Leipziger Buchmesse: 

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Viel zu lesen: Werbung für die Leipziger Buchmesse (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Viel zu lesen: Werbung für die Leipziger Buchmesse
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Sex und Literatur, Medienrummel und Weltklima, beleidigte Ossis und Riesenpartys: Die Leipziger Buchmesse bietet einfach alles. Der Schriftsteller Joachim Lottmann war für die Netzeitung dabei.

Die Buchmesse ist toll dieses Jahr. Sie begann gestern, und zum Auftakt gab es gleich ein acht-Seiten-Interview von Charlotte Roche (sprich: «raoutsch!») und Ariadne von Schirach im «Stern». Thema: natürlich irgendwas mit Sex, eigenem Körper, Lust, Sperma, Spucke, Feuchtgebieten.

Wieder genau das Schmuddelzeug, mit dem sich die Leserschaft (Durchschnittsalter: 62) aufgeilt. Und beide Autorinnen sind ja auch mit entsprechenden Büchern draußen. Wobei Ariadne tapfer den Gegenpart zur ewig neckischen Nymphe Roche (30, geschätzte 1000 TV-Sendungen) spielt. Sie hält dagegen. Sie gibt nicht auf. Es ist anrührend. Später mehr dazu.

Dann, das zweite große Thema, jedenfalls für die Ossis und die «Leipziger Volkszeitung»: Erwin Geschonneck tot! Irre: der große Volksschauspieler, im Alter von 101 Jahren, im Schlaf gestorben.

Die ersten vier Seiten schreien es einem entgegen. Der Mann, der in «Der Lotterieschwede» den Lotterieschweden gab, den Holländer-Michel in «Das kalte Herz», der in «Karbid und Sauerampfer» mitspielte, in «Matulla und Busch», vor allem aber in «Kuhle Wampe» (1931) von Bert Brecht. Einfach gestorben, anstatt seine Biographie zu schreiben und auf der Leipziger Buchmesse vorzustellen. Peter Sodann, auch schon 71, ist da anders. Er wird lesen, diesmal, wie so viele andere Ex-Stars der DDR.

Weltraumstation Messegelände
In der Heldenstadt Leipzig werden auch «Wir sind Helden», Helge Schneider, Rainer Langhans und hundert andere Neu-Autoren erwartet. Allein 20 sehe ich schon in den ersten vier Stunden nach Ankunft im Orbit.

Orbit? Sagen wir: in der Weltraumstation Messegelände, weit ab von der Stadt, in der Pampa. Alles Geld ist in diese unwirkliche Glas- und Stahl-Hülle gesteckt worden, hunderte von Millionen Euro, überdacht, verglast, kilometerlang, während die eigentliche Stadt, das reale Leipzig, totgespart und den Vandalen überlassen wurde.

Es entstand eine künstliche Stadt, größtes Symbol für den barbarischen Missbrauch von Ressourcen überhaupt. Der Franz Josef Strauß International in Munich ist dagegen fast noch ein mittelalterlicher Bau, klein und niedlich.

Kleine schwarze Billiganzüge
Ich gehe durch das endlose Lager der Verlagsstände. An jedem zweiten Stand liest ein Autor, oder er wird interviewt, und das Interview wird per Lautsprecher nach draußen übertragen. Eine rote Lampe zeigt an, dass das Interview live von irgendeinem Murkssender übertragen wird.

Ein Brite namens T.R. Smith erklärt, warum er einen Serial Killer in die Stalinzeit fantasiert hat. Es ist billigste Effekthascherei, was er tat, aber er gibt sich seriös, und der Betrieb spielt mit. Der Radiomann trägt den vorgeschriebenen in der Wäsche eingeschrumpften schwarzen Anzug, schwarzes T-Shirt drunter, und der «Schriftsteller» kleidet sich wie ein Popstar der siebziger Jahre. Schon mal nicht schlecht. Besser als die meisten seiner Kollegen.

