Ein Kloster in einem abgelegenen Schweizer Tal feiert sein Jubiläum als Unesco-Welterbe. Den ganz eigenen Umgang der Nonnen mit dem kulturellen Ritterschlag erlebte Pamo Roth. Ein Besuch bei Frauen, die sich gegen Kunstlicht am Tag wehren. Mit Video
Ein Glockenschlag zerreißt den warmen Schlaf. Die hastigen Schritte in den Kreuzgängen verschluckt der Steinboden, nur die vor Kälte starren Kutten rascheln. Stummes Nicken zur Begrüßung. Mit gesenkten Köpfen heben die ersten Nonnen zur Vigil an, die den Übergang von der Nacht in den Tag begleitet, die anderen antworten im Wechselgesang. Die Choreografie von Stehen, Sitzen und Knien, das Umblättern der Seiten, das Perlen des Rosenkranzes, scheint in der absoluten Synchronie dieser zwölf Frauen von einem inneren Uhrwerk gesteuert.
Als die Morgenhore verhallt und die Messe gesprochen ist, erheben sich alle, reihen sich in einer intuitiven Folge ein, neigen sich vor dem Kreuz. Die Letzte löscht die Kerzen. Kein Wort außerhalb der Gesangs und Gebetsbücher ist gefallen. Der Heilige Benedikt, Gründer des Ordens, hat für jeden Tag des Jahres Psalme, Grußworte, Gebete und Lieder festgelegt, die den Klostertag in sieben Betzeiten unterteilen. Der Rest des Tages ist der Arbeit gewidmet, meistens schweigend.
Unesco – die A-Klasse der Kunst
Ein Lachen bricht aus Schwester Domenica heraus: «Das Unesco-Weltkulturerbe? Das ist die Crux, die wir zu tragen haben. Aber das empfinden wir eigentlich nicht negativ.» Die Antwort irritiert. Nur sieben Stätten der Schweiz dürfen das Label des Welterbes führen. Es ist der kulturelle Ritterschlag, die A-Klasse der Kunst. Das Alpenkloster in dem abgelegenen Münstertal umschlossen von einem fast 3000 Meter hohen Gebirgskranz kurz vor der Grenze zu Italien hat den Kultstatus 1983 erhalten – vor einem Vierteljahrhundert.
Unesco in der Schweiz
Es gibt sieben Unesco-Stätten in der Schweiz: St. Gallen, Müstair, Bellinzona, Monte San Giorgio, Alpenregion Aletschgletscher, Lavaux und Bern.
Die Unesco ist die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. Weltweit gehören 191 Staaten dazu mit 830 Kultur- und Naturstätten. Die Unesco Welterbe-Konvention hat sich zum Ziel gesetzt, Baudenkmäler, geologische Formationen, Reservate und Naturlandschaften von Tieren und Pflanzen zu schützen.
Samstag, 30. August 2008: Jubiläumsfeier im Unesco Kloster St. Johann Müstair. Informationen unter: www.graubuenden.ch
Damit brach ein neues Kapitel an. Der geld- und ruhmreiche Segen, den er für das Kloster bedeutet, ist auch eine Bürde, die auf den Nonnen lastet: «Seitdem wir unter Denkmalpflege stehen, dürfen wir nicht mehr selber entscheiden, wie und was renoviert wird – erst recht als Weltkulturgut.»
Schwester Domenica ist eine Art Scharnier zwischen der Schwesternschaft und der Baukommission. Dort vertritt sie die Wünsche der Nonnen. Zum Beispiel bei der Geschichte mit den Fenstern. Die Fenster der barocken Klosterzellen waren alt und zugig. Die neuen sollten jedoch nach den Vorstellungen der Baukommission so sein wie die alten: barock. Durch die Einfachglasfenster spürten die Nonnen aber nach wie vor die Zugluft: «Eure Fenster sind schön, aber uns zieht es», widersprach Schwester Domenica dem barocken Erhaltungswillen. «Schließt doch die Fensterläden», erwiderten die Architekten in der Baukommission.
