Dichter Dran - Ein Interview mit Philip Roth: 

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Dichter Dran - Ein Interview mit Philip Roth 

Lupe «Ich bin nicht mehr so verrückt. Leider»

Vor 40 Jahren provozierte er mit einem sexbesessenen Helden – und wird ihn seitdem nicht mehr los. Philip Roth über seinen neu übersetzten Skandal-Roman «Portnoys Beschwerden», die Feigheit von Intellektuellen und Einsamkeit im Alter.

Mr. Roth, Sie waren noch nie auf der Frankfurter Buchmesse. Warum eigentlich nicht?

Philip Roth: Weil ich solche riesigen Veranstaltungen nicht mag. Ich bin einige Male auf dem Frankfurter Flughafen zwischengelandet. Näher bin ich Deutschland nie gekommen.

Haben Sie Deutschland gemieden?

Roth: Nein, es hat sich zufällig so ergeben, dass ich noch nie dort war.

Im Vorfeld der Frankfurter Buchmesse kam es zu einem Eklat, als die Organisatoren zwei regimekritische chinesische Autoren auf Druck von Peking von einer Podiumsdiskussion wieder ausluden. Hat das in New York auch hohe Wellen geschlagen?

Roth: Nein. Das höre ich von Ihnen zum ersten Mal.

Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie hören, dass ein internationales Forum für Intellektuelle und Schriftsteller die Meinungsfreiheit willfährig außer Kraft setzt?

Roth: Dass das keine gute Sache ist. So sollte man nicht mit Schriftstellern umgehen, schon gar nicht als Buchmesse.

Der Fall hat in Deutschand auch die Frage nach Mut und Feigheit von Intellektuellen aufgeworfen. Auch die University Press in Yale hatte kürzlich
für Empörung gesorgt, als sie sich weigerte, jene dänischen Mohammed-Karikaturen, die einen weltweiten Eklat ausgelöst hatten, noch einmal in einem Buch als Anschauungsmaterial abzudrucken. Aus Angst, die islamische Welt zu provozieren.

Roth: Dieses Beispiel stimmt mich nicht gerade optimistisch, was die Freiheit von Kunst und Literatur in diesen Tagen betrifft. Andererseits: Der Verlag hat Angst vor extremistischen Gewalttätern. Womöglich zu Recht. Die Verlagsleute fürchten um ihr Leben, das Leben ihrer Lieben. Ich kann mir nicht anmaßen, ihnen Verhaltensmaßregeln zu geben. Die Situation ist komplex. Nur, wer könnte sich diese Art von Zensur wünschen? Salman Rushdie hat mal gesagt: «Ohne das Recht auf Beleidigung gibt es im Prinzip auch keine Meinungsfreiheit.» Da bin ich ganz bei ihm. Nur würde ich im Umkehrschluss nicht pauschal behaupten, dass es ohne Beleidigung überhaupt keine Meinungsfreiheit an sich mehr gibt.

Reden wir über Politik: Vor ein paar Jahren verglichen linke Künstler in den USA Bush mit Hitler. In diesen Tagen nun brandmarken konservative Stimmen Obama als Hitler, weil er versucht, eine Gesundheitsreform durchzubringen, von der alle Amerikaner profitieren. Warum greifen Ihre Landsleute so schnell zur Hitler-Keule, wenn sie ihre Präsidenten kritisieren?

Roth: Die jüngsten Beispiele schockieren mich weniger als Sie. Denn die Vergleiche von Obama mit Hitler kommen von ganz rechts außen. Diese Leute sind nicht gerade für ihre Vernunft bekannt. Die meisten von denen wissen nicht mal, wer Hitler war. Jemanden als Hitler zu bezeichnen, ist immer noch die schlimmste denkbare Beschimpfung in diesem Land. Warum die Rechten jetzt so hysterisch reagieren? Weil sie von ihrer Natur her immer hysterisch sind. Sie fallen hysterisch über jeden Gesetzentwurf Obamas her. Bei der Gesundheitsrefom befürchten sie, der Staat würde ihnen künftig vorschreiben, welche Versicherung sie bräuchten. Das ist armselig, weil es einfach nicht stimmt.

Warum schreiben Sie nicht gegen diese Hysterie an – beispielsweise in der New York Times?

Roth: Weil meine Meinung dazu niemanden interessiert. Uns Schriftstellern wird in den USA keine besondere Bedeutung beigemessen.

John Irving schwärmt von den politischen Debatten, die Böll und Grass in Deutschland entfacht haben.

