documenta - naiv und harmlos
16. Jun 2007 09:33
 |  Die documenta 12 strengt ganz schön an. | Foto: dpa |
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Kunst darf, ja sie muss zynisch sein - doch in Kassel ist dieser Zynismus deplatziert. Die an diesem Wochenende eröffnete documenta 12 gibt sich politisch, ist es aber nicht wirklich, meint
Max Glauner.
Der Mann hat einiges hinter sich. Es ist ihm ins Gesicht geschrieben: Strähniges Haar, die breite Nase, der Mund: ein Strich. Der US-amerikanische Schauspieler Harvey Keitel steht in dunklen Trainingsklamotten riesenhaft auf der Videoleinwand. In einer Antikenstaffage raunt er von Schuld und Leid in einer sinnentleerten Welt: Da stehe ich verlassen, vergeblich alles Mühen. Für ihn gibt es nichts mehr zu tun als klagen. Wahrlich ein monumentales Trümmerbild, das einem der Ire James Coleman in seinem 42-Minuten-Film da bietet – eines der Auftragswerke für die documenta 12, die morgen in Kassel eröffnet.
Ikea lässt grüßen
Man hat bis dahin auch schon einiges hinter sich. Zumindest, wenn man am Herzstück jeder documenta, dem Museum Fridericianum, begonnen hat und nun zufällig im ersten Stock der Neuen Galerie gelandet ist. Wer sich auf die diesjährige Großveranstaltung begibt, muss gerüstet sein. Das Angebot – zwischen Schloss Wilhelmshöhe und Aue-Pavillon auch noch weit verstreut – erschlägt einen sonst hinterrücks. Das Gezeigte erscheint beliebig. Für jeden etwas und damit nichts. Ein Paukenschlag da – 1001 Chinesen kommen in die Stadt – Nichtigkeiten dort. Kaum eine Arbeit von Bestand im ambitionierten Aue-Pavillon, der wie ein Ikea-Sonderverkauf daherkommt. Wie soll Kunst – so sie uns etwas zu sagen hätte – hier den Mund aufmachen?Wir erinnern uns: 1997, mit Catherine Davids documenta X wurde die Kasseler Kunstschau explizit politisch, Okwui Enwezor erweiterte diesen Horizont fünf Jahre später in globale Dimensionen. Auch der Kurator der aktuellen documenta, Roger M. Buergel, setzt auf Kunst jenseits von Markt und Messe, will gegen den Zynismus der kapitalschweren Art-Fairs einen angemessenen Raum schaffen. Die Kunst sollte ihr kritisch-emanzipatorisches Potential entfalten können.
Buergel glaubt – und das wollen wir auch – an ihre weltverändernde Kraft: «Denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.» heißt es bei Rilke dazu. Buergel hatte dieses romantische Credo verinnerlicht und zeitgenössisch aufgepeppt: Ist die Moderne unsere Antike? Das nackte Leben? Was tun? Die drei Leitfragen sollten im Vorfeld Orientierung geben. Nun, nach der Besichtigung herrscht heillose Verwirrung, allseitige Verärgerung beim Fachpublikum.
Palaverecken
Buergel sieht in der ästhetischen Erfahrung den explizit politischen Anspruch der Kunst, der es auch gelingen kann, eine Gegen-Öffentlichkeit herzustellen. Dazu gibt es tatsächlich löbliche Ansätze. Er und seine kuratorische Mitstreiterin Ruth Noack setzen zum Beispiel auf Vermittlung: Dem Volk gehört die Kunst nicht bloß erklärt. Der Bürger soll sich mit ihr auseinandersetzen können. Demonstrativ sind dazu überall Palaverecken – die so genannten «Palmenhaine» – aus 1001 antiken chinesischen Stühlen eingerichtet.Die als theorielastig und unsinnlich verschrienen documenten 10 und 11 waren von einer klaren Haltung und einem starken Konzept geprägt. Auf der documenta 12 ertrinkt der Besucher im Allerlei der Artisten-Multitude.
