netzeitung.deToonpool.com: Komik zum Abstimmen

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Sehr komisch: Startseite von Toonpool.com (Foto: Screenshot: nz<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Sehr komisch: Startseite von Toonpool.com
Foto: Screenshot: nz
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Die neue Webseite Toonpool.com versammelt deutsche und internationale Cartoons in einer Web 2.0-Atmosphäre. Burkhard Schröder hat sich das Online-Portal einmal genauer angesehen.

Über welchen Witz können ein Afghane, ein Chilene und ein Österreicher gemeinsam lachen? Vermutlich nur über einen, der ohne Worte auskommt - einen Cartoon zum Beispiel. Das Berlin Portal toonpool.com will Cartoonisten aus aller Welt zu einer Online-Community vernetzen.

Gute Cartoons waren schon immer humorvoll und politisch, brachten eine Botschaft mit wenigen Strichen auf den Punkt und sagten oft mehr als tausend Worte. Die Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung Jyllands Posten lösten vor zwei Jahren ein weltweites politisches Erdbeben aus.

Gute Zeichner und Karikaturisten, die von ihrer Arbeit leben können, gibt es aber nur rund zwei Dutzend in Deutschland. Bernd Pohlenz, einer der Gründer von toonpool.com, gehört dazu. Zusammen mit Karl Hermann, dem ehemaligen Chefredakteur des Berliner Stadtmagazin «tip», hatte er die Idee - und auch die Kontakte, andere Zeichner zu animieren, ihre Cartoons im Internet gemeinsam anzubieten. Das neue Portal sei nach Angaben seiner Macher weltweit einzigartig.

Vom Cartoon zum Netz-Cartoon
Viele Cartoonisten sind Künstler, Einzelkämpfer, und online nicht sehr aktiv. Ein Forum, in dem sich Zeichner und Karikaturisten international austauschen und anregen konnten, fehlte bisher. Erst die technischen Möglichkeiten des Web 2.0 schufen die Voraussetzungen dafür: Bei toonpool.com können die Nutzer ihre Cartoons hochladen, individuell auszeichnen, gegenseitig bewerten, darüber online diskutieren und das Angebot gezielt durchsuchen.

Der Nachwuchs und neue Talente sollen von den Erfahrungen der Etablierten profitieren. Die normalen Nutzer, die sich für bessere Grußpostkarten interessieren, kommen mit den Cartoonisten direkt in Kontakt und können vergleichen.

Der Cartoon - auf Karton - war ursprünglich das «Gemälde» armer Zeichner, die sich keine Leinwand leisten konnten. Der französische Maler und Bildhauer Honoré Daumier gilt als einer der Erfinder des künstlerisch ambitionierten Cartoons. Seine Karikaturen machten die Politiker lächerlich, porträtierten aber auch das einfache Volk.

In Deutschland verbindet man mit Cartoons vor allem Satire - von den legendären Magazinen «Kladderadatsch» und «Simplicissimus» aus dem 19. Jahrhundert über die «Pardon» aus den sechziger Jahren bis zur heutigen «Titanic» und dem «Eulenspiegel». In England und den USA hat sich der Cartoon auch in den klassischen Medien etabliert. Mittlerweile haben auch deutsche Zeichner, wie etwa Uli Stein, international Erfolg.

Favoriten
Das Internet führte zu einer Renaissance des kleinen aussagekräftigen und sogar animierten Bildes. Toonpool.com orientiert sich an klassischen Web 2.0-Konzepten wie der Foto-Community Flickr oder der neuen Suchmaschine Wikia Search: In der Flut der Informationen organisiert sich das soziale Netzwerk. Man hofft, dass sich letztlich das «Gute» durchsetze.

Die Qualität kontrollieren die Nutzer. Die Klickrate und die Bewertung entscheiden darüber, wie viel Aufmerksamkeit einem Cartoon geschenkt wird. Jeder kann sich eine Favoritenliste anlegen und bekanntmachen. Je beliebter ein Cartoon ist, umso höher erscheint er im internen Ranking. Die Macher, Profis wie Amateure, erhalten so eine direkte Rückmeldung, ob und wie ihr Humor von Menschen aufgenommen und verstanden wird – auch von Menschen aus anderen Ländern. Toonpool.com ist zwar ein deutsches Start-Up, ist jedoch komplett in englischer Sprache gehalten. Wer etwas kommentiert, muss sich aber nicht daran halten.

Die Initiatoren wollen in der Anfangsphase auch die Nutzer entscheiden lassen, was sie besonders interessiert: Religion und Politik scheinen beliebte Themen zu sein, am meisten jedoch «Love and Sex».

Politischer Humor
Künstlerischer, politischer und kultureller Streit ist programmiert. Das gehört zum Konzept einer Web-Community. Auch Hobby-Cartoonisten können ihre Werke hochladen, nicht immer zum Amüsement aller. Der «stern»-Karikaturist Til Mette steht gleichberechtigt neben der Manga-Zeichnerin Inga Steinmetz. Ein «Herren-Gliedpflegeset» von Bernd Pohlenz ist nur wenige Mausklicks entfernt vom bitterbösen Cartoon «Guantanamars» des afghanischen Zeichners Atiqullah Shahid.

Shahid hat mit zahlreichen anderen Künstlern aus Ländern der Dritten Welt am umstrittenen Karikatur-Wettbewerb «About Danish Cartoons and Holocaust» teilgenommen, die Ergebnisse wurden 2006 im Museum für Zeitgenössische Kunst in Teheran ausgestellt. Die iranische Regierung wollte damit die «Grenzen» der westlichen Meinungsfreiheit auf den Prüfsein stellen.

Künstler wie Shahid haben sich von Antisemitismus und Rassismus öffentlich distanziert. Ihre Cartoons regen aber dazu an, über politischen Humor in anderen Kulturen nachzudenken. Bei manchen Witzen kann einem das Lachen im Hals stecken bleiben.

«Nestbeschmutzung»
Auch bei den Einnahmen: Viel Geld ist mit einem Portal wie Toonpool.com zunächst nicht zu verdienen. Ist es aber erst einmal programmiert und werden die zahlreichen Features von den Benutzern akzeptiert und genutzt, kostet es auch nicht viel. Geplant ist, wie auch bei großen Fotoportalen, dass die Nutzer ihre favorisierten Cartoons ausdrucken oder an Freunde versenden können. Die Gründer hoffen auf einen Synergie-Effekt und auf Mundpropaganda im Internet.

Alle Menschen lachen, daher sei «Humor ein verbindendes Element» zwischen den Kulturen, sagt Karl Hermann. Zensiert wird nicht. Die Nutzungsbedingungen regeln die Details. Ob diese liberale Haltung praktikabel ist, wird sich zeigen. Die Community reagiert sensibel auf Cartoons, deren Inhalte andere verletzen könnten. Natürlich findet man bei toonpool.com auch eine Mohammed-Karikatur, die aber gleich von Nutzern als «geschmacklos» tituliert wurde.

Politischer Humor, der keinen Anstoß erregt, ist aber zahm und langweilig. Die «Stars» des Portals wie die bekannten Zeichner Freimut Wössner, Rainer Schwalme und Bernd Zeller, waren nie bequem. Vor allem Zeller weiß, wie schnell man anecken kann: Zeitweilig arbeitet er gleichzeitig für die «Titanic» wie auch für den ostdeutschen «Eulenspiegel». Dort musste er aber nach einer Woche wieder gehen, angeblich wegen «Nestbeschmutzung».