Holtzbrincks neues Online-Medium:
Was macht eigentlich … «Zoomer»?
30. Mai 2008 07:16
 |  Ist da wer? Startseite von 'Zoomer.de' | Screenshot: nz |
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Regelmäßig fragt der «Stern» auf seiner letzten Seite «Was macht eigentlich …» und widmet sich vergessenen Stars.
Malte Welding leiht sich die Rubrik aus und untersucht die seltsame Abwesenheit eines nagelneuen Webportals.
Im Februar ist das Nachrichtenportal «Zoomer.de» («Wir machen Nachrichten») der Verlagsgruppe Holtzbrinck mit 40 Redakteuren an den Start gegangen. Wenn man in der Wikipedia nach «Zoomer» sucht, erscheint ein Artikel über einen einzylindrigen 4-Takt-Roller von Honda, der zufällig auch Zoomer heißt. Über das Nachrichtenportal findet sich nichts.
Auch die Blogs schweigen sich über Zoomer aus – nachdem es zum Start reichlich Spott gab. Und in anderen (nicht zu Holtzbrinck gehörenden Medien) taucht «Zoomer» auch nicht auf. Hätten Medien Indianernamen, dann wäre der von «Zoomer»: «Der, der niemals zitiert wird.» Was ist da los?Zum ersten Mal seit Februar gehe ich wieder auf «Zoomer.de» und suche nach einer Erklärung dafür, warum ein Bekannter von mir (der pikanterweise für Holtzbrinck arbeitet) sagte: «'Zoomer' ist nicht gut oder schlecht, 'Zoomer' existiert nicht.» Die Startseite sieht aus wie die Homepage von Freenet.de. Wie die alte Homepage von Freenet.de, die neue ist übersichtlicher.
«Zoomer» funktioniert ungefähr so intuitiv wie die deutsche Pluralbildung oder der Präpositionengebrauch bei französischen Verben. Ich ahne, dass ich jetzt klicken sollte, warum ich klicken sollte, sagt mir niemand.
Seriöser Text, Memory-Bilder
Ich starte also oben mit den Topthemen. Topthema wird ein Thema, wenn es die Leser besonders gut bewerten. Die User wählen selbstverständlich regelmäßig DSDS- oder Fußballartikel auf Platz 1, es dominieren jedoch überraschenderweise seriöse Themen. Nicht an allen Tagen, aber die Skepsis, die Journalisten häufig ihren Lesern entgegenbringen, erweist sich als unbegründet.Wenn man auf Text stößt bei «Zoomer» – und man kann nur zufällig auf Text stoßen, denn vor dem Klick weiß man nicht, ob sich hinter dem bunten Bild ein Video oder ein Artikel verbirgt –, dann bekommt man bewährte «Tagesspiegel»-Qualität. Was die Redakteure zu «Zoomer» dazusteuern, ist Meinung. Und eine Klickstrecke.
Nämlich die Tag für Tag mitten auf der Startseite platzierte Rubrik «Ansichtssachen»: Hier soll man sich durch Bilder klicken. Warum man das sollte, weiß ich nicht, die Bilder wirken so eindringlich, durchdacht und aufregend, als habe der Betriebskindergarten von Holtzbrinck ein paar Memory-Karten übrig gehabt.
Klicks und Fettungen
Zoomer ist dabei mitnichten so skrupelbefreit wie beispielsweise «Sueddeutsche.de». Die zweihundertirgendwas süffigsten Biere oder die tausend totesten Prominenten wird man dort nicht finden. Es geht hier nicht um den Klick um jeden Preis und das ist sehr anständig.
