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Die Zapfen und Spalten der Doris Lessing

07. Dez 2007 07:07
Wird immer wütender: Doris Lessing
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Für ihren neuen Roman hat Doris Lessing keine großen Auszeichnungen verdient, findet Stephanie Wurster. Für ein anderes ihrer Werke hingegen schon. Heute bekommt sie den Nobelpreis für Literatur.

Doris Lessing ist mit ihren 88 Jahren nicht nur die älteste Literaturpreisträgerin, sondern auch eine der produktivsten: Seit ihrer ersten Veröffentlichung «The Grass is Singing» von 1949 - da war sie 30 - hat sie über 50 Werke hervorgebracht. Das ist zwar nicht ganz so beachtlich wie die Produktion der ebenfalls vielschreibenden Engländerin Enid Blyton, die es auf über 700 Bücher brachte. Aber, soviel man weiß, wäre sie aus guten Gründen auch nie für den Nobelpreis vorgeschlagen worden.

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Also erschien, Nobelpreis hin oder her, auch dieses Jahr wieder ein neuer Roman von Doris Lessing. Jedem, der seit Lessings größtem Erfolg, dem 800 Seiten dicken «Goldenen Notizbuch», eine feste Meinung von der Britin gefasst hatte, dem mussten beim Überfliegen des Klappentextes die Ohren schlackern. Kein Afrika, nichts Autobiographisches, kein zur Identifikation einladendes Romanpersonal.

In «Die Kluft» geht es um den Ursprung der Menschheit, wie er sich an einer nicht näher benannten Küste zuträgt. Das Klima ist angenehm, die Frauenkolonie - denn der Ursprung, so die Grundidee des Romans, ist ausschließlich weiblich - lebt in Höhlen, aalt sich in der Brandung und bringt von Zeit zu Zeit Menschenopfer in einer Kluft dar. Wenn die trägen, robbenähnlichen Frauen ihre Menstruation haben, hormonell bedingt alle zur gleichen Zeit, dann lassen sie feierlich rote Blumen eine Felsspalte hinunterrieseln.

Die Erleichterung der Männer

Ab und an werden sie von den Wellen befruchtet und bringen Mädchen auf die Welt. Ihre Welt ist klein und harmonisch. Dass sie ohne Männer eigentlich auch ziemlich langweilig ist, erfahren sie, als plötzlich männliche Babys geboren werden. Die Jungs werden erst als Missbildungen verstanden und getötet und später als funktionstüchtige, unheimliche Abarten auf einem Felsen ausgesetzt.

Jetzt kommt Dynamik in die frühzeitliche Geschichte. Denn Adler retten die ausgesetzten Babys, und mit der Hilfe freundlicher Tiere werden junge Männer aus ihnen, die in ihrer eigenen Kolonie im Tal hinter der Küste wohnen. Irgendwann entdecken die jungen Frauen der Kolonie die Männer und damit auch allmählich den Sex, der aber vor allem der «Erleichterung» der Männer und der Bewahrung der Art, der Fortpflanzung, dient.

Nicht nur die Physiognomie der Männer ist anders, auch die Gestalt ihrer Umwelt: An der Küste schlagen träge Wellen ans Ufer, und das immergleiche Panorama ist in Sicht. Im Tal der Männer gibt es rauschende Bäume, einen reißenden Fluss und unzählige Gefahren, die gemeistert werden müssen.

Einfach und platt

Lessings Roman besteht aus lauter Gegensätzen. Zapfen und Spalten sind dabei nicht nur die Bezeichnung für die Geschlechtsorgane, sondern gleich für die Geschlechter. Die Bestimmung der Männer ist es nämlich, ihre «Zapfen» zu entleeren, die der «Spalten», Babys auszutragen und zu gebären. Und damit das passieren kann, müssen die Zapfen ihre Zapfen in die Spalten der Spalten stecken.

So einfach ist das, schnell und platt wird es klischeebeladen – so interessant die Idee anfangs auch wirkt, eine rein weibliche Welt als Ursprung der Menschheit zu imaginieren. Die Frauen, das wird immer deutlicher, je mehr die beiden Geschlechter miteinander zu tun haben, sind antriebsschwach und zänkisch, die Männer triebhaft, verspielt, neugierig und verantwortungslos.

Und während die Babys, die parthogenetisch entstanden, still und genügsam waren, so irritieren die mit den Männern gezeugten Babys durch neuzeitliches Dauerplärren und Aktivitätsdrang. Schade auch, dass Lessing darauf verzichtet, den Figuren, die sie als Persönlichkeiten herausgreift, denen sie Namen gibt und Anekdoten zuweist – Maire, Astre, Horsa und Maronna – auch eine Persönlichkeit zu geben. Sie bleiben zweidimensionale Figuren und damit auch beliebig und spannungslos.