Später schält sich folgende Kleiderordnung heraus: Die Schriftsteller tragen diese zu kleinen schwarzen Billiganzüge, die Vertriebsleute von den Verlagen – sie stellen die Mehrheit der Messebesucher – graue konventionelle Anzüge, die Journalisten hässliche Casual Wear, etwa abgetragene beige Lederjacken. Unsexier geht nicht. Nur Oliver Maria Schmidt von der «Titanic» glänzt in einem kirschroten Maßanzug mit blausilberner Krawatte.

Das Weltklima
Gute Autoren erkennt man eigentlich nur an der Sonnenbrille. Es gibt auch Journalisten mit Schnurrbärten, Triefaugen und Hängebäuchen. Ein Autor namens Treichel liest aus seinem dritten Buch über seinen verlorenen Bruder, der im Nachkriegsdeutschland irgendwo unter die Räder kam. Sehr anrührend.

Auch ich schreibe immer wieder mit heißlaufender Olivetti über meinen Bruder, nur nicht so gut. Treichel kann das richtig, der hat hier fast schon das Alleinstellungsmerkmal.

Peter Unfried liest aus seinem Buch «Al Gore, der neue Kühlschrank und ich», wird anschließend von einem Sender interviewt. «Sie wollen also das Weltklima retten!», beginnt die gutgelaunte Reporterin. Der Mann mit dem unverwechselbaren Kopf – ein strenger Mittelscheitel trennt die Prinz Eisenherz Frisur - wehrt ab. Er sei nur nach Kalifornien geflogen, habe dort den Film von Al Gore gesehen und anschließend sein Leben verändern müssen. Unfried wurde dabei der erste «Neue Öko», eine Bewegung, der sich nun Hunderttausende in Deutschland angeschlossen haben und vielleicht bald Millionen in der Welt.

Wie das gehe? Ökostrom bestellen, Drei-Liter-Auto kaufen, auch als reicher Bürger strikt auf Ökoprodukte achten. Er sagt: «Es ist ein völlig neues Glücksgefühl, wenn man von Berlin nach Stuttgart fährt und dabei nur 3,7 Liter auf 100 Kilometer verbraucht.» Auch er trägt diesen zu engen schwarzen Anzug und ein Schwarzhemd darunter, aber sicher aus Ökostoff, und prompt sitzt die Textilie bei ihm besser als bei anderen.

Schlechte Texte, viele Preise
Schon im Eingangsbereich der Messe lesen die Autoren Stand auf Stand, Verlag für Verlag, Event für Event, schier kilometerlang, alle zehn Meter ein anderes Geraune, ein anderer Regional-Sender. Auch die großen sind dabei, ZDF, «Süddeutsche Zeitung», Bertelsmann, MDR, es ist eine wahnsinnige Industrie.

Hier in Leipzig merkt man, in welchem Jahrhundert wir angekommen sind: in dem der Medien, der Rentner mit zuviel Zeit, der grenzenlosen Kulturproduktion.

Eine Frau namens Lydia Daher liest, und mir ist schon nach wenigen Worten klar, dass es sich um die schlechteste Schriftstellerin handelt, die ich je gehört habe. Interessiert höre ich weiter zu. Wie kann man nur so untalentiert sein? Was hat sich der liebe Gott dabei gedacht?

Ich spreche sie anschließend an, und es stellt sich heraus, dass sie bereits alle möglichen prominenten Preise gewonnen hat. Sie ist Mitte 20 und schaffte den Durchbruch vor drei Jahren. Meine alte These: je schlechter der Text, desto schneller der Preis. Gute Schriftsteller kriegen selbst nach ihrem Tod keinen.

«Oberhammer der Woche»
Gut ein halbes Dutzend Einheitsbistros versorgen die in die Pampa getriebenen Massen mit einem kümmerlichen Einheitsfraß zu schamlos überteuerten Preisen. Wie eine McDonald's Kette mit stark eingeschränktem Produktangebot und fünfmal so teuer sowie erkalteter Küche. Scheußlich.

