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Kunstwerke: 

Colemans Blumen des Bösen

02. Jun 2007 10:20
Joe Coleman: The Book of Revelations, 1999 (Ausschnitt). Rechts im Bild: Selbstportrait des Künstlers
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Joe Coleman beißt weißen Mäusen den Kopf ab und fasst den Alptraum Amerikas in sakral anmutende Malerei. Ronald Düker hat die Berliner Ausstellung dieses einzelgängerischen Künstlers gesehen.

«Joe Coleman», sagt der Regisseur Jim Jarmusch, «ist wohl der letzte große lebende Maler religiöser Ikonen.» Und die New York Times ergänzt: «Wenn der Zirkusdirektor P.T. Barnum die Maler Breughel oder Bosch angeheuert hätte, um Showplakate für ihn zu gestalten, dann wäre wohl die Kunst von Joe Coleman herausgekommen.»

Hierzulande ist Joe Coleman bislang noch wenig bekannt und eine Entdeckung ersten Ranges. Es ist daher eine Heldentat von Susanne Pfeffer, der neuen Kuratorin des KW Institute for Contemporary Art (kurz: Kunstwerke), dem in New York lebenden Künstler nun eine Einzelausstellung gewidmet zu haben. «Internal Digging» heißt die Schau, und sie führt vor Augen, wie Coleman die Traditionen sakraler Bildsprache mit amerikanischer Zirkus- und Showästhetik in seinem eigenständigen und eigenbrötlerischen Werk zusammengeführt hat.

Abseits des Betriebs

Die zeichnerischen und malerischen Mittel dazu entlehnt der in New-York-Brooklyn lebende Künstler dem Comic, zu großen Teilen aber auch dem europäischen Expressionismus. Coleman ist ein Erbe von George Grosz und Otto Dix sowie ein Weggefährte Robert Crumbs.

Dabei stand der heute 54-jährige Maler die längste Zeit abseits des großen Kunstbetriebs. Als er 1976 ein Studium an einer New Yorker Kunstschule aufnahm, war das nur von kurzer Dauer. Da seine gegenständlichen Bilder so gar nicht der abstrakten Ästhetik der damals gängigen Avantgarde folgen wollten, wurde er bald aus dieser Institution verwiesen. Zum Thema Drogen sagt Coleman, dass er bislang schon alles Erdenkliche ausprobiert habe und verweist auf seine lange Heroinabhängigkeit.

Odditorium im Souterrain

Und noch die Zusammensetzung des Vernissagenpublikums seiner Berliner Ausstellung ließ nun erahnen, dass Colemans Werk auch von einem Publikum goutiert wird, dass mit dem Kunstbetrieb ansonsten kaum assoziiert ist. Vollbärtige Männer mit großflächigen Tätowierungen und Lederjacken, so etwas vermutet man sonst eher auf einem Bikertreffen als in den Kunstwerken.

I am Joe's Fear of Disease, 2001 (Ausschnitt)
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Coleman ist nicht nur Zeichner und Maler, sondern auch ein leidenschaftlicher Sammler. Und so werden im Souterrain des Gebäudes einzelne Stücke seines so genannten «Odditoriums», also jenem Kabinett der Hässlichkeiten präsentiert, das seinen Ort sonst in der New Yorker Wohnung des Künstlers hat. Es handelt sich dabei um Stücke, die man aus Wachsfiguren- und Kuriositätenkabinetten, aus Reliquienkammern und Wild-West-Shows kennt.

Manson verstehen, heißt Amerika verstehen

Die meisten davon hat Coleman dem «Myrtle Beach Wax Museum» in South Carolina abgekauft. Eine aus Wachs moulagierte Vergewaltigungsszene, die ursprünglich Teil eines Tableaus mit plündernden Piraten war, die Figur eines Trauernden, die Leiche eines Soldaten, eine Wasserfolterszene, der gekreuzigte Jesus, die Heilige Agnes, die Wild-West-Helden Davy Crockett und Jim Bowie – all dies historische Relikte von Gewaltdarstellungen, die vor allem in der Kultur der Volksbelustigung des 19. Jahrhunderts ihre Wurzeln haben. Im selben Raum stehen drei Zirkuswagen, in deren Innerem weitere Exponate den amerikanischen Alptraum an der Schnittstelle zwischen Privatem und Popkultur bezeugen.