Roth: Das kann ich ihm nachfühlen. Kurios, dass Sie mich auf Grass ansprechen, ich habe erst heute die neue englische Übersetzung der «Blechtrommel» geschickt bekommen. Das Buch ist zum 50. Jahrestag der Erstveröffentlichung neu erschienen. Die alte Übersetzung liegt noch in meinem Haus in Connecticut. Ich werde erst mit dem Lesen anfangen, wenn beide Ausgaben vor mir liegen, ich möchte sie parallel lesen und vergleichen können. Ich bin sehr gespannt darauf.

Was fasziniert Sie an der Blechtrommel?

Roth: Ich weiß noch, wie ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe. Es war so anders als alles, was ich bis dahin kannte. Es hat mich umgehauen. Ich kann mich nicht erinnern, jemals zuvor etwas Derartiges gelesen zu haben. Ich wusste erst nicht, was ich damit anfangen sollte. Aber diese extreme Andersartigkeit habe ich mit Vergnügen in mich aufgesogen.

Ihre Bewunderung hat nicht unter dem späten Bekenntnis von Günter Grass gelitten, er sei Mitglied der Waffen-SS gewesen? Nein. Die eigentlich interessante Frage ist doch auch: Warum hat er mit diesem Bekenntnis so lange gewartet?

Roth: Solch eine Entscheidung muss wohl mit der Gesellschaft zu tun haben, in der man lebt. Aber ich habe keine Haltung dazu.

Grass schreibt heute auch oft über das Älterwerden – so wie Sie. Während Sie in Ihrem Roman «Exist Ghost» Ihren alternden Protagonisten Zuckerman als Krebs-Überlebenden zeichnen, inkontinent und impotent, schreibt Grass eher über die ewige Potenz. In dem Gedicht «Heftige Stöße» schreibt er, wie glücklich er sei, dass sein Penis, sein «Einundalles», immer noch steht ...

Roth: Er schreibt, wie glücklich er sei, noch eine Erektion zu haben?

Ja.

Roth: Aha. Sehen Sie, als ich begann, «Exit Ghost» zu schreiben, wählte ich Prostata-Krebs als Thema, weil diese Krankheit unter älteren Männern sehr verbreitet ist. In meinem engeren Bekanntenkreis sind in der letzten Zeit sechs Männer an Prostata-Krebs erkrankt. Einer war nach der Operation impotent, andere waren impotent und inkontinent, einer ist gestorben. Ich wollte diese Krankheit als gesellschaftliches Phänomen beschreiben. Für Frauen ist Brustkrebs das große Trauma, für Männer ist es der Prostata-Krebs.

Fällt Ihnen etwas Positives zum Älterwerden ein?

Roth: Das würde mir schwerfallen. Sehen Sie, mein Kurzzeitgedächtnis ist nicht mehr so gut, ich hatte immer ein sehr gutes Erinnerungsvermögen. Dann habe ich gesundheitliche Einschnitte hinnehmen müssen, die sehr überraschend über mich hereinbrachen. Das Schlimmste aber ist, dass viele Bekannte sterben. In den letzten drei Jahren sind allein sechs Freunde gestorben, die meisten waren älter als ich. Das ist bitter, ich vermisse sie alle sehr. Und ich habe nicht mehr so viele Freunde. Ich kann es mir nicht leisten, in so kurzer Zeit, sechs von ihnen zu verlieren. Mein Bruder, das letzte Mitglied meiner Familie, ist vor vier Monaten gestorben. Ein Cousin, dem ich mich sehr verbunden fühlte, starb vor acht Monaten. Ich sage immer: Ich bin Mitglied im «Eine Beerdigung pro Monat»-Club, weil ich inzwischen tatsächlich einmal im Monat zu einer Beerdigung gehe. Das ist schlimm. Wissen Sie, ich habe das Alter einfach nicht erwartet.

Haben Sie es verdrängt?

Roth: Jeder weiß natürlich, dass er älter wird. Aber man rechnet trotzdem nicht wirklich damit. Als Kind wusste ich, dass meine Großeltern irgendwann sterben würden. Als ich 50 war, starben meine Eltern. Und es kam mir nie in den Sinn, dass mein Bruder irgendwann sterben würde. Ich konnte mir eine Welt ohne ihn gar nicht vorstellen. Ich vermisse ihn sehr. Alter ist eine große Ernüchterung.

Eines Ihrer Bücher heißt «Eigene und fremde Bücher wieder gelesen». 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung liegt «Portnoys Beschwerden», der Roman, der Sie berühmt und berüchtigt gemacht hat, in einer neuen deutschen Übersetzung vor. Wenn das Buch heute erschiene, glauben Sie, dass die Geschichte eines sexbesessenen amerikanischen Juden, der auch schon mal in einer rohen Leber masturbiert, heute noch jenen Aufschrei der Empörung provozieren würde wie 1969?

