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«Bild» dir deine Kampagne!

21. Jan 2008 15:27
Weiß, was sie will: die
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Ein neues Sachbuch liefert erstmals das Rüstzeug zur Frage, was genau eigentlich Kampagnen-Journalismus ist. Sabine Pamperrien spürt mit ihm einer politischen Attacke der «Bild»-Zeitung nach.

Man weiß doch, was Kampagnenjournalismus ist. Und dass die «Bild» ihn betreibt, weiß man auch. Rennt Vasco Boenisch mit seiner jüngst als Buch erschienenen Arbeit zum Thema «Strategie. Stimmungsmache. Wie man Kampagenjournalismus definiert, analysiert – und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt» also nur offene Türen ein?

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  • Nein. Das Interessante an Boenischs Buch ist: Kampagnenjournalismus wurde bisher allenfalls als subjektiver Vorwurf formuliert. Eine tragfähige wissenschaftliche Definition existierte bisher nicht. Das hat sich nun geändert.

    Der Journalist und Medienwissenschaftler Boenisch, der selbst schon bei «Bild» arbeitete, wagt sich mit seiner wissenschaftlichen Arbeit auf ein extrem vermintes Gelände vor. Wer Kampagnenjournalismus betreibt, verletzt in eklatanter Weise die journalistische Ethik. Meist von kritischen Medien erhoben, kehrt der gravierende Vorwurf des Kampagnenjournalismus nicht selten zu ihnen zurück. Denn zumeist wird die Rede von Kampagnen und Kampagneros als bloße Unterstellung wegen unliebsamer Veröffentlichungen erwidert.

    Das Mediengeschehen, um das es geht, liegt schon einige Jahre zurück. Als der «Bild»-Zeitung und ihrem frisch inthronisierten Chefredakteur Kai Diekmann Anfang 2001 vorgeworfen wurde, eine Kampagne gegen zwei Bundesminister von Bündnis 90/Die Grünen in der damaligen rot-grünen Regierungskoalition zu betreiben, wurde dieser Vorwurf von Seiten der Redaktionen und des Verlags Axel Springer empört zurückgewiesen.

    Anspruch und Wirklichkeit

    Boenisch liefert nun das Rüstzeug nach, mit dem sich die damaligen Vorwürfe belegen lassen. Bevor er sich der umfassenden Analyse der zwischen dem 4. Januar und dem 3. Februar 2001 in «Bild» publizierten Artikel widmet, entwickelt er einen Kriterienkatalog, der es ermöglicht, den Untersuchungsgegenstand zu objektivieren. Zunächst werden im Buch normative und faktische, individuelle und allgemeingültige sowie journalistische und politisch-persönliche Prädispositionen erörtert, bevor der Berichterstattungszeitraum analysiert wird.

    Das Erkenntnisinteresse des Autors läuft auf die Frage hinaus, inwieweit Journalismus und journalistische Kampagne überhaupt normativ miteinander vereinbar sind. Das, was Journalismus in Reinform zu sein hat, ist einfach zu bestimmen. Es geht um sinn- und faktentreue Berichterstattung, Vorurteilsfreiheit und Berücksichtigung aller möglichen Perspektiven. Der Journalismus wird insgesamt einer Bestandsaufnahme unterzogen, bevor aus der Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit auf die Fehlfunktionen geschlossen wird.

    Im Ergebnis müssen zahlreiche Kriterien zusammenkommen, bevor von einer gezielten Kampagne die Rede ist. Als Kampagnenjournalismus ist danach eine Berichterstattung zu bezeichnen, «die zur Verwirklichung eines übergeordneten, persönlich motivierten Ziels die Berichterstattung zu einem Thema innerhalb eines bestimmten Zeitraums intensiviert, unter dramaturgischen und strategischen Gesichtspunkten arrangiert und aktiv aufrechterhält, um mit dem Einsatz persuasiver Mittel und Methoden Meinungen und/oder Verhaltensweisen zu beeinflussen.»