 |  Yael Bartana "Summer Camp" | Foto: Andrea Geyer |
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Die wenigen, wirklich überzeugenden politischen Arbeiten drohen unterzugehen – eine der besten, die Videoarbeit der jungen Israelin Yael Bartanas «Summer Camp», hat man gleich im Keller der Neuen Galerie untergebracht, anstatt sie angemessen ins Zentrum zu rücken. Da steht nun zum Beispiel «Brownie», die Giraffe, in der documenta-Halle. Da das arme Tier während eines Scharmützels mit der israelischen Armee im einzigen Zoo des Westjordanlands durch Herzversagen ums Leben kam, war es dem österreichischen Künstler Peter Friedl wert, den kümmerlich ausgestopften Balg aus dem umkämpften Palästina ins hessische Hügelland zu verfrachten. Doch wem will das was erzählen? Angesichts des Leidens in der Welt darf, ja muss Kunst auch zynisch sein – doch hier erscheint der Zynismus deplaziert. Auch die im selben Raum gezeigten Tücher mit israelischer Flagge, Palifeudel und Blut-Kante von Abdoulaye Konaté aus Mali: Sie stehen in ihrer Naivität nicht mehr für sich, sondern sorgen für Political Correctness.
Missionarseifer
Überhaupt: Es wimmelt von Gewebtem, Gesticktem, Gehäkeltem. Tücher und Teppiche, wohin man auch blickt. Ja, sie sind schön. Sie sollen hier aber vor allem Frauenlos und -arbeit und Orient signalisieren. Genauer, den islamischen Kulturraum. Den hat man nicht erst mit dem Reich des Bösen stigmatisiert, sondern immer schon verdrängt, will Buergel damit sagen. Dieses verbissen missionarische Gutmenschentum begegnet einem leider nicht nur hier. Es prägt den gesamten Parcours.
 |  Andreas Siekmann "Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten." | Foto: dpa |
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Da nimmt sich Andreas Siekmanns Jahrmarktsspektakel auf dem Fridericianums-Vorplatz schon fast herätisch aus: Um das barocke Standbild des Landesfürsten drehen sich munter gemalte Pappfiguren im Kreis. «Die Exklusive. Zur Politik des ausgeschlossenen Vierten» heißt das muntere Spektakel, das an die nationale Einschluss-Ausschlusspolitik als Migrationskarussell erinnert – eine der wenigen site-spezifischen und dazu noch gewitzt intelligenten Arbeiten. Und sie ist mit Allan Sekulas Stelltafeln im abseitigen Bergpark das einzige Werk, das mir im öffentlichen Raum begegnet ist. Auch das ist für die documenta 12 symptomatisch. Buergels Musealisierung der Kunst lässt Kunst im öffentlichen Raum nicht zu. Dieser Zurückhaltung nach außen entspricht penetrante Aufdringlichkeit im innern. Didaktisierter Formalismus erinnert an Alexanderschlacht, Persepolis und damit an den Iran (Simon Wachsmuth), ein Boot aus Benzinkanistern vor Fototapete an ertrunkene Elendsflüchtlinge aus Afrika (Romuald Hazoumé). Durch dieses Getöse werden leise und differenzierte Arbeiten entwertet.
Kunst kann im medialen Overkill da politisch sein, wo sie es schafft, Verdrängtes zur Sprache zu bringen. Dem Inder Amar Kanwar ist das mit seiner Videoinstallation «The Lightning Testimonies» in der Neuen Galerie gelungen. Auf acht Projektionsflächen erzählt er kommentarlos, unaufdringlich und berührend von den postkolonial-nationalistischen Gräueln an den Rändern seines Heimatlandes. Ja, es gibt sie, die wichtigen, die guten Arbeiten. Doch die documenta in dieser Form hat sich mit ihrer 12. Ausgabe überlebt.