Zwei Schätzing- Krimis verfilmt:
Das haut den stärksten Zwilling um
18. Mai 2008 09:35
 |  Frisch gebackener Witwer: Henry Hübchen in "Mordshunger" | Foto: RTL |
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Der Kommissar ist auch Gourmetkoch, die Privatdetektivin Kickboxerin: RTL hat zwei Krimis des Bestsellerautoren Frank Schätzing verfilmt - irgendwo zwischen Phil Marlowe, Balduin Pfiff und der Trashigkeit vergangener Jahrzehnte.
Sagt der frischgebackene Witwer: «Wie wurde sie ermordet?». Sagt der Polizist, der bislang nur die Todesnachricht überbrachte: «Woher wissen Sie denn, dass sie ermordet wurde?» Solche Krimis mit Fangfragen, die zum Miträtseln einladen und Täterwissen hervorlocken, schrieb in den 60er bis 80er Jahren der Jugendbuchautor Wolfgang Ecke. Seine Detektive hießen Balduin Pfiff und Perry Clifton («Der Herr in den grauen Beinkleidern»). Etwas ähnliche Filmkrimis hat RTL nun aus zwei Buchkrimis von Frank Schätzing gemacht. Der 1957 geborene Werber schrieb sie, bevor er mit «Der Schwarm» zum internationalen Bestsellerautor wurde.
Der Ratekrimi-Biedersinn in «Mordshunger» am kommenden Donnerstag, aus dem die geschilderte Szene stammt, haut den stärksten Zwilling um. So altbacken darf es bei RTL natürlich nicht zugehen, also steuert Regisseur Robert-Adrian Pejo mit spektakulär eingesetzten Aufregern gegen. Schon während einer ausgefeilten Parallelmontage zum Vorspann schlitzen die Messer. Das eine verwandelt eine Regenbogenforelle in Sushi beziehungsweise Tartar. Das andere Messer erwartet eine reife Blondine, die sich koksend entkleidet, um dann ermordet übers Geländer auf den Flügel zu plumpsen.
 |  Hobbykoch: Kommissar Cüpper (H.-W. Meyer, l.) | Foto: RTL |
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Der Tod der Luxuslady
Der Zusammenhang: Beim Gourmetkoch, der sich in seiner Küche außerdem sozial engagiert, indem er junge Strafgefangene die Kochkunst lehrt, handelt es sich um den Kommissar (Hans-Werner Meyer), der den Mord an der reichen Aristokratin aufklären wird. Den Kommissar hat auch gerade die Geliebte verlassen, was zwei neuen Kandidatinnen Raum bietet. Sowohl die Privatsekretärin (Bettina Zimmermann) als auch die Tochter der Ermordeten erscheinen dem Kommissar sowohl attraktiv als auch verdächtig, was also das Täterrätsel um weitere potenzielle Verdächtige neben dem Witwer (Henry Hübchen kann fabelhaft schlecht schauspielern, wenn er merkt, dass er sich in einem besonders schlechten Film befindet) bereichert. Und bevor die Auswahl zu überschaubar wird, kommt auch noch der oben genannte Zwilling ins Spiel...Die Tochter der Toten ist von Beruf Tierpflegerin, was gar noch einem echten Tiger einen Auftritt emöglicht. Menschen, Tiere, Sensationen - das ist ein Motto des Films. Andererseits wurde die Vorlage in dem Stil in Szene gesetzt, in dem die Privatsender in den 90er Jahren Thriller filmten, die oft in Lofts attraktiver Yuppies spielten und Titel trugen wie: «Gefährliche Lust - Ein Mann in Versuchung», «Gesteinigt - Der Tod der Luxuslady», «Nina - Vom Kinderzimmer ins Bordell» und «www.maedchenkiller.de - Todesfalle Internet». Weitgehend ironiefrei mixt RTL, was in unterschiedlichen vergangenen Jahrzehnten aufgeregt hätte. Vielleicht wird dieser Retroanschein einmal als spezielle Trashigkeit geschätzt werden. In den Nuller Jahren wirkt er wie ein schlechter Witz.