    Fischer und Trittin

    Anhand einer genauen Analyse der im Anhang der Untersuchung dokumentierten Artikel weist Boenisch dann akribisch nach, dass die «Bild»-Zeitung in der Tat die von ihr so vehement bestrittene Kampagne betrieb. Über Wochen wurden in sensationeller Aufmachung Kaskaden von Enthüllungen veröffentlicht. Illustriert mit suggestiven Fotos und flankiert von empörten Kommentaren und persönlichen Angriffen, sollten die Minister Fischer und Trittin mit dem Terror der RAF in Verbindung gebracht und als Staatsfeinde in Staatsämtern entlarvt werden.

    Fast alle dieser als Neuigkeiten aufgemachten Informationen waren seit Jahren bekannt. Insbesondere hatte es auch längst Prüfungen der rechtlichen Relevanz das Materials gegeben. Den offenkundigsten Beweis grober Manipulation lieferte die Veröffentlichung eines Fotos, das den späteren Umweltminister Tritten bei einer Demonstration zeigte. Laut «Bild» trug er eine Waffe in der Hand. Tatsächlich lief er in einer Gruppe von Demonstranten an einem Seil. Das Bild war so bearbeitet, dass vom langen Seil nur etwas sichtbar blieb, das dann von «Bild» als Waffe identifiziert wurde. Die Zeitung berief sich später auf schlechte Bildqualität. Für die Verfälschung rügte der Deutsche Presserat das Blatt.

    Irgendwann mischte sich der damalige Kanzler Gerhard Schröder in die Debatte ein und warf dem Verlag Axel Springer Kampagnenjournalismus vor. Die Auseinandersetzung zwischen der Regierung Schröder und dem Verlag der «Bild»-Zeitung gipfelte darauf im Vorwurf, es sei der Kanzler, der eine Kampagne gegen den Verlag Axel Springer betreibe.

    Der Vorstandsvorsitzende reklamierte in einem Offenen Brief einen Angriff auf die Pressefreiheit. Der auch von anderen Medien erhobene Kampagnenvorwurf wurde von Springer ebenfalls heftig und mit Hinweis auf die jeweiligen politischen Lager und daraus abzuleitende Intoleranzen zurück gewiesen.

    Kampagne als Aufgabe

    Boenisch zitiert den damals gerade als «Bild»-Chef angetretenen Kai Diekmann mit dem Satz: «Kampagne heißt Feldzug. Ich bin kein Feldherr. Ich bin kein Kampagnero.» Drei Jahre später ist Diekmann das Unrechtsbewusstsein, dass ihn damals zur Lüge veranlasst haben wird, abhanden gekommen. Laut Boenisch sagte er 2004: «Niemals war die Kampagne wichtiger als heute.»

    Wie es aktuell um die Akzeptanz von Kampagnenjournalismus bei Springer bestellt ist, konnte der Fernsehzuschauer in der vergangenen Woche in der Talkshow «Maybrit Illner» vernehmen. Beiläufig erklärte da Claus Strunz, Chefredakteur der «Bild am Sonntag», dass er das Führen von Kampagnen als Aufgabe betrachte.

    Es wird in diesem Buch nicht nur klar herausgestellt, was für jeden Journalisten unter ethischen Aspekten absolut verpönt sein sollte. Ganz nebenbei erfährt auch jeder, der eine Kampagne führen will, wie er sie erfolgreich stricken kann. Vasco Boenisch wurde für sein Buch mit dem Best Thesis-Award für wissenschaftliche Abschlussarbeiten des Instituts für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig Maximilians-Universität München ausgezeichnet.

    Die Klärung der Frage, ob die Erosion der journalistischen Ethik, die Boenisch belegt hat, überhaupt rückgängig zu machen ist oder ob sie nicht längst auch andere Medien erreicht hat, müsste sich nun anschließen.

    Vasco Boenisch: Strategie: Stimmungsmache. Wie man Kampagnenjournalismus definiert, analysiert – und wie ihn die Bild-Zeitung betreibt. Herbert von Halem Verlag, Köln 2007. 376 S., 29,50 Euro.

     
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