Sprengung oder Umwidmung:
Gottlosigkeit bedroht französische Dorfkirchen
14. Apr 2008 17:35
 |  Die Kirche Saint Pierre aux Liens in Geste | Foto: AP |
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Weil die Menschen immer seltener zur Messe gehen, sind viele Gotteshäuser in Frankreich dem Abriss geweiht. Letzte Rettung vor dem Dynamit ist oft eine neue Nutzung als Wohnhaus, Restaurant oder Galerie.
Bürgermeister Jean-Pierre Leger hat in der Kirche Saint-Pierre-aux-Liens in Westfrankreich geheiratet und seine Kinder dort taufen lassen. Jetzt plant er, das Gotteshaus des kleinen Dorfes Geste abzureißen. «Es ist sehr traurig, aber wir können die Renovierung nicht bezahlen.» Weil sich Steine aus der Fassade des 19. Jahrhunderts lösten, musste die Kirche aus Sicherheitsgründen geschlossen werden. Die Genehmigung für das Anrücken der Planierraupen liegt vor.
Wie in Deutschland und anderen europäischen Ländern sinkt auch in Frankreich die Zahl der Messebesucher. In dem überwiegend katholischen Land gehen nur noch fünf Prozent wöchentlich zum Gottesdienst, vor einem halben Jahrhundert war es noch jeder dritte. Die Folge: Immer mehr Kirchen verwaisen und werden baufällig. Und den Kommunen, die die Renovierungen zahlen müssten, fehlt gerade auf dem Land das Geld. Erste Kirchen wurden schon in Schutt und Asche gelegt. In Geste werden nur Kirchturm und Krypta stehen bleiben, drum herum wird eine neue, viel kleinere Kirche errichtet. «Die alte hat 1000 Plätze, viel zu viele für die kleine Gemeinde», sagt Bürgermeister Leger. Der Neubau kostet 1,35 Millionen, die Hälfte der Renovierung.
Ein Gotteshaus wird zur Zirkusschule
Wahrzeichen wie die Krönungskathedrale in Reims oder Notre Dame in Paris werden vom Staat bezuschusst. Gemäß der laizistischen Verfassung sind die Kirchen aber Eigentum der Städte. Zumal hat die Regierung kaum Geld, um die Denkmäler des Landes zu erhalten. Kulturministerin Christine Albanel erwägt ein neues Lotto-Spiel oder eine Luxussteuer, um neue Mittel aufzutreiben. Im Juni wird sie mit der katholischen Kirche beraten, ob der Staat auch den bedrohten Landkirchen helfen kann. Dabei könnte auch ein bisheriges Tabu zur Sprache kommen: eine Umnutzung der Gotteshäuser.In Großbritannien wurden Kirchen schon in Wohn- und Lagerhäuser, sogar in eine Zirkusschule umgewandelt. In Rom findet man in profanierten Kirchen Galerien und Restaurants. Auch in Deutschland werden Kirchen einer neuen Nutzung zugeführt. Das Bistum Essen sucht für knapp hundert seiner 350 Gotteshäuser Lösungen. In eine wird ein Seniorenheim ziehen, in eine andere eine Pflegeschule, wie Bistumssprecher Winfried Dollhausen erklärt. «Ein Abriss wäre aber die Ultima Ratio.» Der Verkauf zweier neuapostolischer Gotteshäuser an eine muslimische Gemeinde in Berlin rief im vergangenen Jahr lautstarken Protest hervor. «Für katholische Kirchen kommt das nicht in Frage», sagt Dollhausen. Dazu gibt es eine Grundsatzentscheidung der Bischofskonferenz. Auch die evangelische Kirche rät davon ab.
Denkmäler in schlechtem Zustand
Ein Minarett auf einem einstmals christlichen Gotteshaus, das ist in Frankreich derzeit undenkbar. Wie viele der rund 60.000 Kirchen von Schließung und Verfall bedroht sind, ist kaum zu ermitteln. Laut Kulturministerium sind 41 Prozent der bedeutenden Denkmäler in schlechtem Zustand, dabei wurden die einfachen Dorfkirchen trotz all ihrer Schönheit nicht mitbewertet. «Wenn eine Stadt ihre Kirche verliert, verliert sie ihren Charakter», sagt Alain Guinberteau. Der Architekturfan hat ein Verzeichnis der französischen Glockentürme ins Internet gestellt. Aber nicht immer unterstützt die Bevölkerung die Ausgaben zum Erhalt der Kirchen. «Wir können das verstehen: wenn man zwischen einer neuen Grundschule oder einer Kirchenrenovierung wählen muss, ist es problematisch», sagt Norbert Hennique von der katholischen Kirche in Frankreich.Besonders die westliche Region Anjou ist vom Kirchensterben bedroht. Dort wurden die meisten Gotteshäuser – wie in Geste – im 19. Jahrhundert aus weichen, brüchigen Steinen aus nahe gelegenen Steinbrüchen gebaut. Vor zehn Jahren wurde die erste Kirche, in Le Fief-Sauvin, in einer spektakulären Aktion mit Dynamit gesprengt. Ein Foto an der Tür des kleinen Neubaus zeigt, wie der Glockenturm damals in die Luft flog. Für Bürgermeister Leger war die Sprengung das Vorbild. Alle seine Versuche, Geld aus Paris zu bekommen, schlugen fehl.
«Dann müsste man auch Notre Dame sprengen»
Doch es gibt Protest gegen seinen Abrissplan, Jean Waznica will vor Gericht dagegen klagen. «Diejenigen, die eine kleine, gemütliche Kirche ohne Säulen wollen, müssten auch die Sprengung von Notre Dame verlangen.» Tatsächlich erwog die Stadt Paris, die Kathedrale wegen ihrer Baufälligkeit im 19. Jahrhundert einzureißen. Victor Hugo schrieb damals «Der Glöckner von Notre Dame» und machte die frühgotische Kathedrale erst wieder berühmt. (Angela Doland und Tobias Schmidt, AP)