 |  Auftraggeber und Detektivin: Misel Maticevic, Melika Foroutan | Foto: RTL |
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So sanftmütig wie schlagkräftig
Der andere Schätzing-Film «Die dunkle Seite», den RTL am heutigen Sonntag sendet, strapaziert ebenfalls eine kühne Personalunion: Was dort der als Gourmetkoch engagierte Kommissar ist, ist hier die so sanftmütige wie schlagkräftige Kickboxerin, die den Beruf der Privatdetektivin ausübt - und zwar so, wie größer gewordene Wolfgang Ecke-Leser das Berufsbild in Chandler-Romanen und Bogart-Filmen kennenlernten. Wann immer Vera Gemini (Melika Foroutan, zurzeit freitags in der ZDF-Serie «KDD») in ihr Büro kommt, warten Kunden mit Aufträgen à la «Finden Sie meine Frau» und «Suchen Sie...» Manchmal bekommt sie Ärger von der Polizei angedroht, sofern sie ihre Auftraggeber nicht verrät. Und so wie Bogart als Phil Marlowe aus dem off erklärte, was er denkt, spricht Vera Gemini ab und zu Gedanken aufs Diktiergerät.Ihr neuester Auftrag: Die sanfte Detektivin sucht für einen noch sanftmütigeren Fremden (Misel Maticevic) einen angeblich toten Fremdenlegionär, der einst im Irakkrieg aktiv war. Dort ist auch der zu Tode gefolterte Gemüsehändler aktiv gewesen, dessen Ermordung Kommissar Menemenci aufzuklären hat. Und so entspannt sich wieder eine Räuberpistole. Insgesamt wirkt «Die dunkle Seite» jedoch nicht so grotesk gestrig wie RTLs anderer Schätzing-Film. Teils, weil mit Irakkrieg und Söldnertum aktuelle Themen als Thriller-Bausteine fungieren, vor allem aber, weil der Regisseur sein Handwerk versteht.
 |  Kommissar Menemenci (Hilmi Sözer) und sein neuester Fall | Foto: RTL |
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Der Rest stimmt
Regie führte Peter Keglevic, der mit «Der Tanz mit dem Teufel», dem Grimme-prämierten Sat.1-Zweiteiler über die Oetker-Entführung, einen der Höhepunkte im Fernsehfilm-Output deutscher Privatsender verantwortet hat. Damals hatte der Österreicher den bis dahin üblichen Zynismus im Umgang mit Gewalt beklagt und angekündigt, nicht mehr daran mitzuwirken. Das war im Jahr 2001. Heute verfilmt Keglevic Schätzing. Doch hält sich der Zynismus von «Die dunkle Seite» in akzeptablen Grenzen. Von «bestialischer Folter» ist oft die Rede, im Bild ist wenig davon zu sehen. Ganz selbstverständlich spielen Schauspieler mit Migrationshintergrund den Kommissar (Hilmi Sözer aus «Ballermann 6») oder die Detektivin, was den Anschein von Realismus beiläufig erhöht. Gekonnt setzt Keglevic die schmutzige Urbanität Berlins (wohin sein Film die Handlung aus Schätzings gleichnamigem «Kölnkrimi» verlegt) in Szene. Das erinnert an «Das jüngste Gericht», mit dem RTL sich im April einen aufwändigen deutschsprachigen Fernsehfilm am überraschend finsteren Schauplatz Wien geleistet hatte. Da spielten Tobias Moretti und Christoph Waltz, zwei der Stars aus «Der Tanz mit dem Teufel», und Regie führte der gerade Grimme-prämierte Regisseur Urs Egger. Die Handlung - naja. Aber der Rest stimmte.
Der Rest stimmt weitgehend auch in «Die dunkle Seite». Potenzial an attraktiven Schauplätzen, guten Schauspielern, versierten Filmemachern und dem Willen, auch mal in der Tradition hartgesottener bis überdrehter Genrefilme auf die Kacke zu hauen: alles da. Schade bloß, dass RTL es für vermeintliche «Eventfilme» in längst verbrauchten Stil-Traditionen verschenkt. Der weiterhin mit Abstand erfolgreichste Privatsender müsste mal den Mut aufbringen, all das in der gegenwärtig spannendsten Form des Erzählfernsehens anzuwenden, eine Serie filmen und damit so ausdauernd durchhalten wie die kickboxende Privatdetektivin Vera Gemini.
“Die dunkle Seite”: Sonntag, 18. Mai, 20.15 Uhr auf RTL
“Mordshunger”: Donnerstag, 22. Mai, 20.15 Uhr auf RTL
Für das Web ediert von Christian Bartels