Meinung gibt es in der «Gegensprechanlage»: «Kein Extra-Geld für den Osten mehr», lautet eine Überschrift in der vergangenen Woche. Die Worte Kein, Extra-Geld und Osten sind dabei gefettet. Meine Meinung zu diesem Satz könnte ich jetzt angeben, wenn ich links unten klicken würde, ich klicke aber zunächst einmal auf den Satz. Dahinter könnte sich ja ein Artikel verbergen. Prima, da ist tatsächlich ein Artikel. Und der hat es in sich. Nach der Einleitung, dass einige ostdeutsche Ministerpräsidenten sich über die Diskussion um den Solidarpakt empören, kommt die Meinung: «Wir meinen: Nein! Gefördert werden sollte mit diesem Geld nicht pauschal der Osten sondern gezielt die Regionen, die es brauchen. Da gibt es im Osten einige, klar, aber im Westen auch. Das Gießkannen-Prinzip hat noch nirgendwo funktioniert.»
Das Gießkannen-Prinzip
«Das Gießkannen-Prinzip hat noch nirgendwo funktioniert» ist der argumentative Kern eines auf der Startseite beworbenen Artikels. Was heißt Kern – das ist der Artikel. Das ist ja großartig. Das ist Journalismus, der von Satzbaukästen erstellt wird.Hier eine Anleitung für die redaktionelle Praxis:
RTL/Hitler /Bodybuilding/Ostern/Kinder/Der kleine Mann/Ein Sprecher der Moschee/Das europäische Parlament
hat/ist/will/fragt sich/kann/soll/muss/müssen/sieht sich gezwungen/
für die längste Zeit/auch nicht mehr/je früher desto besser/nicht/am Ende des Tages/schon seit langem
den Alleinvertretungsanspruch/das Prinzip der drei Affen/Trau-Schau-Wem/das Project Runway/die Verantwortung/vor Homosexualität
aufgeben/in die Hand nehmen/gehabt haben/geschützt werden/zurück in die Steinzeit bomben/zum Luxusartikel verkommen/nicht mehr so super.
So ein Satzbaukasten erspart eine festangestellte Phrasendreschmaschine und ist im Unterhalt deutlich bedürfnisloser. Wäre doch etwas für die «Gegensprechanlage»: «Ich bin eine als Journalist verkleidete Worthülse. Unter der Vorspiegelung von Provokation schläfere ich die Leser ein. Warum zahlt nicht der Staat für mich?»
Meinungsmacher
Noch mehr Meinung bietet die Rubrik «Meinungsmacher»: Ein Videocast von Anja Backhaus, der ohne Meinung auskommt, dafür aber irrsinnig authentisch in Aquariumperspektive gefilmt ist. Backhaus malt sich aus, was ein Paar, das 1968 jung war, heute wohl denken würde. Backhaus' eigene Gedanken zum Thema sind brav und gemütlich. Vielleicht urteile ich ungerecht an dieser Stelle, ich bin während des Videos kurz eingenickt. Naja, Anja: Zweinull ist, wenn man's trotzdem macht.Eine weitere Meinungsmacherin ist Fiona Erdmann, die einen ehrenwerten 4. Platz bei der zweiten Staffel von «Germany's Next Topmodel» erringen konnte und es somit zwar nicht auf den Laufsteg, aber immerhin in den Playboy geschafft hat. Und in den «Zoomer»-Videocast.
Wer es schätzt, seiner Fußpflegerin dabei zuzuhören, wie sie minutenlang ohne Punkt und Komma über ein Thema redet, das sie ersichtlich nicht interessiert, der wird auch an den Videos von Frau Erdmann viel Freude haben.
Die Leserbeteiligung
Warum man ausgerechnet die Meinung von jemandem hören wollen soll, der sich wochenlang von einem überdimensionierten Ex-Unterwäschemodel mit Eiskunstlauftrainerinnenstimme hat schikanieren lassen, bleibt das Geheimnis der «Zoomer»-Verantwortlichen. Klar, den Gedanken dahinter kann man ahnen: Sex sells. Tatsächlich erschließt sich die Erotik des Erdmannschen Videocasts wohl nur jemandem, der heimlich Viagra-Spam sammelt.
