Neuer Feminismus oder alte Probleme?: Wider das geistige Girlietum14. Mai 2008 07:11  |  Harald Schmidt als großer Unterstützer des Feminismus? Immerhin zeichnete er kürzlich Alice Schwarzer aus. | Foto: AP |
|
Wo kommen bloß all die «Alphamädchen» her, warum sind Charlotte Roches «Feuchtgebiete» so erfolgreich und was hat das alles mit Feminismus zu tun? Die Debatte um neue deutsche Weiblichkeit nervt, zumal es wirklich wichtigere Fragen gibt, schreibt Kerstin Rottmann.
Muss denn die (Über)Mama alles selber machen? Was für ein Frust für all jene «neuen» und «Alpha-Mädchen» auf dem deutschen Meinungsmarkt! Da sagen sich junge Autorinnen in ihren aktuellen Büchern und Artikeln stets mühevoll von Alice Schwarzer los, um dann ohnmächtig zuzusehen, wie die mit nur einem öffentlichen Auftritt wieder überall präsent ist. Mit einer ebenso fulminanten wie auch hörbar beleidigten Rede hat sich die Autorin und «Emma-Chefin» bei ihrer Auszeichnung mit dem Ludwig-Börne-Preis im boomenden Feminismus-Debattengeschäft wieder zurückgemeldet. Mit Ironie und Polemik attackierte die ausgerechnet von TV-Moderator Harald Schmidt prämierte 65-Jährige den «Wellness-Feminismus» der jungen Autorinnengeneration. Für diese (namentlich nicht genannten) «Post Girlies», die Pornos und Prostitution nicht sonderlich verwerflich fänden, wolle sie sich jedenfalls nicht einsetzen.
Erboste Debatten
Gemeint waren aber wohl vor allem zwei Werke, die derzeit immer wieder Erwähnung finden: Jana Hensels und Elisabeth Raethers «Neue deutsche Mädchen» und «Wir Alphamädchen» vom Autoren-Trio Meredith Haaf, Susanne Klingner und Barbara Streidl. Und dann sind da ja auch noch jene über 400.000 verkauften Exemplare von Charlotte Roches Roman-Debüt «Feuchtgebiete», die die Feuilleton-SchreiberInnen in den Redaktionen wahlweise verzweifeln oder begeistert derilieren lassen. Die einen finden die exhibitionistische Lebensbeichte einer promisken und masturbationsfreudigen jungen Frau einfach nur unappetitlich, die anderen sehen entweder Literatur oder gar politische Aussage am Werke. Wahlweise eben jenen angeblich neuen Feminismus, dazu noch eine Rebellion gegen Perfektionszwang, weibliche Hygiene, mediale Schönheitsideal, ach, warum nicht gleich ganz die westliche Konsumgesellschaft. Wie auch immer – Roches Buch hat ein gewaltiges Echo gefunden, das es, mangels Substanz, eigentlich nicht verdient hätte.
Wo sind die Frauen hin?
MEHR IN DER NETZEITUNG: Von Roche bis Lady Bitch Ray |
|
Und wie sieht es in den Büchern der von Alice Schwarzer so attackierten Jungautorinnen aus? Auch nicht viel besser. Das fängt schon bei den unsinnigen Titeln an: «Wir Alpha-Mädchen» und «Neue deutsche Mädchen». Warum haben eigentlich jene späten Mädchen (die Autorinnen der «neuen deutschen Mädchen» etwa sind auch schon 29, bzw. 32 Jahre alt), immer solche Probleme damit, sich als Frauen zu bezeichnen?Vielleicht, weil auch ihre Bücher eine Art geistiges Girlietum atmen, dass Leserinnen von Frauenzeitungen, aber auch von betont Ich-bezogenen Zeitgeistpostillen wie «Neon» (der Zeitschrift für die «Generation Umhängetasche», wie die «taz» gerade erst ätzte) nur allzu vertraut sein dürfte. Dreh- und Angelpunkt dieser Weltsicht ist die gnadenlose Ich-Perspektive, angesiedelt ungefähr auf gefühlter Bauchnabelhöhe. Hensel und Rather etwa verschwenden einen Großteil ihrer über 200 Seiten Text auf die intime Schilderung ihrer diversen Liebschaften. Haaf, Klingner und Streidl wiederum haben sich eine Lebenshilfe-Prosa angeeignet, die aus Zeitschriften wie «Maxi» oder «Jolie» stammen könnte. Habt Mut, traut Euch, ihr seid okay, wir schaffen das schon – all das wird verbunden mit durchaus ambitionierten Kurzabrissen über den «Alten Feminismus» (Mein Bauch gehört mir), Tipps für die Verhütung (Pille muss nicht immer sein) oder einem Appell für ein besseres, selbstbewussteres Körpergefühl («Schönheit macht unser Leben nicht besser, bringt uns keine Freundschaften und wird uns nicht glücklicher machen») entsteht so ein etwas betulich wirkendes Step-by-step-Programm.
