Unlust am Wagnis: GEZ ist geil!13. Jun 2008 08:11  |  Ausfüllen eines GEZ-Anmeldeformulars | Foto: dpa |
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Was das gebührenfinanzierte Fernsehen dringend braucht, ist echte Coolness, meint Jan Feddersen. Mit Volksmusik und hausbackenem Personal funktioniert das nicht, mit Mut zum Experiment sehr wohl. Ein Plädoyer für die öffentlich-rechtliche Zwangsgebühr.
Zum EssayDer Essay von Jan Feddersen ist Ende Mai im "Jahrbuch Fernsehen 2008" erschienen. Das seit 16 Jahren bestehende Jahrbuch umfasst neben sechs medienpolitischen Essays und einer kritischen Inventur des vergangenen Fernsehjahres eine Dokumentation der renommiertesten Fernsehpreise sowie einen Serviceteil mit über 2000 Adressen, Daten und Fakten zum Medienmarkt. Es wird herausgegeben vom Adolf-Grimme-Institut, der Deutschen Kinemathek, der Fachzeitschrift "Funkkorrespondenz", dem Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik und dem Institut für Medien- und Kommunikationspolitik, das auch für die redaktionelle Leitung verantwortlich zeichnet.Jan Feddersen ist Redakteur der "taz". Die Netzeitung dokumentiert seinen Essay ungekürzt mit freundlicher Genehmigung der Jahrbuch-Chefredaktion und der Herausgeber. - » Jahrbuch Fernsehen 2008
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Echte Nerven braucht es immer. Aber irgendwann wird jeder Vorsichtige nachlässig. Bloß kein Radio eingeschaltet laufen haben, jedenfalls nicht so laut, dass es auch draußen zu hören wäre, und auch kein Fernsehton darf zu vernehmen sein. Und dann hat es doch einer vergessen. Ausgerechnet zur Nachrichtenzeit. Wird schon der Paketbote sein – aber auf der Fußmatte steht ein Mann, der sich nicht nur in den fünften Stock ohne Fahrstuhl hochgequält hat, sondern sich obendrein mit einem Ausweis als Vertreter jenes Kürzels zu erkennen gibt, dem man doch unbedingt kein Geld zahlen wollte: der GEZ. Drei Buchstaben, die «Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Bundesrepublik Deutschland» bedeuten. Der Mann an der Tür fragt, nüchtern im Ton und ohne Umschweife, ob man Fernsehen schaue und Radio höre. Leugnen ist zwecklos, denn im Hintergrund ist die Stationsansage zu hören: Deutschlandradio mit seinem Wetterbericht. So sagt man und sucht den Schaden zu begrenzen, denn man ist bei frischer Tat ertappt worden: Ja. Und hastig angefügt: aber erst seit gestern. Das glaubt dieser Mann natürlich nicht mit einer Silbe.Er hakt nach. Seit gestern? Oder seit einem Monat? Der Erwischte hört den Willen zum Kompromiss heraus und sagt, klar doch, sicher, seit fünf Wochen. Es hätte auch schlimmer kommen können, etwa, dass der Mann vor der Tür die Kaufquittung sehen möchte oder einen anderen Beleg dafür, dass sich wirklich erst seit allerkürzestem ein Radio und ein Fernseher im eigenen Haushalt befindet. Jedenfalls endet der Dialog an der Haustür mit einer Unterschrift. Der eigenen. Mit ihr ist man selbst nun auch Teil des öffentlich-rechtlichen Bezahlungs- und Beziehungswesens und sieht nicht mehr schwarz, sondern fern – ganz legal und ohne Strafandrohung.
Das Gutewahreschöne? – Ja, was sonst!
