Seit heute sind die Grimme Online Awards offiziell bekannt. Das witzigste deutsche Videoblog wurde nicht einmal nominiert. Höchste Zeit, den «Kulturtipp» von Matthias Matussek zu würdigen, findet Michael Angele.
Was das gedruckte deutsche Feuilleton oft schmerzlich vermissen lässt, findet man im «Kulturtipp» im Überfluss: Neugierde, Witz, Größenwahn, Erkenntnis und Ironie. Noch besser: Selbstironie - und ist Selbstironie nicht die schönste Tugend, die unsere Kultur hervorgebracht hat? Einen Menschen, der zur Selbstironie fähig ist, finden wir gleich sympathisch, den möchten wir umarmen und ihm ein «Ecce homo» ins Ohr flüstern, oder ihm wenigstens auf die Schultern klopfen und sagen: Scheißzeiten, aber lass dich nicht runterkriegen!
Gegen das Gemeckere
Keine Ahnung, ob man dem Kultur-Chef des «Spiegel» noch ein 'Lass dich nicht runterkriegen' zurufen muss. Aber als Matthias Matussek sein Videoblog im letzten Herbst bei «SpiegelOnline» startete, waren die Kommentare so miesepeterisch, dass man sich fast dazu gezwungen sah. Und als der Frühling kam (und die Videos immer besser wurden) kam der Zuspruch dann auch: «Matussek's ironische Sichtweisen, die auch vor seiner eigenen Person nicht halt machen, sind unschlagbar», schrieb einer ins Forum, und ein anderer meinte: «Ich hatte gar nicht vor, meine Begeisterung ins Netz hinauszuposaunen, aber bei so viel Gemeckere: mache ich es doch. Wer etwas gegen Selbstdarstellung hat, sollte vielleicht keine Blogs lesen, zumindest aber keine Videoblogs ansehen».
Ja, die Selbstdarstellung. Ob vorm Büchergestell im seinem Büro an der Hamburger Brandstwiete, ob in den Einspielern aus dem Kulturleben da draußen - das Videoblog wird von einer Grundmelodie beherrscht: Ich, Matthias Matussek interviewte Richard Gere und war saunervös dabei; Ich, Matthias Matussek palaverte mit Peter Sloterdijk über Hegel und Sauberbraten; Ich, Matthias Matussek, gratulierte meinem Kollegen und kongenialen Selbstironiker Stephan Sattler zum Sechzigsten; Ich, Matthias Matussek...
Ein gutes Gespräch ersetzt so manchen Selbstmord
Was hat es mit diesem Sound auf sich? Kann man ihn mögen? Klar kann man, da inszeniert sich einer so offen und lustvoll wie kein zweiter in diesem natürlich durch und durch eitlen Betrieb, und vergisst dabei eben nie die Ironie. Matussek ist also nervös vor dem Interview mit Richard Gere. Er schaut «beim alten Schirrmacher» (ein running gag) nach, was dieser zur Kunst des Interviews geschrieben hat und findet den Satz: «Ein gutes Gespräch ersetzt so manchen Selbstmord». Das ist kein wirklich beruhigender Satz, aber ein weiser, und das Gespräch verläuft dann natürlich trotzdem so super, dass Matussek am Ende in Richard Gere sogar noch den «Geisteswissenschaftler» geweckt hat (Gere hat mit einem Sportstipendium (!) zwei Jahre Philosophie in Massachusetts studiert, allerdings nicht abgeschlossen).
Internet-Check:
Herr Matussek, wie sind Sie auf die Idee der Videokolumne gekommen?
Der Fernsehproduzent Naksbandi sprach mich an - wir haben ihm dann einfach die Idee geklaut, so sind wir.
Gibt es Vorbilder?
Nein, ich habe nie irgendwelche Blogs gesehen vorher.
Machen Sie sich Notizen, lesen Sie ab?
Ich schreibe den Text durch, les' ihn zweimal, dann legen wir los und ich rede das, was ich noch im Kopf behalten habe. Manchmal spicke ich.
Für den Geist und die Geisteswissenschaften zu kämpfen, ist Methode und Marotte von Matussek, dem bekennenden Bildungsbürger: Manchmal geht das daneben, etwa wenn er glaubt, Schiller gegen den guten Rainald Goetz verteidigen zu müssen, manchmal ist es so witzig, wie in seinem Bericht von der Uni Passau, wo er sich mit dem Kampf für den Erhalt des Philosophielehrstuhls solidarisiert, getreu dem Motto des alten Adorno: «Die Philosophie ist zwar das ernsteste aller Dinge, aber so ernst ist sie auch wieder nicht.» Amüsant und lehrreich waren die bisher rund dreißig Folgen besonders dann, wenn Matussek (geb. 1954) die eigene und die deutsche Vergangenheit ins Spiel brachte: die 68er, den 70er, und auf einer solchen Seventies-Party seiner Frau sieht man ihn dann im Gewande eines Glitzergockels. Sich als Kulturchef des größten deutschen Nachrichtenmagazins freiwillig zum Gockel, sprich zum Affen zu machen, ist vielleicht die höchste Form der Selbstironie, verlangt sie doch vollendete Stilsicherheit im Danebenbenehmen.
Womit wir bei der Kunst wären. Das ganze heißt ja «Kulturtipp», und mit einem solchen schließt jede Ausgabe seines Videoblogs, einmal bin ich seinem Tipp sogar gefolgt, habe mir die Ausstellung «Schönheit» im Alten Museum zu Berlin angeschaut und es war nicht zu meinem Schaden. Also, liebe Grimme Online Jury, vergesst das nächste Mal den Kulturtipp nicht, und lieber Herr Matussek, halten Sie durch! Und sollte Ihrem Videoblog der verdienten Ruhm versagt bleiben, dann folgen Sie einfach «Ehrensenf»-Frontfrau Katrin Bauerfeind und gehen ins Fernsehen.