Inszenierter «EM-Krieg» aus dem Hause Springer:
Wie geheuchelte Empörung zu Geld wird
06. Jun 2008 11:08
 |  Dahinter steckt nich unbedingt ein schlauer Kopf: "Fakt"-Zeitung | Foto: AP |
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«Es wird immer irrer» – die Schlagzeile der «Bild»-Zeitung könnte symptomatisch für die hausinterne Hetzkampagne stehen. Mit den Realitäten habe das nichts zu tun, meinen Fachkundige des deutsch-polnischen Verhältnisses einhellig.
Jetzt mischt noch ein weiteres Springer-Blatt mit in der inszenierten Hetzkampagne «Polen gegen Deutschland und umgekehrt»: Die Zeitung «Dziennik» ist ein überregionales polnisches Blatt. Seit April 2006 ist es auf dem Markt und gehört zu Axel Springer Polska.
«Dziennik» kommentierte am Freitag das sportliche Verhältnis zwischen Polen und Deutschen mit den Worten: «Wir mögen deutsche Autobahnen, Autos und Schokolade, die deutschen Sportler haben wir allerdings niemals gemocht. Diese Abneigung wurde noch dadurch verschärft, dass sie sehr oft und skrupellos nach unseren Besten greifen und sie einbürgern: in letzter Zeit Podolski, Klose, Trochowski und früher Michalczewski, Kozakiewicz oder Wilimowski. (...) Deshalb streben wir alle nach diesem historischen Sieg. Ohne Zweifel ist dieser wichtiger als ein Erfolg gegen alle anderen Gegner.»
Skandalöser Journalismus
Die »Bild«-Zeitung, die sich am Donnerstag noch gespielt bitterlich über den von polnischen Zeitungen ausgerufenen »EM-Krieg« beschwerte, legt am Freitag auch noch einmal nach: »Es wird immer irrer: Polen werfen uns EM-Betrug vor!« Unglaubwürdig regt sich die Boulevardzeitung auch über die »nächste Attacke« der Polen auf (»Ungeheuerlich!«) – stammt diese doch aus dem eigenen Haus: Die polnische Boulevardzeitung »Fakt« gehört ebenso zur polnischen Springer AG und ausgerechnet die unterstellte den Betrug.Unter dem Titel »Die Deutschen und Österreicher wollen uns verarschen« schreibt sie über eine angebliche Verschwörung: »Skandal! Unser Gegner macht keinen Hehl daraus, dass sie sich auf das Ergebnis ihres Spieles einigen können. Diese Abmachung wäre für uns keine Überraschung.« Überraschend ist nicht, dass sich der Springer-Verlag den Ball für seine jeweils nächsten Empörungsaufmacher selbst zuspielt. Skandalös, so etwas als Journalismus zu verkaufen.
Geschäftsinteresse des Verlages
Dass diese Stimmungsmache kaum den Realitäten in den beiden Ländern entspricht, glaubt auch die Polen-Beauftragte der Bundesregierung, Gesine Schwan. Die antideutsche Berichterstattung in polnischen Boulevardzeitungen kritisierte sie mit deutlichen Worten. «Das ist abstoßend und widerlich, das stößt Polen mindestens so ab wie uns», sagte Schwan am Donnerstag am Rande einer Veranstaltung zum deutsch- polnischen Verhältnis dem Sender «Radio Bielefeld». Die SPD- Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten sagte zudem, sie habe das Gefühl, «dahinter steckt vor allen Dingen ein Geschäftsinteresse des Verlages, mit so was Sensationellem aufzumachen».
Es gebe natürlich immer noch belastende Probleme zwischen Deutschland und Polen, «das betrifft den Kulturgüteraustausch, vor allen Dingen aber auch die Gas-Pipeline, und ich denke, wenn wir das schaffen, das im gegenseitigen Einvernehmen voranzubringen und wenn wir vor allen Dingen dann die akuten politischen Probleme im europäischen Rahmen und mit europäischem Geist lösen, dann sind wir sehr weit gekommen», sagte sie.
Boulevard versus Realität
Auch der polnische Botschafter in Deutschland, Marek Prawda, kritisierte die antideutschen Karikaturen erneut. Polnische Fußballfans und der größte Teil der polnischen Presse hätten die Veröffentlichungen als Gipfel der Geschmacklosigkeit bezeichnet, erklärte Prawda am Freitag im ZDF-«Morgenmagazin». «Schon am gleichen Tag, als diese Fotomontage erschienen ist, gab es in Online-Ausgaben unserer Presse sehr viele Kommentare, die einhellig kritisch waren.» Diese spontanen Reaktionen hätten die Stimmung im Land gegenüber Deutschland repräsentiert, so der Botschafter weiter. Prawda warnte davor, die Veröffentlichungen in Boulevardblättern mit der großen Politik oder der Stimmung im Land zu vergleichen: «Das hat einfach damit nichts zu tun.» Das sieht die Springer AG anscheinend anders und Verkaufzahlen bringt es sicher. (nz/dpa)