Vom 1. Januar 2009 an wird diese Gebühr 17,98 Euro betragen, darauf haben sich Politiker und Vertreter der öffentlichen-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehstruktur geeignet. ARD, ZDF, Deutschlandfunk und Deutschlandradio erheben diesen Betrag gemeinsam von faktisch allen erwachsenen Bundesbürgern. Ihr zu entgehen, ist nur schwer möglich. Selbst Medienkonsumenten, die glaubhaft versichern, über ihr Radio – im Haushalt, im Auto, im Handy – nur die Programme privater Anbieter zu konsumieren, können der GEZ nicht entrinnen. Die Gebühren, hat das Bundesverfassungsgericht formuliert, werden für die «Gesamtveranstaltung Rundfunk» erhoben. Das nicht allein seitens der privaten Fernsehbetreiber geäußerte Argument, nicht jeder schaue auch zwangsläufig öffentlich-rechtliche Programme, sei irrig. Schließlich, so die Verhandler von ARD und ZDF um die Erhöhung der Rundfunkgebühren, seien ihre Angebote gesetzlich geboten. Per Verfassung seien sie gezwungen, ein Angebot bereitzuhalten, das ausschließlich mit Werbung nicht zu finanzieren sei. Ach so! Die Verfassung! Das Gutewahreschöne? Ja, was sonst! Selbst Haushalte, in denen überwiegend arabische oder türkische Kultur den Vorzug erhält und diese (der muttersprachlichen Versorgung wegen) über Satelliten-TV befriedigt wird, müssen also die GEZ-Gebühr zahlen – ob sie wollen oder nicht. Ausreden? Zwecklos!Tatsächlich haben die öffentlich-rechtlichen Sender quasi Gesetzesrang. Einen, der sie zur Existenz sozusagen verpflichtet. ARD und ZDF sollen leben, weil nur sie allein – und beim Radio obendrein noch Deutschlandfunk und Deutschlandradio – die Wahrung von Interessen von Minderheiten im Auge behalten können und müssen. Private Fernsehstationen, so war es gedacht, müssen auf ihre Umsätze achten und können auf den Appetit von Minoritäten keine Rücksicht nehmen. Die Gebühren, so das Gebet aller ARD- und ZDF-Lobbyisten, machen erst möglich, ein globales Korrespondentennetz aufrecht zu erhalten; erst das durch die GEZ eingetriebene Geld schaffe finanzielle Luft, einen Begriff von Journalismus mit Leben zu erfüllen, der diesen Namen auch verdient. Und was die öffentlich-rechtlichen Sender auch zu bieten haben, und nur sie, ist ein weites Feld profunder Information und, wenn man so will, archäologischer Kraft.
Die Internet-Präsenzen der Sender zählen ebenso dazu mit ihrer Nachrichten- wie Informationsfülle, aber auch die Serviceleistungen wie das Podcast-System oder die – als gerade erst begonnenes Projekt – Öffnung der Archive für die Konsumenten der jeweiligen Jetztzeit. Lediglich den wirtschaftlichen Interessen der Besitzer von privaten Medienunternehmen unterworfene Fernsehstationen wie Radioprogramme müssen – und, wirtschaftslogisch gesehen, dürfen – auf gar nichts achten. Nur, dass sie eben nicht ignoriert, sprich: eingeschaltet werden. Dass man über sie spricht. Weil dieses öffentliche Sprechen über das Angebot wiederum die Glaubwürdigkeit eines Senders stärkt. Ob dies passiert, hängt wiederum zwangsläufig am Angebot – und Programme, die nicht Anklang finden, werden deshalb umgehend versenkt. Öffentlich-rechtliche Sender hingegen, immer noch aus der Perspektive von ARD und ZDF betrachtet, garantieren und generieren eine Vielfalt, die profitorientierte Unternehmen (sich) möglicherweise versprechen, aber niemals einhalten können.Insofern entbehren die vieltausendfach einander erzählten Geschichten, wie einer jahrelang es geschafft hat, die GEZ auszutricksen, keine Gebühren zu bezahlen, nicht wegen chronischer Schwarzseherei im Gefängnis zu landen, jeder politischen und moralischen Grundlage. Die gleichen Freunde, die fast sündenstolz berichten, wie sie der Zwangsgebühr entkamen, sind es doch, die die Verflachung der Programme gerade durch die privaten Fernsehstationen beklagen. Die von Dudelfunk sprechen, wenn es Radiowellen sind, die an aktuellen – oder im Falle von Oldie-Stationen vergangenen – Charts orientiert sind. Warum bloß ist diese GEZ-Gebühr so schwer einzusehen? Weshalb stellen sich viele so an, diese (verglichen mit dem Kauf eines iPods zum Beispiel) wenigen Gebühreneuros zu bezahlen? Ist das typisch deutsch? Querulanten gegen die Obrigkeit, als die ARD und ZDF phantasiert werden: Gebührenverweigerer als medienpolitische Freibeuterei? Eine Mentalität, geboren in den Sechzigern, als sich die öffentlich-rechtlichen Sender noch als volkspädagogische Anstalten begriffen und häufig an den Interessen gerade Jüngerer vorbei produzierten? Auch dies. Aber heute? Da sowohl hoch- als auch popkulturelle Gemüter befriedigt werden, Freunde des schlichteren Humors ebenso wie feinsinnigere Charaktere? Unbegreiflich: ganz schön viel Angebot für knapp 18 Euro pro Monat.
