Mauresque: 

netzeitung.deCasablanca als Zukunftsort

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Das Rialto: Klassisches Kino in Casablanca mit aktuellem Programm (Foto: Ronald Düker<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Das Rialto: Klassisches Kino in Casablanca mit aktuellem Programm
Foto: Ronald Düker
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Casablanca gibt es wider Erwarten nicht nur im Film, sondern auch als realen Ort. Ronald Düker war da und ist durch eine imposante architektonische Versuchsanordnung spaziert.

Casablanca, so steht es im Reiseführer, ist eine Stadt ohne Sehenswürdigkeiten. Während sonnenhungrige Pauschalurlauber in die südlicher gelegene Bettenburg Agadir geflogen werden, bildungsbeflissene Individualtouristen die Königsstädte Fes, Meknes und Marrakesch ansteuern, und amerikanische und europäische Kiffer sich in den Altstadtcafés von Tanger als Erben der Beatniks aufführen, bleibt Casablanca vor allem den drei Millionen Marokkanern überlassen, die dort wohnen.

Die Stadt ist das kulturelle und wirtschaftliche Zentrum des Landes, verfügt über den größten Industriehafen Nordafrikas, ist von großen sozialen Gegensätzen gezeichnet, aber auch von einem überwiegend westlichen Lebensstil. Nirgends sonst in Marokko spielt die Geschlechtertrennung im öffentlichen Raum eine derart geringe Rolle wie hier, nirgends sonst sind die individuellen Freiheiten so groß, die modischen Codes so ausdifferenziert, und nirgends sonst ist sowenig vom so genannten traditionellen Marokko zu sehen, das sich orientalistisch gestimmte Touristen so gerne ins Fotoalbum kleben.
Dahinter liegt Florida
Casablanca ist aber nicht einfach nur eine durch und durch gegenwärtige Stadt. Casablanca ist und war stets ein Zukunftsort, eine Planstadt, in der soziale Utopien in eine Architektur übersetzt wurden, die das Zusammenwirken von islamischer und westlicher Kultur und das Zusammenleben von Arm und Reich, Mann und Frau organisieren sollte. Für jeden, der für Architektur und Stadtplanung einen Blick hat und sich für die postkoloniale Nutzung eines genuin europäischen Erbes interessiert, ist Casablanca ein Eldorado – eine Stadt voller Sehenswürdigkeiten.

Die im Sinne ihrer räumlichen Ausmaße größte Sehenswürdigkeit der Stadt und zugleich das beliebteste Postkartenmotiv ist dabei noch jung und stammt aus dem Jahr 1993. Die Moschee Hassan II ist nach ihrem Erbauer ernannt, dem letzten König des Landes und Vater des amtierenden Herrschers Mohammed VI. Von weither schon ist dieser Bau mit seinem 210 Meter hohen Minarett sichtbar.

Größer noch ist nur die Moschee von Mekka, höher kein anderes religiöses Gebäude der Welt – das Ulmer Münster mit seinem weltweit höchsten Kirchturm muss sich um deutliche 50 Meter geschlagen geben. Die Hassan II-Moschee ist zugleich der westlichste Vorposten der islamischen Welt. Sie steht direkt am Gestade des Atlantiks. Dahinter tausende Kilometer Wasser und dann kommt Florida.

Opfer für den König
Dass es nur sechs Jahre gedauert hat, dieses von dem französischen Architekten Michel Pinseau entworfene Monument zu bauen, dass ganze 25.000 Gläubige in seinem Innenraum Platz finden, während das komplette Dach wie bei einem hypermodernen Fußballstadion elektrisch aufgefahren werden kann, all das erzählt die junge Führerin Aisha einem kleinen Grüppchen staunender Touristen, die sich von ihr durch das Gebäude führen lassen. Die Hassan II-Moschee – dieser Wahnsinn aus Keramik, Marmor und fein ziselierten Stuckaturen – ist der Stolz der Nation und als einziges Gotteshaus des Landes auch Nichtmuslimen zugänglich.

