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Oper für alle ist eine Illusion

22. Jun 2007 12:01
Katharina Wagner deutet die 'Meistersinger von Nürnberg' neu
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Die Bayreuther Festspiele live auf Großleinwänden? Für Katharina Wagner undenkbar. Corina Kolbe sprach mit der Komponisten-Urenkelin über ihr Regie-Debüt auf dem Grünen Hügel.

Netzeitung.de: Sie inszenieren in diesem Jahr erstmals in Bayreuth, dabei werden Sie als Wagner-Urenkelin sehr kritisch beobachtet. Macht Sie das nervös?

Katharina Wagner: Eine Grundnervosität ist bei mir zu Beginn einer Produktion immer da, und wenn Wagner in Bayreuth Wagner inszeniert, dann ist die Aufmerksamkeit natürlich besonders groß. Ich werde mich aber nicht zu sehr unter Druck setzen lassen, denn jedem kann ich es sowieso nicht recht machen.

Netzeitung.de: Ihr Vater ist in Bayreuth zugleich Ihr Chef. Ist das schwierig für Sie?

Wagner:
Ein starkes Team: Katharina Wagner und ihr Vater
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Nein, wir haben ein sehr professionelles Arbeitsverhältnis. Ich kriege keine Extrawürste gebraten, weil ich die Tochter bin. Mein Vater lässt jedem Regisseur aus Prinzip seine Freiheit, bei mir ist er sogar besonders zurückhaltend. Er will unbedingt den Eindruck vermeiden, er würde sich in meine Arbeit einmischen. Ästhetisch liege ich nicht auf seiner Linie – aber das war auch bei manch anderen Regisseuren vor mir nicht der Fall.

Netzeitung.de: Warum inszenieren Sie die «Meistersinger von Nürnberg» und nicht eine andere Wagner-Oper?

Wagner:
Ich denke, ich habe zu diesem Stück etwas Eigenes zu sagen, sonst hätte ich es nicht angefasst. Ich meine, darin Aspekte entdeckt zu haben, die so noch nicht beleuchtet worden sind.

Netzeitung.de: Die «Meistersinger» gelten als eine für Wagner untypische komische Oper.

Wagner: Nein, das ist ein Klischee, ich nehme das Werk sehr ernst. Die «Meistersinger» spielen nicht irgendwo in einer Götterwelt, sondern auf einer ganz konkreten menschlichen Ebene. Das macht das Stück ziemlich schwierig.

Netzeitung.de: Was kann das Publikum heute noch mit einem Sängerwettstreit unter Handwerkern im Mittelalter anfangen?

Wagner:
Strikte Werktreue findet die 29-Jährige unsinnig
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In der Oper wird doch ein Kunstdiskurs geführt, einer über das Verhältnis von Tradition und Innovation. Dieses Thema wird immer aktuell bleiben – zumal in der Oper. Dass die Handlung in früher Neuzeit spielt, ist mir nicht so wichtig. Auch der Ort Nürnberg steht nicht bloß für sich selbst, sondern als Metapher für ein relativ geschlossenes System, das mit anderen Auffassungen konfrontiert wird.

Netzeitung.de: Die «Meistersinger» gehörten zu den Lieblingsopern des Hitler-Regimes, wie gehen Sie mit diesem Aspekt um?

Wagner: Ich lese das Stück ideologiekritisch, seine problematische Rezeptionsgeschichte begann allerdings nicht erst in der NS-Zeit. Gerade an einem Ort wie Bayreuth muss man deutlich Stellung zur Vergangenheit beziehen. Äußerst heikel ist etwa die Schlussansprache von Hans Sachs, in der von der «heil’gen deutschen Kunst» und «welschem Tand» die Rede ist. Dahinter steht ein Wahn-Sinn, der unbedingt visuell dargestellt werden muss.