Hier findet sich aus Wachs der Kopf von Lee Harvey Oswald, der des Mordes an John F. Kennedy bezichtigt und dafür hingerichtet wurde, die Hände des Kindermörders Billy Cook, der die Worte «Hard Luck» auf seine Knöchel tätowiert hatte, zwei Briefe mit jeweils einer echten Haarsträhne des berüchtigten Bürgerkriegskämpfers und Jesse-James-Kumpanen William Clark Quantrill und einer solchen des Satanisten und Sharon-Tate-Mörders Charles Manson.

Manson hatte dieses Schreiben an Joe Coleman persönlich gerichtet und darin seiner Begeisterung für die Arbeiten des Künstlers Ausdruck verliehen. Coleman selbst ist der Meinung, dass kaum eine Figur einen so großen Einfluss auf die amerikanische Seele gehabt habe wie Manson und dass man das amerikanische Wesen daher auch gerade durch ihn besonders gut begreifen könne.

Panoptikum des Horrors

In den oberen Etagen der Galerie hängen Colemans tableauartig arrangierte Bilder, was im Blick auf die Ausstellungsarchitektur eine gelungene Aufteilung ist. Diese Werke stehen nämlich zu den gesammelten Exponaten in einem Verhältnis, wie künstlerische Ausarbeitungen zu ihrem Rohmaterial, das sie fundiert. Auf den mittelformatigen aber überaus akribisch und kleinteilig gemalten Bildern begegnet der Betrachter all den Serienkillern, Film- und Wild-West-Helden, die er von unten kennt, wieder wie alten Bekannten.

Portrait of Ed Gein, 1996 (Ausschnitt)
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In geradezu optimistischer Farbenfreudigkeit und an Comics erinnernder Lebendigkeit stellt Coleman ganze Verbrecherbiographien wie die des Serienkillers Ed Gein nebeneinander dar, wobei die zumeist in Frontalansicht dargestellten Figuren bis hin zu den brennenden Twin Towers von der Aura christlicher Ikonen umweht sind. Den Bildfolgen beigeordnet sind handgeschriebene Texte, die die dargestellten Taten historisch genau und frei einer jeden Moralisierung kommentieren. Coleman lässt in diesen Bildgärten die Blumen des Bösen blühen – und schafft dadurch ein wunderkammerartiges Panoptikum des Horrors, das dem Rezipienten auch nicht die Spur eines leicht zugänglichen Deutungsansatzes auslegt.

Götter und Serienmörder

Coleman, der in einer, in der Ausstellung filmisch dokumentierten, Performance von 1986 nicht davor zurückschreckte, lebendigen weißen Mäusen gleich reihenweise den Kopf abzubeißen um im Anschluss ein ganzes Paket aus Feuerwerkskörpern, das er sich umgegürtet hatte, in Brand zu setzen, beteuert, dass man sich um ihn persönlich keine Sorgen machen muss. Er könne ganz gut entscheiden, was er tue, und wisse auch, was gut und was schlecht sei. Aus dem Bauch heraus.

In einem Gespräch mit seiner Kuratorin gibt er zumindest soviel zu Protokoll. Die Menschheit sei «ein irrer bunter Flickenteppich» und nichts so verrückt wie die Vorstellung, dass es nur einen einzigen und gütigen Gott geben solle. «Selbst in der griechischen Mythologie gibt es diese ganzen Götter, die sogar Gefühle wie Eifersucht und Wut haben können. In einer Gesellschaft, die solche Komplexität nicht zulässt, wo es nur einen grundgütigen Gott gibt, schleichen sich Götter (...) eben durch die Hintertür. Solche Figuren können aus der Pornografie kommen oder Serienmörder sein.»

Joe Coleman ist ein zutiefst religiöser Maler, der aber irgendwann vom Glauben abgefallen ist. Seine Bilder erzählen die Geschichte Amerikas. Und sie erzählen von der Wahrheitssuche in einer Welt, die die unsere ist. So schrecklich das auch sein mag.

Joe Coleman. Internal Digging. Noch bis zum 12. August in KW Institute of Contemporary Art, Auguststraße 69, Berlin-Mitte. Geöffnet von Dienstag bis Sonntag, 12 bis 19 Uhr, am Donnerstag von 12 bis 21 Uhr.

 
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