10.000 Handwerker hätten Tag und Nacht gearbeitet und dabei ausschließlich Materialen aus Marokko verwendet – einzige Ausnahme: die riesenhaften Muranoleuchter an der Decke, ein Großauftrag für die weltberühmte venezianische Glasbläserei. Wovon Aisha nicht erzählt, das sind die immensen Opfer, die der Bevölkerung für den Bau und die Finanzierung des Monumentes abverlangt wurden. Sie verschweigt die stattliche Extrasteuer, die noch von den Ärmsten des Landes zu berappen war, und erzählt auch nichts von dem ärmlichen Wohnviertel, das in kürzester Zeit zu sakralem Baugrund umgewidmet und platt gemacht worden war.
Ein Signal
Auch ist aus ihrem Mund nichts von den zahlreichen schlimmen Unfällen zu hören, die sich während der forcierten Bauarbeiten ereigneten und nichts von den Protesten der politischen Opposition, die dafür sorgte, dass der Schriftzug «Hassan-II-Moschee» in den ersten Jahren immer wieder mit «Moschee des Volkes» überpinselt wurde. Neben der sozialen Härte einer autokratisch regierten Gesellschaft, signalisiert das Gebäude aber auch eine Botschaft, die allem religionskriegerischen Eifer zuwiderläuft.

Es ist ein Bekenntnis zur religiösen Tradition und westlichen Ausrichtung zugleich, denn der marokkanische König – und das gilt für Hassan II und Mohammed VI in ähnlicher Weise – gilt als Garant eines traditionsbewussten Modernisierungsprozesses. Staatsfeind Nummer eins ist und bleibt in Marokko der fundamentalistische Terrorist.

Ein Versuchslabor
Ein Rundgang durch die Stadt macht klar, wie sehr sie von jeher die Spuren eines Zukunftsentwurfes trägt. Beinahe in einem Zug war es von den französischen Kolonialherren in den zwanziger und dreißiger Jahren als großzügige Kapitale des marokkanischen Protektorats erbaut worden. Und es kamen dabei Architekten des an Le Corbusier angelehnten Modernismus zum Zug, die den urbanen Raum als Versuchslabor neuer sozialer Formationen begriffen. So etwas hatte sich in Europa in dieser Dichte noch in keine Stadtanlage eingeschrieben.

Breite Alleen, Parkanlagen, Straßenzüge mit mehrstockigen Wohnblocks, Einkaufspassagen, großzügige Hotels, Kinos und Cafés zielten auf die Bedürfnisse des so genannten «Neuen Menschen» und amalgamisierten die Formensprache des Bauhaus und Art Deco mit orientalischer Bautradition. Mauresque oder arabesque nannte man später dieses zugleich elegante und ökonomische Design, das noch heute die gesamte Stadtlandschaft prägt.

Gotische Betonminarette
Während das koloniale Casablanca der zwanziger Jahre eine soziale Apartheid repräsentierte, in der die Franzosen die Einheimischen auf den zugedachten Platz verwiesen – so wurde etwa in Autobussen eine vierte Klasse eingeführt – tragen viele Gebäude aber auch die Spuren eines beabsichtigten kulturübergreifenden Zusammenlebens in sich.

Die von Paul Tournon im Jahr 1930 erbaute Cathédrale du Sacré Coeur ist eine riesige Betonkirche, deren nüchtern quadratische Türme eine präzise Balance zwischen europäischer Gotik und maghrebinischer Minarettarchitektur halten. Es stellt sich die Frage, warum man erst ein halbes Jahrhundert später auf die Idee kommen konnte, die Postmoderne auszurufen.
As time goes by
Es gibt in Casablanca aber auch zumindest einen Ort, der aufgrund seiner absoluten Geschichtslosigkeit bei gleichzeitiger historischer Anmutung völlig aus der Realität fällt. Es ist Rick's Café am Rande der Medina. Auf zwei Etagen findet sich hier ein zugegebenermaßen detailgetreuer Nachbau der Innenarchitektur des gleichnamigen Cafés in dem berühmtesten aller berühmten amerikanischen Kriegs- und Liebesfilme.

Hier läuft auf einem stumm gestellten Plasmafernseher eine DVD des Klassikers in Endlosschleife, während ein dunkelhäutiger Pianist live «As time goes by» intoniert. Und tatsächlich sitzen einige Amerikaner vor der riesenhaften Glotze und imaginieren sich in Casablanca genau jenes Casablanca zurecht, das in Hollywood erfunden und seitdem in der Vorstellung ganzer Generationen von Kinogängern zu Hause ist. Dermaßen verschlossene Privatschwelgereien müssen natürlich geschützt werden. Deshalb steht am Eingang auch ein imposanter Türsteher, der jeden Eintretenden erst einmal mit dem Metalldetektor abtastet.