Die Zeiten des Tesa-Films
Die Nonnen wollten aber nicht im Winter auch tagsüber das Licht anmachen. «Wir haben gepocht auf unseren Wunsch», Schwester Domenica klopft zu jeder Silbe mit ihren Handknöcheln auf den Tisch: «Wir wol-len Doppel-glas-fen-ster.» Schließlich wurde eine elegante und kunsthistorisch unbedenkliche Lösung gefunden: Eingezogene und nicht sichtbare Innenfenster verhindern, dass es zieht – knapp zehn Jahre dauerte das Ringen darum. Schwester Domenica strahlt. Mission 'Fenster' erfüllt im Einvernehmen zwischen Schwesternschaft und Baukommission.
«Die Arbeit in der Baukommission ist für mich eine Horizonterweiterung. Die Schwestern haben mich ausgesucht, weil ich mich durchsetzen kann.» Durchsetzen gegen die Experten. Bei diesem oftmals schwierigen Balanceakt zwischen der geschlossenen Schwesternschaft und engagierten Baukommission hat ihr Optimismus geholfen. «Vorher war alles noch schwieriger.» Vorher, das war zu Zeiten des Tesafilms. Bevor die Nonnen Geld von der Denkmalpflege für die nötigen Renovierungen erhielten, klebten sie den über die Risse in ihren Zellen, damit es nicht herunterrieselte.
Karl als unique selling point
Das ist der Segen des Unesco-Welterbes. Grund dafür ist vor allem das Fresko in der Klosterkirche. Ein Fresko, das in der Zeit Karls des Großen die alttestamentliche Geschichte bebilderte, 1200 übermalt von den kräftigeren Farben der romanischen Fresken, die wiederum unter einer Übertünchung verschwanden und wohl für immer vergessen worden wären.
Der größte frühmittelalterliche Wandmalereizyklus
Foto: Pamo Roth
1894 kletterten die jungen Kunsthistoriker Josef Zemp und Robert Durrer auf den Dachboden über dem spätgotischen Kreuzgewölbe, das in die Saalkirche eingezogenen wurde – dort entdeckten sie den größten noch erhaltenen frühmittelalterlichen Wandmalereizyklus: Romanische Wandkunst und die darunter verborgene noch ältere und wertvollere karolingische. Mit Hämmern legten die Nonnen selbst den kostbaren Fund knapp 50 Jahre später frei. Ihr Elan ist stellenweise bis heute als Löcher in den Fresken sichtbar.
Die Offenlegung dieses Schatzes läutete eine neue Ära in dem Klosterleben ein. Sein Wert manifestiert sich in tausenden Besucherzahlen, in Geldern, die dem finanzschwachen Kloster zukommen, in Prominenz wie der Schweizer Bundespräsidentin, die sich in die Einsamkeit des Val Müstair begibt, um dem Weltkulturerbe ihre Aufwartung zu machen. Zuvor beschränkte sich der unique selling point der kleinen Benediktinergemeinschaft auf eine nie bewiesene Legende: Aus Dank, einem Schneesturm entkommen zu sein, gelobte Karl der Große in der Nähe ein Kloster zu stiften. Tatsächlich stammen die Grundfesten des Gemäuers aus der Zeit der Kaiserkrönung und liegen an dem für dessen Osterweiterung neuralgischen und strategisch günstigsten Ort.
Widerstände mit Beten ausgetrieben
Schwester Domenica hat mehr als die Hälfte ihres Lebens hinter diesen Klostermauern verbracht. Sie ging mit 25 Jahren zu den Benediktinerinnen und legte ein Jahr später ihr erstes Gelübde ab. Schon immer fühlte sie ein ungestilltes Gefühl, das sie traurig machte. Dann das Schockerlebnis mit ihrem Bruder: Er stürzte bei Waldarbeiten an einem Wasserfall ab und verunglückte. Die Familie eilte ins Krankenhaus, saß um das Bett des Ohnmächtigen, der nicht mehr zu Bewusstsein kam und starb. «Welchen Sinn hat das Leben, wenn es einfach durch einen dummen Zufall vorbei sein kann?» Im Gebet fand sie die Antworten. «Zuerst hat es mich abgeschreckt ins Kloster zu gehen, weil dieser Gehorsam so gegen meine Natur ist. Aber meine Widerstände trieb ich mir mit Beten aus», sie verabschiedete sich von ihren Eltern und wurde Novizin. >>>Weiter zum zweiten Teil