Teuerstes Kunstwerk der Welt ist todlangweilig
07. Jun 2007 09:23
 |  Damien Hirst, For the Love of God, 2007
Platin, Diamanten und menschliche Zähne | Foto: Archiv |
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Starkünstler Damien Hirst hat einen mit unzähligen Diamanten geschmückten Platinschädel kreiert, der zum Nachdenken über den Tod animieren soll. Gähn, meint
Bülent Gündüz.
Betritt man die Filialen der White Cube Gallery am Mason's Yard und am Hoxton Square in London, scheint es wie immer zu sein. Damien Hirst (41) langweilt mit Kunstwerken, die wir schon von ihm kennen. Ein zersägter Hai, ein von Pfeilen durchbohrter Jungstier, zwei halbierte Kühe, zwischen denen wir hindurchgehen können und weiteres Material für den biologischen Anschauungsunterricht. An den Wänden hängen großformatige Gemälde, die sich intensiv mit dem Leben und Sterben auseinandersetzen und schon interessanter wirken, ohne wirklich großartig zu sein.
Trauriger Höhepunkt
Doch dieses Mal hat er noch ein besonderes Objekt für uns. Nur mit einem Ticket gelangt man in einen abgedunkelten Raum, der von Sicherheitspersonal streng bewacht wird. Höchstens zehn Personen dürfen den Raum gleichzeitig betreten. Hier ruht der Höhepunkt der Ausstellung «Beyond Belief»: ein mit 8601 Diamanten besetzter Platinschädel. Gut bewacht ruht der Schädel in einer Glasvitrine. Er ist über und über mit den kleinen Diamanten beklebt, selbst Augenhöhlen und Nasenraum sind mit den gleißenden Klunkern besetzt. Auf der Stirn thront ein 52-karätiger tränenförmiger Diamant. Materialwert des Schädels: 18 Millionen Euro. Wert des Kunstwerks: 75 Millionen Euro. Wird das Werk verkauft, wäre es das teuerste zeitgenössische Kunstwerk.
Pikantes Detail: der lebensgroße Schädel ist ein Abguss eines echten Schädels. Den will Hirst in einem kleinen Laden im Londoner Norden erstanden haben. Er soll von einem 35-jährigen Briten stammen und um die 200 Jahre alt sein. Dem Abguss wurden außerdem die echten Zähne des Totenschädels spendiert. Allerdings bleibt rätselhaft, woher Hirst die sterblichen Überreste tatsächlich hat, denn er verrät die Quelle nicht und auch Nachforschungen von Journalisten blieben ergebnislos.Der einstige «Bad Guy» der Künstlergruppe Young British Artists ließ sich von Maya- und Inka-Relikten inspirieren. Der Schädel soll zum Nachdenken über das Leben und den Tod anregen. «Er zeigt uns, dass wir nicht für immer leben. Aber er lehrt uns auch, dass wir den Tod besiegen können», so Hirst. Ein Fanal gegen die Sterblichkeit soll es sein.
Tief gefallen
Hirst sagte zu Ausstellungseröffnung, er hoffe, dass sich die Menschen gut fühlen, wenn sie «For the love of god» betrachten. Das Werk solle so erbauend sein, dass es den Menschen den Atem nimmt, so der Künstler. Er wünsche sich, dass das Werk nicht im Safe eines reichen Sammlers verschwinde, sondern weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich sei. Das will Hirst bei einem Verkauf auch zur Bedingung machen. Am liebsten sei ihm, dass der Schädel irgendwann im British Museum neben anderen kulturhistorischen Schätzen seinen Platz finden werde. Das dürfte ein frommer Wunsch bleiben.«Beyond Belief» – so lautet der Titel der Ausstellung. Übersetzen kann man dies wohl am besten mit «kaum zu glauben». Kaum zu glauben, dass möchte man sagen, wenn man Hirsts neuesten Streich verfolgt. Kaum zu glauben, dass ein gefeierter Künstler, ein einstiger Rebell, derart langweilige und vordergründige Arbeiten abliefert. Kaum zu glauben, dass er für seine Werke auch noch 100 Mitarbeiter beschäftigt, die seine Ideen umsetzen und kaum zu glauben, dass es tatsächlich drei Kaufinteressenten gibt, die den gigantischen Preis zahlen möchten. Hirst lebt inzwischen vom Skandal, der keiner mehr ist.