Roth: Das wäre heute kein Eklat mehr. Um die Schockwellen, die das Buch auslöste, verstehen zu können, muss man sich die damalige Zeit vergegenwärtigen. Es war das Ende einer Dekade, die vom Trotz gegen die Obrigkeit und einem Verlust an Zutrauen in die öffentliche Ordnung geprägt war. Die Gesellschaft geriet in Turbulenzen, es wurde überall mit den traditionellen Regeln gebrochen, die Gewalt im Umfeld des Protests gegen den Vietnamkrieg war enorm. Ich ritt auf der Schaumkrone der Sixties-Welle, kurz bevor sie auf den Strand aufschlug – nur war mir das damals nicht bewusst. Das wurde mir erst rückblickend klar. Niemand hatte bis dahin je auf diese Weise über Masturbation geschrieben oder schonungslos über jüdische Familien in Amerika. Niemand hatte sich auf diese Weise mit Obszönität auseinandergesetzt, sie benutzt. Ich könnte heute so nicht mehr schreiben, nicht mal dann, wenn ich es ernsthaft versuchte. Ich bin nicht mehr so verrückt, wie ich mal war. Leider.

In Newsweek wurden Sie vor kurzem immer noch als «the Portnoy guy» bezeichnet. Da haben Sie’s. Ich habe 26 Bücher seit Portnoy geschrieben. Und ich bin vielen immer noch vor allem wegen dieses Buches ein Begriff. Berühmt-berüchtigt. Ein New Yorker Rabbi polterte damals: Bringt diesen Mann zum Schweigen. Hat sich Ihr Verhältnis zu jüdischen Gemeinden in den USA seitdem entspannt?

Roth: Der Rabbi war heftig. Das stimmt. Damals war aber nicht jeder aus der jüdischen Community gegen mich, manche fanden das Buch wundervoll, andere haben es als Skandal gesehen, zeterten, ich hätte Schande über die Juden in Amerika gebracht. Das ist alles längst vorbei und vergessen.

Man hat Ihnen vergeben?

Roth: Inzwischen gewinne ich sogar jüdische Buch-Preise. Die jungen Leute von heute können die Reaktionen von damals nicht mehr verstehen. Im Gegenteil: Viele sehen dieses Buch als Befreiungsschlag, weil ich das Klischee von der perfekten jüdisch-amerikanischen Familie entzaubert habe.

In «Portnoy» transzendieren Sie die Vulgarität, indem Sie das Thema Sex einführen, um eigentlich jedes Thema auszuleuchten: Religion, Politik, Geschichte oder Gesellschaft. Die Methode benutzen Sie immer noch, nur dienen Ihnen heute andere Themen als Katalysatoren ...

Roth: Was ich heute schreibe, kann ich nur schwer mit früheren Büchern vergleichen. Ich bin damals mit einer anderen Energie ans Werk gegangen. Als ich Portnoy schrieb,waren die angesprochenen Themen interessant und wichtig für mich. Heute sind mir andere Themen wichtig: Alter und Tod.

Mr. Roth, jetzt reden wir seitmehr als einer Stundemiteinander und haben noch gar nicht über den Nobelpreis gesprochen. Sind Sie erleichtert?

Roth: Ehrlich gesagt: ja. Aber so, wie Sie Ihre Frage einleiten, wird es wohl nicht dabei bleiben. Müssen wir wirklich das Thema besprechen?

Müssen wir nicht. Es ist nur auffallend, dass Heerscharen europäischer Kritiker Sie seit Jahren regelmäßig als den wichtigsten US-Autor loben, der es längst verdient hätte den Preis zu bekommen. Ist Ihnen das egal?

Roth: Ob mir egal ist, was Kritiker mir wünschen? Hmm. Wissen Sie, Literatur ist kein Pferderennen. Der Nobelpreis wird aber als Pferderennen inszeniert. Und ich denke darüber nicht nach.

Als Horace Engdahl, einer der Mitglieder des Nobel-Komitees, sagte, US-Autoren wären auf absehbare Zeit nicht preiswürdig, weil sie zu sehr mit der US-Massenkultur verwoben seien, sorgte das für Empörung.

Roth: Das habe ich natürlich auch gelesen. Ich kann dazu nur sagen: Er ist schlecht informiert.

Interview: Martin Scholz

«Sie war so tief in mein Bewusstsein eingebettet, dass ich während meines ganzen ersten Schuljahres geglaubt zu haben scheine, allem eine Lehrerinnen seien meine Mutter in Verkleidung.»
Der erste Satz aus der Neu-Übersetzung von Philip Roths «Portnoys Beschwerden»,Hanser Verlag, 288 S., 22 Euro.