Nach Stunden mit verschiedensten Lesungen sehne ich mich nach Leipziger Prasselkuchen (0,80 Euro) und ofenfrischen Schokotröpfchen (0,65 Euro) sowie einem Shopping durch MacGeiz mit feinen Schnäppchen.

Etwa der «Oberhammer der Woche»: Clogs & Pins für ganze drei Euro! Das sind Schuhe aus Plastik mit Extra-Aufklebern. All das kann ich mir erst nach 18 Uhr leisten, als die Messe schließt und die weiteren Lesungen im Innenbezirk Leipzigs stattfinden.

Das echte Leipzig
Endlich das echte Leipzig! Die grauen Anzüge der Vertriebsmenschen sind nun verschwunden. Glitzerpaläste überall, größer als in Wien. Durchaus eine Art Nachtleben. Ich staune.

Da, in der Altstadt, hat man doch viel getan. Ich schäme mich für meine Arroganz und mein bräsiges Überlegenheitsgefühl. Ist es nicht ein wirklich blöder Gedanke, dass die Ossis stets hinterher seien, gerade wenn sie aufholten? Also dieses Belächeln ihrer neuesten Errungenschaften, ihrer Fortschritte, nur weil sie noch nicht so weit sind, noch nicht so cool wie wir?

Im Haus der «Leipziger Volkszeitung» findet die Lange Ossi-Wessi-Nacht statt. In drei Runden diskutieren Prominente aus Ost und West. Jutta Winkelmann und Gisela Getty stellen ihr Buch «Die Zwillinge, oder der Versuch, Geld und Geist zu küssen» vor.

«Ihr gennd uns doch gor nüschd!»
Rainer Langhans, der letzte 68er, öffnet den Leuten die Augen: über die Kommune damals und das Internet heute. Tatsächlich eine ganz ähnliche Bewegung. Jutta Winkelmann ruft den 80 Prozent Ossis im Saal zu: «Ihr seid doch heute noch verkrampft. Warum seht Ihr immer noch so traurig aus?» Die Leute grummeln auf Sächsisch, recht bedrohlich: «Ihr gennd uns doch gor nüschd!»

Götz Aly deklamiert, die Räterepublik werde inzwischen von vielen Leuten abgelehnt. Proteste bei den Alt-68ern im Saal. Jutta Ditfurth wird immer giftiger.

Dann das Nachtleben. Überall Partys, Restauranttreffen, späte Lesungen, Slam Poetry, lange Nacht von irgendwas, die Moritzbastei, die Rowohltparty.

Die Rowohltparty
Ja, die Rowohltparty, das ist das Ziel der Ziele, da will jeder hin. Aber da kommt niemand rein. Die Liste steht seit Wochen fest. Die Türsteher sind so gnadenlos wie ahnungslos. Sie wissen nicht, wer Rainer Langhans ist. Sie hätten auch nicht gewusst, wer Willy Brandt war oder Franz Beckenbauer. Peter Sodann würden sie erkennen oder Erwin Geschonneck.

Joachim Unseld wird böse von ihnen angerempelt, ehe sie realisieren, dass er sozusagen der Hausherr ist. Langhans kommt nur rein, weil er den einen Türsteher manisch anstarrt und dessen Blick zu Boden zwingt.

Auf drei Etagen wird getanzt, geraucht, getrunken. Von der «Party des Jahres» ist die Rede. Wie man hört, ist sie immer noch im Gange.


Joachim Lottmann, Berliner Schriftsteller («Die Jugend von heute»), arbeitete 2005 bis 2007 für das Kulturressort des «Spiegel» und führt seit letzten März bei der «taz» das Blog «Auf der Borderline nachts um halb eins», gleichnamig als Buch erschienen (Kiepenheuer & Witsch, 256 S., 9,95 Euro).