| | | | | «Opern-Deutschland» feiert Anna Netrebko21. Mai 2007 08:56  |  Alle wollen Anna Netrebko hören - und sehen | Foto: dpa |
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Massenets Oper «Manon» auf der Großleinwand: Auch die Berliner Staatsoper hat jetzt ihre Fanmeile. Corina Kolbe hat beobachtet, wie 20.000 Zuschauer das erste Live-Spektakel miterlebten.
Auf dem Berliner Boulevard unter den Linden herrscht an diesem warmen Tag Hochbetrieb. Selbst für ein langes Feiertagswochenende sind ungewöhnlich viele Menschen unterwegs. Mit Klappstühlen, Decken und Picknickkörben lassen sie sich ab dem frühen Nachmittag auf dem Bebelplatz vor einer Großleinwand nieder. Alles Bundesliga-Fans, die das Finale sehen wollen? Weit gefehlt – die Staatsoper läuft dem Fußball diesmal mühelos den Rang ab.
Chefdirigent Daniel Barenboim und Intendant Peter Mussbach locken mit dem Glamour-Ereignis des Jahres: Jules Massenets «Manon», live übertragen aus dem Opernhaus nebenan. Oper für alle, gigantisch und gratis. Dass die russische Starsopranistin Anna Netrebko nicht mit Traumpartner Rolando Villazón auftreten kann, ist zwar ein kleiner Wermutstropfen. Doch niemand buht, als Moderator Alfred Biolek den brasilianischen Tenor Fernando Portari als Ersatz für den halskranken Mexikaner ankündigt. Dafür ist die Stimmung einfach zu gut.Mehr als 20.000 Menschen drängen sich schließlich auf dem Platz, es herrscht Volksfest-Atmosphäre wie bei dem alljährlichen Philharmoniker-Konzert in der Waldbühne. Die Polizei lässt die Straße sperren, niemand kommt mehr durch. Mitgebrachter Rotwein und Käse-Baguettes machen die Runde, und irgendwann öffnet sich in der Oper auch der Vorhang. Netrebko, eine kokette Manon mit frecher roter Baskenmütze, hat kaum die Szene betreten, da prasselt schon der erste große Applaus nieder.
 |  Anna Netrebko in lasziver Pose | Foto: dpa |
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Ein frivoles Mädchen, gerade noch rechtzeitig vor dem Kloster gerettet, brennt mit dem Chevalier des Grieux durch, um den Geliebten dann für einen reicheren Mann zu verlassen. Doch zum Schluss wird sie dafür bitter büßen. Massenets Oper bietet den idealen Plot für einen kurzweiligen Abend und viele lyrische Belcanto-Arien. Ein Ohren- und ein Augenschmaus. Netrebko beeindruckt das Publikum nicht nur mit ihrem vielgerühmten makellosen Sopran, sondern auch mit beachtlichem schauspielerischem Talent. Die Bildregie setzt Mimik und Gestik in Großaufnahmen perfekt in Szene: Von der kleinen Naiven wandelt sich Manon zum vergnügungssüchtigen, platinblonden Glamour-Girl à la Marilyn Monroe, sie schmollt, räkelt sich lasziv auf Betten und Tischen, lässt sich von dem Geliebten die Füße küssen.
 |  Manon - im angesagten 50er-Jahre-Retro-Look | Foto: dpa |
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Die Russin hat ganz sicher auch das Zeug zu einem Filmstar. Visuell ist Manon dem Zuschauer auf dem Platz näher als den meisten Gästen drinnen, ersetzen kann eine Filmvorführung das authentische, dreidimensionale Opernerlebnis mit originalem Klang allerdings nicht. Doch welches Opernhaus ist schon so groß, dass 20.000 Zuschauer hineinpassen würden? Mit dem medialen Großereignis hat sich die Staatsoper einem nicht ganz unumstrittenen Trend zur Erneuerung des Opernbetriebs angeschlossen. An vorderster Front setzt sich der Intendant der New Yorker Metropolitan Opera, Peter Gelb, dafür ein, jede Aufführung zum besonderen Event zu machen. Dazu gehören neben glamourösen Inszenierungen auch Live-Übertragungen, unter anderem auf Bildschirme am neon-erleuchteten Times Square. Opernliebhaber in mehreren deutschen Städten konnten im März ebenfalls in Echtzeit dabei sein, als die Met Rossinis «Barbier von Sevilla» direkt von der Bühne in Kinos überspielte.
 |  Oper für alle: Großer Andrang auf dem Bebelplatz | Foto: dpa |
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Peter Gelb stellt sich vor, dass Oper wie ein Sportereignis präsentiert werden kann. Mit einem Augenzwinkern hat auch Mussbach daran erinnert, wie groß die Begeisterung für das Public Viewing während der Fußball-WM im vergangenen Jahr war. Klassik als Massenspektakel kennt man bereits von den Drei Tenören und ihren Stadion-Auftritten. Funktionieren kann das auf Dauer allerdings nur, wenn ein hoher künstlerischer Qualitätsanspruch gewahrt bleibt. Barenboim und Mussbach sind klug genug, den Bogen nicht zu überspannen. Künftig soll es bei einer solchen Aufführung pro Saison bleiben, plus einem Konzert der Staatskapelle. Denn Oper kann eben doch nur dann ein besonderes Erlebnis sein, wenn sie nicht ganz so alltäglich wird wie Fernsehen. Dieser Abend auf dem Bebelplatz wird auf jeden Fall von allen genossen und gefeiert. Nach dem nicht enden wollenden Schlussapplaus zeigt die Kamera Netrebko, Portari, Barenboim und die anderen Mitwirkenden, wie sie sich ihren Weg durch Requisiten und lange Korridore bahnen. Die Realität durchbricht die Illusion: Am Ende stehen sie alle in Fleisch und Blut vor der dunklen Großleinwand und verbeugen sich vor der Fangemeinde. «Opern-Deutschland» hat «Fußball-Deutschland« abgelöst.
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