Multikulti weg-gespart: 

netzeitung.deEin Armutszeugnis

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Wer Münzen spart, kann sich was Schönes kaufen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wer Münzen spart, kann sich was Schönes kaufen
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Bedeutete Sparen nicht mal, dass man Geld zurücklegte, um sich was Schönes kaufen zu können? Heute scheint es nur noch um Kürzen, Streichen, Vernichten zu gehen, wenn jemand vom Sparen spricht. Domenika Ahlrichs regt das auf.

Das waren noch Zeiten, als man den Weltspartag ganz unbefangen als spannendes Ereignis erleben konnte, an dem man seine schwer gewordene Spardose zur Bank trug, um dem herrlich rauschenden Pfennig-Fluss in der Zählmaschine zu lauschen. Immer mal hatte man hier und da ein Geldstück in die Dose gesteckt und wusste: irgendwann kann ich mir davon toll was kaufen.

Sparen, das war ein anderes Wort für Vorfreude. Heile Kinderwelt.

Heute wird uns das Wort nur so um die Ohren gehauen. «Sparzwang», lautet die knappe Begründung für alle Kürzungen, Engpässe, Streichungen; für den Wegfall von Stellen, Programmen, Ideen. Weltspartag ist jeden Tag. Nur wird hier nichts zurückgelegt, damit es später sinnvoll eingesetzt werden kann, hier wird vernichtet. Eingespart. Weggespart. Ein Armutszeugnis in doppeltem Wortsinn.

Hier kommt ein Appell an alle, die meinen, sie könnten nicht anders: meistens können sie doch.

Sie wollen ein Beispiel? Gern. In einer Metropole, die wie kaum eine andere in Deutschland für ein Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft steht, wird ausgerechnet die Radiowelle abgeschaltet, die dieser bunten Vielfalt gerecht wird. Deutschlands Hauptstadt Berlin verliert sein «Radio Multikulti».

Wenn RBB-Intendantin Reim das einen «schmerzlichen Einschnitt für unsere Programmvielfalt» nennt, gibt es da eigentlich nur eine Antwort: Nein, Frau Reim, es geht hier nicht um so etwas Abstraktes wie Programmvielfalt. Die mag mit sechs überlebenden Radiowellen weiter gegeben sein. Es geht hier um Schmerzen, die der Idee einer multikulturellen Gesellschaft zugefügt werden. Schmerzen, die die Menschen verspüren, die täglich «Multikulti» hören und hier das finden, was einem Weltstadtprogramm für Weltbürger entspricht. Es geht darum, dass in der Hauptstadt Deutschlands jeder Vierte einen Migrationshintergrund hat und nur ein Radiosender diese kulturelle Vielfalt aufgreift. Bald also keiner mehr. Was für eine Botschaft.

Da hilft es, mit Verlaub, auch nicht, wenn künftig der WDR sein sehr ähnliches «Funkhaus Europa» auf «Multikulti»-Frequenz sendet. Das ist in etwa so, als würde man «Antenne Brandenburg» mit Inhalten aus Thüringen beliefern.

Der RBB mag in Finanznöten sein, doch warum reflexartig das schwächste Glied der Kette opfern? Alternativen:

-- Der ARD deutlich machen, dass Gemeinschaft bedeutet, dass man die Kleinen unterstützt. Sonst hängt die Erfüllung des öffentlich-rechtlichen Auftrags von der Arbeitslosen- respektive Gutverdiener-Dichte in einem Bundesland ab. Das darf nicht sein.

-- Den riesigen Verwaltungsapparat RBB, die Radiowellen vorwiegend deutscher Kultur und das Fernsehprogramm mehr als geplant umsortieren. Selbst der WDR für das bevölkerungsreichste Bundesland NRW leistet sich «nur» fünf Landeswellen.

-- Die Öffentlichkeit zu Rettungsaktionen aufrufen, sich selbst für das Radio einsetzen, deutlich machen, dass es nicht nur ein «inspiriertes, interessantes und engagiertes Programm» ist (Hörfunkdirektor Christoph Singelnstein), das mit «Multikulti» verloren geht, sondern damit auch ein für Berlin als Metropole unabdingbares Ja zu kultureller Vielfalt.

Allerdings: So ein richtiges, tiefes Bedauern über das Ende wertvoller Programme (auch das TV-Magazin Polylux wird ja geopfert) hat noch keiner der Verantwortlichen erkennen lassen. Da beschleicht einen der Verdacht, dass Alternativen gar nicht gewünscht sind - und dass der von außen auferlegte Zwang zum Kürzen letztlich nur das beschleunigt, was in so manchem Kopf ohnehin schon möglich schien.

Darum hier noch ein Schluss-Appell: Spart Euch dann aber bitte das halbherzige Zerknirschtsein. Sagt die Wahrheit. Und redet nicht vom Sparen, denn das ist doch eigentlich, ursprünglich etwas ganz und gar Positives.

P.S.: «taz»-Medienredakteur Grimberg schreibt: «Vielleicht sähe es anders aus, wenn viele, die jetzt Multikulti beklatschen und beklagen, auch im täglichen Leben mal eingeschaltet hätten.» Hab ich, Herr Grimberg. Immer wieder und mit wachsender Begeisterung. Und wenn die Media-Analyse endlich ausländische Berliner und Brandenburger mit befragen würde, kämen auch offiziell ganz andere Zuhörerzahlen heraus.