Kein Feminismus

Die Rahmenhandlung gibt ein römischer Senator zur Zeit Neros, der die mündlich überlieferte Legende der «Spalten» am Ende seines Lebens aufschreibt. Der Senator sieht manche Parallelen zu seiner Zeit – obwohl ihm die grundlegende Andersartigkeit des damaligen Matriachats und des römischen Patriarchats bewusst ist. Die Beziehungen zwischen Frauen und Männern aber sieht er nach wie vor von den gleichen Kräften geprägt – und man kann nur vermuten, dass hier wieder der starke männliche Trieb und der weibliche Hang, sich in die Abhängigkeit und den Schutz des männlichen Subjekts zu begeben, gemeint ist.

Wer in «Die Kluft» also Feminismus witterte, ist schnell enttäuscht. «Alles ist damit zu erklären, dass Frauen nun einmal Kinder zu Welt bringen und sie aufziehen. In meinen Augen leiten sich sämtliche Schwierigkeiten zwischen Frauen und Männern davon ab», sagte Doris Lessing neulich. Darum, wie diese Schwierigkeiten entstehen, geht es ihr.

Die im damaligen Persien geborene und dort und in Afrika aufgewachsene Tochter eines britischen Kolonialoffiziers ist selbst Mutter dreier Kinder - von denen sie die ersten zwei aus einer unüberlegten, kurzen Ehe beim Vater in Afrika zurückließ.

Ein richtiger Mann

Im «Goldenen Notizbuch», das 1962 erschien und bald zu einem Referenzwerk der Frauenbewegung wurde, gibt es, wie in vielen ihrer Bücher, unzählige autobiografische Bezüge. Und es gibt auch dort schon eine ähnliche Sicht auf Männer, wie sie in «Die Kluft» vorkommen, eine Sicht, die die Feministinnen der sechziger und siebziger Jahre zugunsten anderer Aspekte unterschlagen haben: Die Sehnsucht nach einem «richtigen Mann» treibt die Protagonistin, die Schriftstellerin Anna Wulf, den ganzen Roman hindurch; seitenlang wird geschildert, wie Anna den Geruch ihrer Monatsblutung als ekelhaft empfindet und ihn mit Seife und Parfüm zu überdecken versucht, und der einzig wahre Orgasmus ist für sie der vaginale, weil da der Mann - verkürzt gesagt - alles gibt.

Aber auch an diesen Stellen ist das «Goldene Notizbuch» ein gutes Buch, denn die kühne Konstruktion, Annas Wesen mit verschiedenen Notizbüchern darzustellen, und die dichte Ausarbeitung dieser einzelner Notizbücher und der Rahmenhandlung sind komplett und durchweg von hoher literarischer Qualität. Aus den vielen Persönlichkeitssplittern einer Frau, die man in den vierziger und fünfziger Jahren wohl mindestens als «schwierig» oder «extravagant» bezeichnet hätte, schafft Lessing ein Ganzes. «Literatur ist Analyse nach dem Ereignis», steht an einer Stelle.

«Epikerin weiblicher Erfahrung»

Der Roman «The fifth child» von 1988 ist ein anderer ihrer großen Erfolge, und hier klingt auch das Fantastische an, das sie in SF-Zyklen wie dem fünfteiligen «Canopus in Argos: Archives» (1979 bis 1983) üppig und mit Publikumserfolg ausgebaut hatte. 1995 und 1997 legte sie dann die zwei Teile ihrer ursprünglich als Trilogie geplanten Autobiographie vor. Ihr neuestes Werk «Die Kluft» rechtfertigt nicht die hohen Erwartungen, die man eine Nobelpreisträgerin haben kann – ihr ganzes Werk aber bestimmt.

Dass das Nobelpreiskommitee ihr nun den begehrtesten Literaturpreis der Welt verlieh, weil sie eine «Epikerin weiblicher Erfahrung» sei, «die sich mit Skepsis, Leidenschaft und visionärer Kraft eine zersplitterte Zivilisation zur Prüfung vorgenommen» habe, hat sie mit trockenem britischem Humor als «Royal Flush», also als höchstes Blatt beim Pokerspiel, bezeichnet.

Mehr im Internet:
Der mit 1,1 Millionen Euro dotierte Preis wird am heutigen Freitag, den 7. Dezember in Stockholm verliehen. Doris Lessing wird ihn aus Krankheitsgründen nicht selbst entgegennehmen können; der Titel ihrer Nobelpreisrede, die auch im Internet übertragen wird, steht aber bereits fest: «On not winning the Nobelprize». Ein bisschen Bitterkeit schwingt in dem Titel mit. Wie sagte sie neulich? «Man wird kein bisschen weiser. Das ist ein Gerücht. Man wird wütender.»

Das Buch
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Doris Lessing: Die Kluft. Aus dem Englischen von Barbara Christ. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2007. 240 S., 19,95 Euro.
 
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