21.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Gregor Schneider
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Gregor Schneider sucht jemanden, dessen Todeskampf er öffentlich zeigen kann. Die Empörung in Politik und Kunstbetrieb ist groß - aber wo ist nun das Kunstwerk, fragt sich Kerstin Rottmann .
Achtung, versteckte Kamera - oder Achtung, Hochkultur? So genau ist derzeit nicht auszumachen, was Künstler Gregor Schneider mit seinem neuesten Projekt eigentlich bezweckt. Schneider, dessen «Totes haus ur» 2001 auf der Biennale in Venedig gefeiert wurde, zeigt derzeit ja eigentlich in der Schweiz einige seiner verfremdeten Raumwelten. Im Museum Franz Gertsch in Burgdorf bei Bern sind die umgebauten Räume und «irritierende neue Raumfolgen» - so schreibt es der Pressetext - derzeit zu besichtigen. Für weit mehr Irritationen im Kunstbetrieb hingegen sorgt eine ganz andere Ankündigung des 1969 geborenen Schneiders. Er suche derzeit einen Menschen, dessen Sterben er als Kunstwerk inszenieren könne, verkündete er unlängst in einer Kunstzeitschrift. Klar, dass das auch mächtig Aufregung in den Medien auslöst.
«Würde und Schutz»?Im Interview mit der «Welt» wurde Schneider dann am heutigen Montag ein wenig konkreter: «Die Auseinandersetzung mit dem Tod, wie ich sie plane, kann und den Schrecken vor dem Tod nehmen. Ideal erscheint mir ein Raum aus dem Museum Haus Lange in Krefeld, den ich nachgebaut habe.» Der «helle und Licht durchflutete» Raum stehe in seinem Atelier schon bereit und sei «jederzeit verfügbar».
Als «humaner Ort für den Tod» schaffe er mit diesem Sterbezimmer «Würde und Schutz», zumal er, der Künstler, ja auch eine «Besucherregelung» für den Raum treffen werde, so der in Mönchengladbach lebende Schneider weiter. Einen Kandidaten für sein Projekt hat Schneider angeblich auch an der Hand: «Ich stehe im Kontakt mit einem Kunstsammler, der auch Teil meines Hauses in Rheydt geworden ist. Mit ihm könnte ich es mir vorstellen», erzählt er weiter. Nun schlugen die Wogen noch etwas höher.
Kunst als GeisterbahnDas so umworbene Haus Lange dementierte umgehend, dass es als Ort für das öffentliche Sterben bereit stünde. Museumsdirektor Martin Hentschel konstatierte in Schneiders Idee «bloßes Spektakel» und eine «durch rechnische Medien angeheizte Eventgeilheit». Politiker von Grünen und FDP sprachen in der Rheinischen Post« vom «Versuch einer Provokation» und einer geschmacklosen Aktion, auch die Kommentare in diversen Feuilletons waren negativ. Dabei wurde Schneiders «Geisterbahn»-Kunst genau dort sonst so positiv besprochen.
Umstrittene Kaaba-KunstSo etwa sein bekanntestes Werk, sein geerbtes Wohnhaus in Rheydt. Schneider hat es, so die immer wieder gerne erzählte Werk-Geschichte, in über 15 Jahren Arbeit zu einem Labyrinth aus verschachtelten Räumen und geheimen Gängen umgestaltet. In dem mit dem Goldenen Löwen der Kunstbiennale ausgezeichneten «Totes Haus ur» drehen sich seitdem die Zimmer und senken sich die Decken, um eine beklemmende Atmosphäre zu schaffen. 2007 machte Schneider Schlagzeilen, als er für die Ausstellung «Das schwarze Quadrat - Hommage an Malewitsch» einen 14 Meter hohen Würfel in Hamburg aufstellte. Die Skulptur, die an das muslimische Heiligtum Kaaba erinnert, war zuvor in Venedig und Berlin abgelehnt worden. Auch die Idee mit den Toten ist nicht ganz neu: Bereits 2001 überlegte Schneider öffentlich, ob ihm echte Leichen für Ausstellungen zur Verfügung gestellt werden könnten.
Alles nur ein FakeAber halt. Da gibt es noch ein ganz anderes Projekt des Künstlers aus dem Jahr 2007, das bei genauerem Hinsehen einen ganz anderen Zugang auf den vermeintlichen Tabubruch eröffnet. Damals bestellte Schneider in Berlin per Einladung Kunstinteressierte zur Vorstellung seiner «neuen Performance» in die Staatsoper Berlin. Die kamen denn auch in Massen, standen stundenlang draußen an, und ärgerten sich anschließend mächtig - denn als sie endlich ins Gebäude kamen, erfuhren sie dort, dass das schon alles war: das Schlangestehen an sich war die Performance. Hoffentlich bekommen etliche derjenigen, die sich nun wortreich aufregen, nicht auch bald ganz, ganz schlechte Laune. Dann nämlich, wenn sich herausstellt, dass nur die öffentliche Empörung über das «Projekt Tod» das eigentliche Projekt des Gregor Schneider ist. Apropos: Hat eigentlich schon jemand die versteckte Kamera entdeckt?