Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

So viele Schöne, so viele Reiche

19. Jun 2007 11:58
5. Juli 1930: Bild von Hoyningen-Huené, aufgenommen auf dem Dach des Pariser Studios
Bild vergrößern
«Vogue» war einmal das Magazin der Reichen und Schönen. Wie das Blatt seinen über hundertjährigen Siegeszug antreten konnte, hat Ronald Düker in einem neuen Bildband nachgelesen.

Es war einmal eine Zeit, in der sich die happy few noch in einem einzigen Raum versammelt ließen. Und deshalb sprach man im Winter des Jahres 1892 auch noch nicht von den oberen Zehntausend, sondern bloß von den «Vierhundert», was genau jener Gesellschaft entsprach, die sich eines schönen Winterabends im Ballsaal einer mondänen Stadtvilla in der New Yorker Fifth Avenue versammelt hatte.

Dieses Anwesen im rasant aufstrebenden Stadtteil Manhattan gehörte der einundreißigjährigen Caroline Astor, deren Mann William erst Monate zuvor verstorben war. William hatte von seinem Vater das größte Privatvermögen der Vereinigten Staaten von Amerika geerbt. Der Familie gehörte unter anderem das Waldorf Astoria Hotel, das 1929 zugunsten des Empire State Building abgerissen wurde.

Amerika spricht französisch

Während also Mrs. Astor, eine Peggy Guggenheim ihrer Zeit, in aller Großzügigkeit ein altes Familienerbe unter die Leute brachte, scharte sie doch eine Gesellschaft von Neureichen um sich. Der überwiegende Teil ihrer Gäste war durch die New Economy der Jahrhundertwende zu Geld gekommen, man spekulierte an der Wall Street und schuf sich dazu die entsprechende Umgebung. War Paris die Welthauptstadt des 19. Jahrhunderts gewesen, sollte New York die Welthauptstadt des 20. Jahrhunderts werden.

Und dazu gehörten nicht nur Wolkenkratzer, Untergrundbahnen und Automobile, sondern auch das, was man unmittelbar am Leib trug. Warum also sollte man den Franzosen weiterhin das Feld der Mode überlassen? Das war genau der Moment für eine neue Modezeitschrift, eine stilbildende Instanz, die zugleich das Leben der «Vierhundert» dokumentierte.

Schließlich wollten auch diejenigen, die keinen Zutritt zu Mrs. Astors Ballvergnügungen bekamen, durchs Schlüsselloch schauen: wissen, was dort getragen, getrunken, gegessen und vielleicht geredet wurde. Der Verleger Arthur Turnure gründete also just in diesem Moment die «Vogue». Er hatte sich im Französischlexikon bedient, schließlich war doch das savoir vivre nicht auf den Erdnussfarmen von Georgia, sondern in der guten Alten Welt erfunden worden.

Erfindung der Modefotografie

Der seinem Gegenstand entsprechend opulent ausgestattete Bildband «Vogue», der als Übersetzung aus dem Amerikanischen nun in der «Collection Rolf Heyne» erschienen ist, zeichnet die beispiellose Erfolgsgeschichte dieses Magazins von seinen Anfängen bis in die Gegenwart nach. Zugleich belegt er eindrucksvoll, wie die «Vogue» den Stil der Oberschicht nicht nur dokumentierte, sondern selbst vorgab und steuerte. Gänzlich neue Kunstrichtungen wie der Kubismus und das Art Déco fanden hier zu Zeiten, als Illustrationen noch Produkte von Künstlerhänden und nicht von Kameraobjektiven waren, ihren aktuellen Niederschlag.

Als dann aber die Fotografie das Zepter in die Hand genommen hatte, war wiederum die «Vogue» federführend. So behaupten die Autoren Norberto Angeletti und Alberto Oliva, dass die Modefotografie überhaupt als eine Erfindung der «Vogue» zu begreifen ist. Edward Steichen und Cecil Beaton und Baron Adolphe de Meyer, die die Fotokunst in den zwanziger und dreißiger Jahren prägten, gaben hier den Rhythmus vor, in dem die Models vor den Kameras agierten.

Ein Seismograph

Mode- und Gesellschaftsfotografie fanden zueinander, und so verdeutlicht ein einziges Bild, das Steichen im Jahr 1927 von seinem Lieblingsmodel Marion Morehouse aufgenommen hatte, wie der Blick von der vorgeführten Mode auf die Frau selbst gelenkt wird. Der fotografische Realismus verhilft in diesem Moment dem weiblichen Subjekt zum Sieg über die Schaufensterpuppe. Fotos wie diese wirken auch heute noch so frisch, dass sich jede aktuelle Modezeitschrift mit ihnen schmücken könnte. Und das gilt nicht nur für die Form der Inszenierung, sondern auch für die abgebildete Mode selbst. Wer davon bislang nur eine Ahnung hatte, kann sich durch diesen Band einen ebenso umfassenden wie plastischen Überblick über das zyklische Wesen des Modedesigns verschaffen.

Bilderschau:
Heute arbeiten Annie Leibovitz, Steven Meisel, Mario Testino, Steven Klein und Richard Demarchelier – kurz die berühmtesten und bestbezahltesten Fotografen für «Vogue». Ihre Bilder stehen für sich oder erzählen Geschichten, sie greifen alte Trends wieder auf oder schaffen neue und sind ein gesellschaftlicher Seismograph. Hier liegt ein Bildarchiv der Sichtweisen vor, mit denen die Avantgarde der Popindustrie Phänomenen wie Magersucht, Alterung, Schwangerschaft, reiner und unreiner Haut begegnet ist.

Depression am Kiosk?

Es war einmal eine Zeit, da gab es auch «Vanity Fair» nur als Beilage der «Vogue». Das war von 1936 an so, als der Verleger Condé Nast im Zuge der großen Depression zwei seiner Magazine zu einem zusammenfasste. «Vogue» hatte er im Jahr 1905 erworben, um aus dem zunächst exklusiven Gesellschaftsblatt allmählich ein Massenmagazin zu machen.

Von Depression kann heute niemand mehr ernsthaft sprechen. Die Kioske zeugen davon, wie gut es Lesern gehen muss, die eine derart ausdifferenzierte Magazinpalette ermöglichen. «Vogue» ist noch immer dabei und setzt die fashion victims dieser Welt in die Spur.

Norbert Angeletti und Alberto Oliva: Vogue. Die illustrierte Geschichte des berühmtesten Modemagazins der Welt. 410 Seiten mit über 600 Abbildungen, Collection Rolf Heyne 2007, 98 Euro

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Josef Depenbrock & Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.