«Bild» dir deine Kampagne!
21.01.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Der Journalist und Medienwissenschaftler Boenisch, der selbst schon bei «Bild» arbeitete, wagt sich mit seiner wissenschaftlichen Arbeit auf ein extrem vermintes Gelände vor. Wer Kampagnenjournalismus betreibt, verletzt in eklatanter Weise die journalistische Ethik. Meist von kritischen Medien erhoben, kehrt der gravierende Vorwurf des Kampagnenjournalismus nicht selten zu ihnen zurück. Denn zumeist wird die Rede von Kampagnen und Kampagneros als bloße Unterstellung wegen unliebsamer Veröffentlichungen erwidert.
Das Mediengeschehen, um das es geht, liegt schon einige Jahre zurück. Als der «Bild»-Zeitung und ihrem frisch inthronisierten Chefredakteur Kai Diekmann Anfang 2001 vorgeworfen wurde, eine Kampagne gegen zwei Bundesminister von Bündnis 90/Die Grünen in der damaligen rot-grünen Regierungskoalition zu betreiben, wurde dieser Vorwurf von Seiten der Redaktionen und des Verlags Axel Springer empört zurückgewiesen.
Das Erkenntnisinteresse des Autors läuft auf die Frage hinaus, inwieweit Journalismus und journalistische Kampagne überhaupt normativ miteinander vereinbar sind. Das, was Journalismus in Reinform zu sein hat, ist einfach zu bestimmen. Es geht um sinn- und faktentreue Berichterstattung, Vorurteilsfreiheit und Berücksichtigung aller möglichen Perspektiven. Der Journalismus wird insgesamt einer Bestandsaufnahme unterzogen, bevor aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf die Fehlfunktionen geschlossen wird.
Im Ergebnis müssen zahlreiche Kriterien zusammenkommen, bevor von einer gezielten Kampagne die Rede ist. Als Kampagnenjournalismus ist danach eine Berichterstattung zu bezeichnen, «die zur Verwirklichung eines übergeordneten, persönlich motivierten Ziels die Berichterstattung zu einem Thema innerhalb eines bestimmten Zeitraums intensiviert, unter dramaturgischen und strategischen Gesichtspunkten arrangiert und aktiv aufrechterhält, um mit dem Einsatz persuasiver Mittel und Methoden Meinungen und/oder Verhaltensweisen zu beeinflussen.»
Fast alle dieser als Neuigkeiten aufgemachten Informationen waren seit Jahren bekannt. Insbesondere hatte es auch längst Prüfungen der rechtlichen Relevanz das Materials gegeben. Den offenkundigsten Beweis grober Manipulation lieferte die Veröffentlichung eines Fotos, das den späteren Umweltminister Tritten bei einer Demonstration zeigte. Laut «Bild» trug er eine Waffe in der Hand. Tatsächlich lief er in einer Gruppe von Demonstranten an einem Seil. Das Bild war so bearbeitet, dass vom langen Seil nur etwas sichtbar blieb, das dann von «Bild» als Waffe identifiziert wurde. Die Zeitung berief sich später auf schlechte Bildqualität. Für die Verfälschung rügte der Deutsche Presserat das Blatt.
Irgendwann mischte sich der damalige Kanzler Gerhard Schröder in die Debatte ein und warf dem Verlag Axel Springer Kampagnenjournalismus vor. Die Auseinandersetzung zwischen der Regierung Schröder und dem Verlag der «Bild»-Zeitung gipfelte darauf im Vorwurf, es sei der Kanzler, der eine Kampagne gegen den Verlag Axel Springer betreibe.
Der Vorstandsvorsitzende reklamierte in einem Offenen Brief einen Angriff auf die Pressefreiheit. Der auch von anderen Medien erhobene Kampagnenvorwurf wurde von Springer ebenfalls heftig und mit Hinweis auf die jeweiligen politischen Lager und daraus abzuleitende Intoleranzen zurück gewiesen.
Wie es aktuell um die Akzeptanz von Kampagnenjournalismus bei Springer bestellt ist, konnte der Fernsehzuschauer in der vergangenen Woche in der Talkshow «Maybrit Illner» vernehmen. Beiläufig erklärte da Claus Strunz, Chefredakteur der «Bild am Sonntag», dass er das Führen von Kampagnen als Aufgabe betrachte.
Es wird in diesem Buch nicht nur klar herausgestellt, was für jeden Journalisten unter ethischen Aspekten absolut verpönt sein sollte. Ganz nebenbei erfährt auch jeder, der eine Kampagne führen will, wie er sie erfolgreich stricken kann. Vasco Boenisch wurde für sein Buch mit dem Best Thesis-Award für wissenschaftliche Abschlussarbeiten des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig Maximilians-Universität München ausgezeichnet.
Die Klärung der Frage, ob die Erosion der journalistischen Ethik, die Boenisch belegt hat, überhaupt rückgängig zu machen ist oder ob sie nicht längst auch andere Medien erreicht hat, müsste sich nun anschließen.
Vasco Boenisch: Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt. Herbert von Halem Verlag, Köln 2007. 376 S., 29,50 Euro.

