02. Dez 2005 08:14
Netzeitung: Kann der Gedanke an Verbotenes noch einen Reiz ausüben, wo doch heute fast alles erlaubt ist?Cecilia Bartoli: Verbotenes hat die Menschen immer fasziniert. Aber natürlich vor allem in Zeiten, in denen es tatsächlich Verbote gab. Komponisten und andere Künstler mussten dann besonders kreativ sein, um diesen Zwängen zu entkommen.
Netzeitung: Als der Vatikan Anfang des 18. Jahrhunderts für mehrere Jahre öffentliche Opernaufführungen verbot, wurde das geistliche Oratorium zu einer Art Maske, unter der die Musiker ihre Freiheit bewahrten.
Bartoli: Die Kirche betrachtete Opernhäuser als sündige Orte, die sich ihrer Kontrolle entzogen. Andererseits liebten aber auch einige Kardinäle die Oper und suchten nach einem Weg, um diese Musik weiter hören zu können. Sie schrieben deshalb selbst Libretti mit allegorischen und biblischen Texten, zu denen die Komponisten dann Musik voller Sinnlichkeit, Leidenschaft und Energie komponierten.
Netzeitung: Darin zeigt sich die Doppelmoral der katholischen Kirche...
Bartoli: Genauso ambivalent war die Haltung der Kirche zu Frauen, die damals nicht auftreten durften. An ihrer Stelle sangen kastrierte Männer.
Netzeitung: Das gab den Aufführungen eine erotische Dimension, die dem Klerus nicht verborgen geblieben sein dürfte...
Bartoli: Dadurch, dass Männer Frauenrollen übernehmen mussten, ergaben sich nahezu perverse Situationen. In einem Oratorium von Caldara, «Der Triumph der Unschuld», sucht beispielsweise eine Frau, Eugenia, als Mönch verkleidet Zuflucht in einem Kloster. Niemand entdeckt ihre wahre Identität. Als sich dann eine andere Frau in «Padre Eugenio» verliebt, muss dieser sie zurückweisen. Wenn Sie sich nun vorstellen, dass all dies von Männern gesungen wurde! Das Publikum muss total verwirrt gewesen sein.
Netzeitung: Allerdings sind auch viele Zeremonien der katholischen Kirche sehr emotionsgeladen. Heiligen werden etwa die Füße geküsst...
Bartoli: ...und dazu kommen noch Düfte wie Weihrauch, die Gemälde, die Skulpturen. In den barocken Kirchen Roms werden alle unsere Sinne geweckt.
Netzeitung: Ein ziemlicher Kontrast zur strengen katholischen Doktrin...
Bartoli: Das muss vor allem den Menschen im Norden so vorkommen. Wie muss sich damals wohl Händel gefühlt haben, als er aus dem protestantischen Halle nach Rom kam und dort die opulente Welt des Barocks kennen lernte!
Netzeitung: Die Arien, die Sie singen, sind 300 Jahre alt – und haben offenbar nichts von ihrer Faszination verloren.
Bartoli: Diese Musik drückt starke Gefühle aus, die in jeder Epoche verstanden werden. So sind so selbstverständlich wie Atmen, Weinen, Lachen. Wir können uns in diesen Arien wiedererkennen. Hinzu kommt ein großartiger Rhythmus, der heute auch viele junge Leute anspricht.
Netzeitung: Wenn Sie auftreten, merkt man, wie sehr auch Sie von dieser Musik berührt werden.
Bartoli: Ja, ich gebe mich der Musik hin – allerdings nur bis zu einem bestimmten Punkt. Man darf ja nicht die Kontrolle über den Atem und die übrige Technik verlieren. Aber wenn man als Sänger nichts fühlt, geht die Musik verloren.
Netzeitung: Was finden Sie als Sängerin an diesem Repertoire besonders schwierig?
Bartoli: Arien, die eigentlich für Kastraten geschrieben wurden, stellen Frauen vor so manches technische Problem. Männer haben beispielsweise mehr Lungenvolumen für diese unglaublich langen Phrasen.
Netzeitung: Im Booklet zu Ihrem Album ziehen Sie einen Vergleich zwischen den Jahren des Opernverbots und der Zeit, als Federico Fellini seinen Film «La Dolce Vita» drehte.
Bartoli: Ich wollte damit einen aktuellen Bezug zur Gegenwart schaffen. Der Film spielt in der Zeit nach dem Tod des sittenstrengen Papstes Pius XII. 1957, als das Nachtleben in Rom plötzlich wieder aufblühte. Der Vatikan nahm «La Dolce Vita» damals äußerst kritisch auf – allerdings gab es auch Kirchenvertreter, die das Werk lobten. Also ein ähnlicher Widerspruch wie bei der «verbotenen Oper».
Netzeitung: Fellinis Kollege Pier Paolo Pasolini nannte den Film «das höchste und reinste Produkt des Katholizismus in jüngsten Jahren».
Bartoli: Da hatte er völlig Recht – schließlich war Fellini ein gläubiger Katholik. Sein Film richtete sich nicht gegen die Religion, er wollte vielmehr die Schwächen der Gesellschaft entlarven.
Netzeitung: Sie selbst posieren auf dem Cover als Anita Ekberg, die ihr berühmtes Bad im barocken Trevi-Brunnen nimmt. Hat Ihnen das Spaß gemacht?
Bartoli: Oh ja, auch wenn ich etwa einen Meter kleiner bin als die Ekberg und noch dazu nicht blond, sondern brünett (lacht). In solch einem Moment fühlt man sich wie eine Skulptur von Bernini. Das Wasser in dem Brunnen, der eines der großen Wahrzeichen Roms ist, repräsentiert letztlich auch die Kunst, deren Fluss keine Zensur aufhalten kann.
Netzeitung: Für Ihr Projekt haben Sie intensiv in Musikarchiven recherchiert – wie zuvor bereits für Ihre Alben mit Arien von Vivaldi, Gluck und Salieri. Was reizt Sie besonders an dieser «Musik-Archäologie»?
Bartoli: Mein Interesse an Originalmanuskripten hat der Dirigent Nikolaus Harnoncourt geweckt, mit dem ich seit mehreren Jahren zusammenarbeite. Er hat mir sozusagen den Weg zum Authentischen geöffnet. Damit kommt man der Seele eines Komponisten sehr nahe.
Netzeitung: Ihre Platten verkaufen sich sehr gut und haben sogar die Popcharts gestürmt. Das zeigt, dass das Publikum nicht nur altbekannte «Klassik-Hits» hören will.
Bartoli: Den Eindruck hatte ich auch bei meinem letzten Auftritt in der Philharmonie in Berlin. Das Publikum war sehr konzentriert und interessiert, obwohl ich keine bekannten Stücke gesungen habe. Stellenweise hatte ich sogar das Gefühl, dass die Zuhörer aufhörten zu atmen. Das sind wirklich magische Momente.
Netzeitung: Würden Sie auch einmal im Vatikan vor dem Papst auftreten?
Bartoli: Ja, warum eigentlich nicht? (lacht)
Netzeitung: Er könnte Sie sogar auf dem Klavier begleiten!
Bartoli: Ja, unser neuer Papst Ratzinger liebt Musik, er wird sie wohl kaum verbieten.
Mit Cecilia Bartoli sprach Corina Kolbe
Cecilia Bartolis Album «Opera Proibita» ist bei Decca/Universal erschienen