«Zoomer»-Geschäftsführer Peter Neumann ist mit der Leserresonanz sehr zufrieden: «Wir haben ein neues Spielfeld aufgemacht. So etwas wie 'Zoomer' gab es bisher noch nicht. Der Erfolg in der jungen Zielgruppe zeigt, dass junge Leser bei uns finden, was sie interessiert.»Tatsächlich ist die Leserbeteiligung bei «Zoomer» beeindruckend. Die Artikel werden eifrig kommentiert und auch mit Kritik geht man bei «Zoomer» erfreulich offen um. Seine Web 2.0-Hausaufgaben hat man durchaus gemacht. Die Kommentare werden eingebunden und auch der passive Leser beeinflusst durch sein Klickverhalten das Ranking der Artikel. Das zeigt eine Trendwende: «Zoomer» nimmt seine Leser ernst. Da können sich einige andere Projekte deutscher Verlage ein gutes Stück von abschneiden.
Freunde von «Zoomer»
Auch mit der Vernetzung klappt es. «Zoomer» hat immerhin 1091 Freunde bei Myspace und das «Zoomer»-Widget wird von 205 Myspacelern genutzt. Bei Facebook liegt allerdings wieder der Roller Zoomer vorn, das gewiefte Zweirad. («Zoomer.de» ist dort nicht angemeldet.)Es scheint also Menschen zu geben, die sich mit «Zoomer» anfreunden können. Ich finde das erfreulich, denn es ist schließlich begrüßenswert, dass Holtzbrinck so deutlich auf das Internet setzt, während viele andere deutsche Verlage erst einmal abwarten wollen, ob das was wird mit diesem www. Aus mir spricht also die enttäuschte Vorfreude.
«Wir machen Nachrichten» wurde zu «Hier gibt's manchmal Nachrichten». «Zoomer» ist momentan eine Wundertüte der frustrierenden Art. Weder für offensiv Bildungsferne ist verlässlich Doofes dabei, noch für Informationshungrige intellektuelle Sättigungsbeilagen.
Von Humboldt zu «Zoomer»
Bei jedem anderen Medium hat man das Gefühl von einer Qualitätskonsistenz. Bei der «InTouch» weiß der Leser, dass er von Gedanken verschont bleibt, die «Zeit» wird in der Regel ein bestimmtes Niveau nicht unterschreiten. Bei Zoomer jedoch scheint es, als hätten sich die Redaktionen von RTL II, «Frankfurter Rundschau», «Bäckerblume» und Radio Fritz zusammengesetzt, um etwas völlig Neues zu machen.
Herausgekommen ist die Entsprechung eines bekifften Zapping-Abends zweier BWL-Studenten der Fachhochschule Oldenburg. Das ist schade. Die durchaus lesenswerten Artikel gehen unter, weil die Usability nicht genügend beachtet wurde. Statt den Stärken der Redakteure zu vertrauen, werden wenig fundierte Meinungen rausgehauen.Während der Planungsphase hieß «Zoomer» noch «Humboldt». Das erinnert daran, dass der Fernsehsender Vox einst als Intellektuellen-Ereignissender konzipiert war. Wahrscheinlich sollte auch «Zoomer» irgendwann, als es noch eine Idee war, ein Nachrichtenportal für Studenten werden, ein redaktionell betreutes Digg, ein Youtube mit Hirn. Dann wollte es jemand frecher haben. Dann jemand bunter. Und dann hat man Fiona Erdmann gebeten, ihre Meinung zu sagen.
Etwas mehr Mut zur gedeckten Farbe, Meinung nicht behaupten, sondern haben, dann noch jemanden einstellen, der das Ganze etwas übersichtlicher gestaltet – und am Ende könnte «Zoomer» doch noch etwas werden. Denn schließlich ist die dahinterstehende Idee die richtige und Alexander von Humboldt wusste schon: «Überall geht ein früheres Ahnen dem späteren Wissen voraus.»