Zeitgeschichte: 40 Jahre 68er: Re-Education, wohin man schaut06. Feb 2008 12:21  |  Feuchtes Treiben: Polizeieinsatz 1968 in Berlin | Foto: Günter Zint |
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Im Berliner Amerikahaus ist seit kurzem die Ausstellung «68 – Brennpunkt Berlin» zu sehen. Sie sagt einiges über die 68er, mehr aber noch über den Ort selbst aus, findet Stephanie Wurster.
Bruno Grimmeks sachliche Bauten sind noch an vielen Stellen in Berlin zu sehen: Die Gedenkstätte Plötzensee, das Palais am Funkturm, TU-Gebäude und zahlreiche U-Bahnstationen hat der Berliner, der in Hans Poelzigs Architekturbüro arbeitete, und nach dem Zweiten Weltkrieg Leiter der Entwurfsabteilung des Hochbauamtes von West-Berlin wurde, entworfen.
Dazu gehört auch das Amerikahaus in der Hardenbergstraße, das seit 1957, pünktlich zur Interbau, die Kultur der Besatzermacht mit Sprachkursen, Zeitschriften, Büchern und Reiseinformationen vermitteln sollte. Das Kulturinstitiut war eines der zahlreichen, über das ganze Land verstreuten Instrumente der Re-Education – der «Umerziehung», die aus den Nachkriegsdeutschen demokratische, selbstbestimmte Bürger machen sollte.Seit 1999 untersteht das Haus direkt der US-Botschaft und damit auch deren Sicherheitsbestimmungen, die seit 2001 so drastisch verschärft wurden, dass eine öffentliche Nutzung nicht mehr möglich war. Zum Herbst 2006 kündigten die Hausherren den Mietvertrag. Die kulturelle Außendarstellung der USA soll künftig im Botschaftsneubau am Pariser Platz geleistet werden.
Das Amerikahaus und 1968 Der schmale Beton-Flachbau mit seiner blau-rot-bunten Mosaikfassade steht heute unter Denkmalschutz, wie auch Grimmeks ebenfalls unnütze, deutschlandweit einzigartige Verkehrskanzel am Joachimstalerplatz - nur einen Steinwurf entfernt. Abgerissen kann es daher nicht werden, steht aber zum Verkauf. Seine Zukunft ist also ungewiss. Unter den ernsthaft diskutierten Vorschlägen einer Neunutzung nach 2006 war der Plan, ein «West-Berlin-Museum» darin zu errichten. Oder, sogar, ein Museum, das ausschließlich an die 68er erinnern soll: Das schlugen die Grünen des Bezirks vor. Denn genau hier fanden zahlreiche Demos und Sitzblockaden der sogenannten 68er-Bewegung statt, wurden Eier geworfen, gingen Scheiben zu Bruch und wurden Flaggen von Studenten auf Halbmast gezogen, um an die toten Kinder in Vietnam zu erinnern. 1968, im «vielleicht dichtesten Jahr der Weltgeschichte» (Peter Sloterdijk) wurde das Amerikahaus zu einer der wichtigsten Zielscheibe der Protestierenden. Eine Kuschelecke für SDSler, APOs, Hippies und Kommunarden in der Höhle des imperialistischen Löwen - ist der viel belächelte Plan der Charlottenburger Grünen tatsächlich eine absurde Idee?
Ein Modellversuch Zurzeit kann man ihn als Modellversuch begutachten. Die Ausstellung «68 – Brennpunkt Berlin» –, übrigens die erste Veranstaltung seit der Schließung des Hauses, wird von Februar bis Ende Mai täglich von zehn bis 20 Uhr für alle Besucher offen sein. Veranstalter ist die Bundeszentrale für politische Bildung (BpB), eine 1952 gegründete Institution, die dem Innenministerium angegliedert ist, und ebenfalls einen Re-Education-Auftrag hat.Im «Münchner Manifest» von 1997 heißt es: «Die Bundeszentrale hat die Aufgabe, durch Maßnahmen der politischen Bildung Verständnis für politische Sachverhalte zu fördern, das demokratische Bewusstsein zu festigen und die Bereitschaft zur politischen Mitarbeit zu stärken.»