Die wollen doch nur spielen
 |  Charlotte Roche | Foto: AP |
|
Sonderlich subversiv ist auch das nicht, warum auch, woher auch?! Der einzige Punkt, an dem weibliches Denken mal einen eigenen Dreh findet, lässt in Hensels Buch finden, in dem Kapitel, in dem sie über ihre wenig ermutigenden Erfahrungen in der Berliner Redaktion einer großen (ungenannt bleibenden) deutschen Tageszeitung berichtet.Dort spürt die junge Kollegin erstmals am eigenen Leib jene gläserne Decke, die so vielen Frauen das Weiterkommen in der Arbeitswelt verwehrt. Die wichtigen Themengebiete – vergeben. Die junge Kollegin – allenfalls als Augenweide, als Date zum Essen oder als Lieferanten eines schon vorab verlachten Textes über eine Sexmesse (ha, ha) in der Hauptstadt zu gebrauchen. Hensels Schilderung eines maskulin geprägten, ja machohaften Milieus durchaus einflussreicher, der Macht nahe stehender Meinungsmacher ist ebenso entlarvend wie deprimierend. Ja, schlimmer noch, ihr Beobachtung lässt sich auch auf andere Sphären der Berufswelt ausdehnen. «Wenn ich an viele meiner Freunde denke, die als Mediziner, Journalisten, Schauspieler, in Verlagen, in Agenturen, beim Film, bei Zeitungen und in Rundfunk- oder Fernsehsendern, in der Wirtschaft und in Forschungseinrichtungen frei oder angestellt arbeiten, dann sind alle diese Menschen froh, dass sie dazugehören. Man lässt sie mitspielen. Gleichzeitig berichten nicht wenige über einen frustrierenden Arbeitsalltag, den sie jedoch so schildern, als ließe sich nichts dran ändern (...)». Ein hohes Maß an Unzufriedenheit also, und das bei den Menschen, die doch eigentlich schon in den kreativen, qualifizierten selbstbestimmten Berufsfeldern arbeiten.
Propagandalüge von der Karrierefrau Was sollen da erst die Millionen Frauen sagen, die irgendwo im Callcenter arbeiten, putzen gehen oder beim Discounter an der Kasse sitzen? Irgendwo «mitspielen» können sie nicht, höchstens als Schachfiguren in einem Spiel um Gewinne und Profitabilität, bei dem sie selbst nur Verschiebemasse sind. Wer ehrlich ist und nicht der Propagandalüge von der modernen «Karrierefrau» aufsitzt, der weiß, dass die Arbeitswelt von Frauen mehrheitlich so aussieht: gering qualifizierte Jobs, (spätestens nach der Geburt der Kinder oft) in Teilzeit ausgeübt, und, im Vergleich zu den Männern, dann auch noch weniger gut bezahlt. Kein Wunder also, dass sich viele Frauen nach dem ersten Kind aus der kalten, ungemütlichen Arbeitswelt in die Familie zurückziehen - wenn sie es sich leisten können. Diese Rückzugs-Mentalität soll und muss sich ändern. Solche potentiell schlechten Arbeitsbedingungen beschreibt bezeichnenderweise auch das neue Schlagwort von der «Feminisierung der Arbeit». Gemeint sind Teilzeitmodelle, flexible oder gar prekäre Arbeitsverhältnisse, die aus Sicht von Soziologen in Deutschland immer häufiger werden. Keine guten Aussichten also für die «Alphamädchen», die frisch von Schule oder Universität kommen. Aber, und auch das ist Gleichberechtigung, eben auch keine allzu guten Aussichten für die Männer mehr. Und nein, ein «Wellness-Feminismus» wird da nicht weiterhelfen. Eher schon ein gemeinsamer Vorstoß beider Geschlechter, hin zu einer Arbeitswelt, die allen Beteiligten lebenswertere Perspektiven bietet. Wie hieß es doch in der «old school» Frauenbewegung der 70er Jahre: «Frauenrechte sind Menschenrechte». Dem ist nichts hinzuzufügen. Jana Hensel/Elisabeth Raether: Neue deutsche Mädchen, Rowohlt Verlag. Meredith Haaf/Susanne Klingner/Barbara Streidl: Wir Alphamädchen. Warum Feminismus das Leben schöner macht, Hoffmann und Campe Verlag.
|