Der Staat soll sich gefälligst heraushalten Und anderswo? Die Finanzierung sogenannter «Grundversorgung» mit staatlich beaufsichtigtem und behütetem Rundfunk nimmt sich in Nachbarländern kaum anders aus: Dänemark erhebt, nach aktuellem Stand, 294 Euro im Jahr, die Schweiz 281 Euro, Großbritannien 189 Euro und Frankreich etwa 116 Euro. Österreich erhebt – von Bundesland zu Bundesland leicht unterschiedlich – 165 Euro, Schweden wiederum 211 Euro. Gemeinsam mit Deutschland eint sie das gleiche Phänomen: Die Öffentlich-Rechtlichen (oder besser gleich: staatlich beaufsichtigten oder gegängelten) sind für journalistische Gründlichkeit und die Belange von Minderheiten (Kirchen, Kultur im weitesten Sinne und so weiter) zuständig, die Privaten nur für das, was populär ist, weil nur solche Programmformate wiederum Werbegelder erlösen und diese schließlich den Sender überhaupt existieren lassen.In all diesen Ländern haben die privaten Fernsehstationen die Aufmerksamkeitsmonopole der öffentlich-rechtlichen Systeme brechen können. RTL hat in Österreich und der Schweiz ebensolche Marktplätze erobern können wie in Deutschland. In Schweden sind private TV-Anbieter seit Mitte der 1990er Jahre den staatlichen Sendern ebenbürtig, die Radiostationen alles in allem ebenso. Nirgendwo wird die Relevanz der öffentlich-rechtlichen Angebote bezweifelt. In den USA – wo populäre Sender wie CBS, NBS oder Fox strikt privatwirtschaftlich organisiert sind – ist man von derlei «Bevormundungen» frei. Sagen zumindest Kritiker des öffentlich-rechtlichen Systems. Der Staat habe sich aus den Geschäften des Fernsehens gefälligst herauszuhalten, denn es sei ein Geschäft wie jedes andere auch. Das Argument, private Anbieter interessierten sich für gründlichen Journalismus nur als Variable, gilt nicht: Auch Qualitätsjournalismus müsse sich verkaufen – und wenn er dies nicht tut, ist es Pech für dieses Angebot und kein Anlass für böswillige Kritik an den Konsumenten, die sich für ihn nicht interessieren.
 |  Qualität über Kabelgebühren: 'Sex and the City' stammt vom US-Sender HBO | Foto: Pro Sieben |
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Anders als hinzulande, erkauft man sich in Amerika Qualitätsfernsehen über Kabelgebühren – wer mehr Sender, teuer produzierte Shows und Sport-Events, aktuelle Kinohits und exzellentes und im übrigen vielfach preisgekröntes Serienfutter wie «The Wire», «Rome», «Six Feet Under», «The Sopranos» oder «Sex and the City» (HBO), «CSI» (CBS), «Dr. House» (Fox), «Law & Order» (NBC) oder «Dexter» (Showtime) konsumieren möchte, muss halt tiefer in die Tasche greifen. Welche ideellen Zwecke ein Sender bedient, ist einerlei – er muss sich ausschließlich an die Gesetze halten. Beispielsweise ist in den üblichen Kabelnetzen eine Sprache verpönt, die Sex offen thematisiert oder ihn gar zeigt. Deutsches Fernsehen, vor allem die privaten Anbieter nach Mitternacht von Vox bis zum Deutschen Sportfernsehen, aber auch die öffentlich-rechtlichen Stationen nehmen sich gegen die amerikanischen Sittlichkeitsnormen streckenweise extrafreizügig, nun ja, fast schon pornografisch aus.Das deutsche Dilemma freilich ist, dass aus dem gesetzlichen Auftrag, Minderheiten zu berücksichtigen und einem profunden publizistischen Auftrag nachzugehen, ein Monopol einer ganz demografisch zu verstehenden Mehrheit geworden ist: das der Alten und Älteren. Das ZDF und die ARD inklusive aller Nebenprogramme repräsentieren den Marktanalysen der in Nürnberg ansässigen Gesellschaft für Konsumforschung GfK zufolge jene Menschen, die in der kalten Sprache der Werber und Medienanalytiker als alt zu gelten haben. Es sind Menschen jenseits der 49, die für Konsumentscheidungen angeblich nicht mehr so umgehend zu gewinnen seien, die wägen und überlegen, ehe sie kaufen, was ihnen ein Reklamespot verheißt. ARD und ZDF sind, nicht nur im Image, sondern auch realiter, Sender, die eine Kundschaft auf sich ziehen, welche einen besonderen Blick für Venenentschlackungsprodukte oder Treppenlifte haben. Realistisch betrachtet, ist das nicht falsch analysiert. Dass der deutsche Fernsehmarkt einen Aufstand der Älteren zu erwarten hat, steht demografischen Analysen zufolge ohnehin außer Frage. Menschen, die nicht mehr jugendlich oder jungerwachsen sind, dominieren unsere Gesellschaft, auch wenn die Älteren, so lautet der im Straßenbild leicht fassliche Gegentrend, immer jünger wirken wollen. ARD und ZDF jedenfalls klebt, so oder so, der böswillig grundierte Leumund an, Kukident-Sender zu sein.
>>Hier
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