 |  Immer was los: Demonstration in Berlin, 1968 | Foto: Günter Zint |
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Auch ein Teil der sogenannten Neuen Linken der späten sechziger Jahre hatten die Umerziehung der Nazis, die schon längst wieder in Amt und Würden saßen, im Sinn. Wolfgang Matthias Schwiedrzik, ehemaliger Barrikadenkämpfer, Verleger und Mitgründer der Berliner Schaubühne, sagte in einem Interview aus dem Jahr 2003: «Wir nahmen bestimmte Elemente des westlichen Reeducation-Konzepts beim Wort und radikalisierten sie. Dabei blieben wir völlig fixiert auf die Vorstellung, ein zweites 1933 verhindern zu wollen. Das heißt, wir dachten nicht historisch, sondern 'analogistisch'. Der Gedanke der Demokratisierung und Umerziehung wurde radikalisiert.»
Flankierte Ausstellung «68 – Brennpunkt Berlin» wird von einem reichhaltigen Dossier auf der BpB-Seite und von einem vielversprechend klingenden Film- und Diskussionsprogramm flankiert. Und darauf muss man auch hoffen: Denn die eigentliche Ausstellung ist eher klein und geht kaum in die Tiefe.Die herausragenden Berliner Ereignisse des Jahres 1968, die zur Politisierung der Bevölkerung und der Studenten beitrugen, werden in Clustern präsentiert, oft auf verschiedenen medialen Ebenen: die Internationale Vietnam-Konferenz an der TU Berlin, der Anschlag auf den SDS-Führer Rudi Dutschke, «Enteignet Springer»-Kampagne, Proteste von Bürgern aller Schichten gegen die Notstandsgesetze, die im Mai dennoch verabschiedet wurden oder die Kommune 1 mit ihren Flugblättern. «Hat die Studentenbewegung die Gesellschaft positiv oder negativ beeinflusst?» wird an einer Wand gefragt. Die Besucher können mittels roter Knöpfe «Pro», «Contra» oder «Keine Meinung» wählen – eine Art unfreiwillige Persiflage auf die kleinen Umfragen, die auf den meisten Websites mit Informationsanspruch zu finden sind.
Do-It-Yourself Die Ausstellungsgestaltung orientiert sich am Do-It-Yourself-Habitus der Zeit, an provisorischem Bauen und Gestalten, indem sie beispielsweise mit Elementen von Baugerüsten arbeitet - die schönen Poster der Zeit sind allerdings eingerahmt und ordentlich gehängt.
 |  Wir müssen reden: Demonstrant trifft auf Polizisten, Berlin, 1968 | Foto: Günter Zint |
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Mitunter wird man durch das enge Display auf der Teilfläche des Amerikahauses, die die Ausstellung bespielt, an das klaustrophobisch vollgebaute Mauermuseum am Checkpoint Charlie erinnert, durch das noch heute Großgruppen westdeutscher Schüler geschleust werden, um Geschichtsbewusstsein eingetrichtert zu bekommen. Auch im Amerikahaus sind Schülerführungen geplant; gerade junge Menschen sollen mit der Ausstellung angesprochen werden. Im zweiten Stock wird die Schau luftiger. Joachim Fest darf in einem wertekonservativen ARD-Beitrag von 1968 über Rudi Dutschke lästern, den, wie Fest ihn formulierungswütig nennt, «Carbonaro aus märkischem Sand, märkischer Heide». Die Bundeszentrale präsentiert ihre zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema linke Revolte; Themenhefte, Filmhefte, Bücher, darunter einiges Empfehlenswerte zu symbolischen Spottpreisen. In diesem Stock werden vor allem die Schwarz-Weiß-Fotografien von Günter Zint gezeigt. Es sind schöne Fotos – aber auch hier reduziert sich der Erkenntnisgewinn mitunter auf das Aha-Erlebnis eines gesetzt wirkenden 60-jährigen, der seine Frau auf ein Detail hinweist: «Kennst du den noch? Das ist doch der Schorsch!»
Auffällig viele ältere Herrschaften tummelten sich bei Eröffnung und in den ersten Februartagen im Amerika Haus – wer weiß, ob sie damals dabei waren. Die Stadt und der Bezirk sollten die Museums-Option nochmal ernsthaft überdenken. Und warum aus dem Amerikahaus nicht gleich ein Museum für Re-Education machen? Das fehlte in der Hauptstadt noch.
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