Netzeitung.de: Über das Sakrosankte der Kunst wird ja heutzutage wieder heftig diskutiert. Denken Sie nur an die Debatte über den deutschen Klang und die werkgetreue Interpretation – da prallen ähnlich kontroverse Auffassungen aufeinander wie in den «Meistersingern».

Wagner:

Katharina Wagner hat keine Angst vor Attacken
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Den Begriff einer so genannten Werktreue finde ich fragwürdig, ja unsinnig. Zu Wagners Zeiten wurde unter ganz anderen Umständen musiziert als jetzt. Manche Komponisten würden ihre Werke heute sicherlich ganz anders aufführen lassen als einst. Mich stört vor allem die Intoleranz, mit der die Werktreue-Debatte oft geführt wird. Meiner Meinung nach kann niemand die einzig gültige Interpretation für sich beanspruchen.

Netzeitung.de Erwarten Sie, dass das traditionelle Bayreuther Publikum gegen Ihre Inszenierung Sturm laufen wird? Sie sind ja schließlich schon von zwei Damen mit einem Regenschirm bedroht worden, weil Sie angeblich Wagner verunstalten.

Wagner:
Ich würde mich sehr wundern, wenn sich diesmal niemand über meine Arbeit aufregen würde. Aber in Bayreuth habe ich doch ein überwiegend sehr kenntnisreiches Publikum.

Netzeitung.de: Unter den Zuschauern werden aber sicherlich auch einige Kontroll-Freaks sein - wie der Pedant Beckmesser in den «Meistersingern». Ist er für Sie eine lächerliche Figur?

Wagner:
Ganz und gar nicht, er verteidigt zunächst sehr ernst und dezidiert einen Standpunkt, über den er allerdings nicht diskutieren mag. Im Laufe des Stücks nimmt er neue Impulse auf und findet sogar zu einem modernen künstlerischen Ausdruck – das jedenfalls erzählt die Musik. Sein Antagonist Stolzing, der erst so progressiv auftritt, entwickelt sich dagegen immer mehr zum Mainstream-Geschmack hin. Dass schließlich Stolzing das Volk auf der Festwiese überzeugt, wundert einen also nicht. Ich frage mich in dem Moment, ob er dafür alle seine künstlerischen Ideale aufgegeben hat.

Netzeitung.de: Ein Kritiker hat kürzlich geschrieben, das Ganze erinnere an «Deutschland sucht den Superstar».

Wagner: Der Vergleich liegt tatsächlich nahe, allerdings erst in dem Moment, wo das Publikum auf der Festwiese auftritt. Bei der Vorgeschichte trägt das Konzept nicht, sonst müssten wir stundenlang einen Dieter Bohlen zeigen, der seine Kandidaten castet (lacht). So einfach ist ein Fernsehformat nicht auf die Oper zu übertragen.

Netzeitung.de: Wie viel Innovation verträgt denn die altehrwürdige Institution Bayreuth? An der Volksbühne in Berlin hat Frank Castorf die «Meistersinger» mit singenden Schauspielern und einem extrem abgespeckten Orchester inszeniert. Würden Sie ihn auch mal als Regisseur auf den Grünen Hügel holen?

Wagner:
Hätten Frank Castorfs 'Meistersinger' wohl auch Richard Wagner gefallen?
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Das hinge davon ab, ob er die Regeln dort akzeptieren könnte. Ich fand seine «Meistersinger» hervorragend und habe sehr viel gelacht. Das war im wahrsten Sinne des Wortes auch mal eine komische Oper für mich. Aber die Frage bleibt: Kann Castorf mit solch vergleichsweise starren Strukturen, wie sie die Opernhäuser im allgemeinen und also auch Bayreuth haben, überhaupt umgehen? Mit einer Oper kann man nicht verfahren wie mit einem Schauspiel, jedenfalls nicht so einfach. Wichtig ist, dass Aufführungen unterschiedlicher ästhetischer Prägung und Handschriften parallel laufen – die Mischung muss stimmen.

