem toten Kosmos aus: Die Quoten waren bislang so astronomisch schlecht, dass die reformorientierten Kräfte in der ARD sich nicht ermutigt fühlen dürften. Dem Ersten ein juveniles Lifting zu verpassen, ist offenbar fast unmöglich. Immerhin kann der Senderverbund froh sein, dass es des Deutschen liebstes Krimiformat im Portfolio hat, den «Tatort». Auch wenn es dort oft zäh und betulich zur Sache geht und anders als in US-amerikanischen Produktionen echte Spannung – wirklich akkurat aufbereitete Ermittlungsarbeit wie psychologische Präzision – keine Rolle spielt, schlägt diese Reihe sonntagabends, die letzte wache Zeit vor der Arbeitswoche, nach wie vor alle Konkurrenz: als Sedativum? Zahlen besagen oft nur wenig, es müsste ARD und ZDF zu denken geben, dass die Sorgen und Nöte und Spaßbedürfnisse der Jugendlichen offenbar besser aufgehoben sind bei Vox, RTL II, RTL und ProSieben, wenn Stefan Raab zur Show bittet. Auch deren Nachrichtensendungen werden in den Zuschauersegmenten der Jüngeren häufiger gesehen als «Tagesschau» oder «heute». Im Übrigen trifft dieses Verdikt auch zu, wenn man die migrantischen Teile unserer Gesellschaft, deren Konsumgewohnheiten inzwischen auch erhoben und überaus ernst genommen werden, mit einrechnet: Die lieben das Fernsehen, aber nur selten öffentlich-rechtliches.
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