Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Schau zur Rolle der Reichsbahn im Holocaust

22. Jan 2008 13:11
Die Reichsbahn transportierte Juden auch ins KZ Auschwitz
Bild vergrößern
Im Bahnhof Potsdamer Platz in Berlin ist ab Mittwoch eine Ausstellung über Deportationen während der NS-Zeit zu sehen. Die Schau dokumentiert die Rolle der Reichsbahn bei der Ermordung von Juden, Sinti und Roma.

Ein schlichter Torbogen unter einem Turm, flankiert von zwei einstöckigen Ziegelbauten. Durch das Tor führt ein Gleis - in die Hölle. Schon dieses symbolhafte Foto des Vernichtungslagers Auschwitz lässt keinen Zweifel, dass die Reichsbahn die wesentliche Rolle bei der Deportation von Millionen Opfern des Holocausts in die Todeslager gespielt hat. Die Deutsche Bahn dokumentiert diese Rolle ab Mittwoch in der Ausstellung «Sonderzüge in den Tod».

Mehr in der Netzeitung:
Allein auf dem abgebildeten Gleis sind Hunderttausende Opfer des Völkermords während der nationalsozialistischen Diktatur zu Zwangsarbeit und Gaskammern transportiert worden. Sie kamen aus allen Teilen des Reiches und der von der Wehrmacht besetzten Gebiete. Teils unveröffentlichte Dokumente rufen nun am Berliner Bahnhof Potsdamer Platz erneut in Erinnerung, wie nüchtern und fabrikmäßig der Massenmord organisiert war, wie reibungslos die Eisenbahn meist funktionierte, wie mit Reichsverkehrsministerium, Wehrmacht und SS zusammengearbeitet wurde.

Transporte von Juden bereits vor «Reichskristallnacht»

Kamen Vorwürfe, die Bahn tue nicht genug für den Transport, so antworteten Reichsbahn-Funktionäre prompt mit einer akribischen Aufzählung der Transporte, wie etwa aus dem «Kleinmann-Brief» von 1940 hervorgeht. Kleinmann war stellvertretender Generaldirektor der Reichsbahn und hat sich auf einem Bild des versammelten Vorstands von 1934 als einziger in Nazi-Uniform dem Fotografen gestellt.

Mehrere Dokumente belegen, dass die Massentransporte von Juden und anderen Minderheiten nicht erst nach der Einrichtung von Auschwitz und anderen Lagern als Stätten der systematischen Vernichtung begannen. Bereits vor den Pogromen der «Reichskristallnacht» 1938 seien solche Transporte nachweisbar, sagt der Eisenbahnhistoriker Alfred Gottwaldt, der im Deutschen Technik-Museum die Abteilung Schienenverkehr leitet. Die Ausstellung dokumentiert nicht, ob es in der Reichsbahn Widerstand gegen die Deportationen gab. Davon ist nämlich bis heute nichts bekannt. Allenfalls haben Eisenbahner an der Strecke mit Lebensmitteln oder Wasser für Erleichterung der «Fahrgäste» gesorgt, deren Transport mit zwei Pfennig pro Kilometer ordnungsgemäß abgerechnet wurde, wie Susanne Kill, Konzernhistorikerin der Deutschen Bahn, sagt.

Mehdorn wollte Schau auf Bahnsteigen verhindern

Der Ausstellung war 2006 eine unangenehme Auseinandersetzung vorausgegangen. Die NS-Forscherin Beate Klarsfeld wollte eine Ausstellung über die Deportationen französischer Kinder in die Vernichtungslager, die sie zuvor auf französischen Bahnhöfen gezeigt hatte, auch in Deutschland präsentieren. Dabei stieß sie aber auf Vorbehalte bei Bahnchef Hartmut Mehdorn. Er wehrte sich vor allem dagegen, die Schau auf Bahnsteigen zu zeigen. Es sei nicht angemessen, meinte er.

Schließlich wurde er von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee angewiesen, die jetzt stattfindende Ausstellung zu veranstalten. Danach begann die Vorbereitung, und die einstigen Streithähne arbeiteten zusammen. Zur Bahn und dem Ehepaar Klarsfeld kamen noch das Centrum Judaicum und das Technik-Museum. Die Ausstellung soll bis zum 11. Februar in Berlin und im Lauf dieses Jahres in weiteren Städten gezeigt werden, darunter Halle, Frankfurt am Main und Münster.

Bahn sieht kein Defizit bei Vergangenheitsbewältigung

Eine weitere Auseinandersetzung entspann sich, als sich eine neue Initiative namens «Zug der Erinnerung» bildete, die seit November 2007 eine weitere, vorwiegend Kindern gewidmete Dokumentation in einem Zug auf die ehemaligen Deportationsstrecken schickt. Sie beschwerte sich, dass die Bahn AG von ihrem Zug Trassengebühren verlangt, und forderte von dem Unternehmen und vom Ministerium Spenden beziehungsweise Verzicht auf die Gebühren. Mit einer Spende von 15.000 Euro beendete Tiefensee in der vergangenen Woche auch diesen Streit.

Bei der Deutschen Bahn besteht laut Kill kein Defizit an Vergangenheitsbewältigung. Bei der Neugestaltung des DB-Museums in Nürnberg sei vor einigen Jahren besonderer Wert auf die Rolle der Reichsbahn unter dem NS-Regime gelegt worden. Ferner unterhält sie das Mahnmal «Gleis 17» am Bahnhof Berlin-Grunewald, von dem aus seinerzeit zahllose Mitglieder der größten jüdischen Gemeinde in Deutschland in die Lager transportiert wurden. Dort begann eine der Strecken, an deren Ende das Tor von Auschwitz und die Hölle standen. (Von Thomas Rietig, AP)

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.