Netzeitung.de: Würden Sie nach dem Tumult um «Parsifal» noch einmal mit Christoph Schlingensief zusammenarbeiten?

Wagner: Schlingensief hat eine Ästhetik nach Bayreuth gebracht, die ich vorher noch nie auf einer Opernbühne erlebt habe. Er hat eine einzigartige Bilderwelt geschaffen. Ich finde ihn extrem interessant!

Netzeitung.de: Was halten Sie von seinem «Fliegenden Holländer», der kürzlich in Manaus aufgeführt wurde?

Wagner:
Eine Rückkehr von Schlingensief nach Bayreuth ist nicht ausgeschlossen
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Leider konnte ich nicht selbst nach Brasilien fahren, um in die Vorstellung zu gehen. Ich weiß aber, dass Christoph Schlingensief das Talent hat, die Zuschauer in seine Events voll einzubeziehen. Gut finde ich auch, dass er den «Fliegenden Holländer» genau auf den Aufführungsort abgestimmt hat. Ein Gleiches tue ich in Bayreuth: Ich mag keine Inszenierungen ohne Ecken und Kanten, die auf jeder beliebigen Bühne gezeigt werden können.

Netzeitung.de: Haben Sie schon eigene Pläne für den «Ring des Nibelungen»?

Wagner: Das ist eine Frage der Zeit, irgendwann werde ich sicher auch den «Ring» inszenieren.

Netzeitung.de Sehen Sie die «Meistersinger» als Ihre Feuertaufe in Bayreuth? Es wird derzeit wieder intensiv darüber spekuliert, ob Sie die künftige Chefin auf dem Grünen Hügel werden.

Wagner:
Ich wusste natürlich von vornherein, dass beides miteinander verquickt werden würde. Ein guter Regisseur ist aber nicht unbedingt auch ein guter Festspielleiter. Es geht hier um eine Regiearbeit und nicht um die Festspielnachfolge.

Netzeitung.de: Das Bayreuther Publikum ist eine ziemlich elitäre Gesellschaft, Karten sind nur nach langer Wartezeit oder zu horrenden Schwarzmarktpreisen zu haben. Wären Sie dafür, dass die Aufführungen live auf Großleinwänden oder im Internet übertragen werden, so wie es beispielsweise die Metropolitan Opera in New York macht?

Wagner:
Video-Vorführung von Massenets 'Manon' mit Anna Netrebko in Berlin
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Dazu habe ich eine etwas zwiespältige Meinung, ich sehe keinen großen Unterschied zwischen Video-Liveschaltungen und Sendungen, die für das Fernsehen aufgezeichnet werden. Eine Aufführung im Bayreuther Festspielhaus ist allein vom Klang her ein besonderes, einzigartiges Erlebnis. Eine Video-Projektion wäre letztlich nur die Illusion einer echten Opernvorstellung.

Ich könnte mir aber vorstellen, bestimmte Produktionen zum Beispiel zeitversetzt ins Internet zu stellen. Für Häuser wie die Met sind Übertragungen in Echtzeit sicherlich eine gute Möglichkeit, um auch ein jüngeres Publikum anzuziehen, das sonst vielleicht nicht in die Oper gehen würde. Ich glaube, in Bayreuth würde diese Strategie allein wegen der langen Wartezeiten bei den Kartenbestellungen gar nicht so funktionieren.


Mehr in der Netzeitung:
Mit den «Meistersingern von Nürnberg» werden am 25. Juli die Richard-Wagner-Festspiele eröffnet.

Eine der «Meistersinger»-Inszenierungen von Wolfgang Wagner in Bayreuth ist 1984 auf DVD bei der Deutschen Grammophon erschienen. Im Vergleich dazu: die Oper in der Regie von Nikolaus Lehnhoff am Opernhaus Zürich (2004) als DVD bei EMI Classics.

 
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