Netzeitung Logo
 
DruckenVersenden
 

Blogger poppen mit

10. Mai 2007 09:26
Joachim Lottmann
Bild vergrößern
Die Anthologie «Pop seit 1964» versammelt Texte von Peter Handke bis Joachim Lottmann. Maik Söhler aber sagt: Blogger sind die Popliteraten von heute.

«Pop seit 1964» - der Titel ist gewagt. Man denkt erstmal an die Beatles. Oder wer es literarischer mag: an die Beatniks. Oder wer es mehr mit der Kunst hat: an Andy Warhol. Aber nicht an deutschsprachige Popliteratur. Und wenn doch, dann allenfalls an Rolf Dieter Brinkmann oder Hubert Fichte, diese um drei Ecken herbei konstruierten Vorläufer von Christian Kracht und Benjamin von Stuckrad-Barre. Unter keinen Umständen hingegen fallen einem Schriftsteller wie H.C. Artmann, Peter Handke oder Elfriede Jelinek ein.

Pop seit 1964

Dennoch: Hier kommen sie alle zusammen. Das Buch versammelt «Texte, die seit 1964 unter dem Stichwort 'Pop' diskutiert worden sind. Aufgeteilt in drei historische Kapitel, 1964 - 1972, 1982 - 1989 und 1990 - 2004», schreiben die Herausgeber Kerstin Gleba und Eckhard Schumacher im Vorwort und präsentieren anschließend Romanauszüge, Gedichte, Feuilleton-Artikel und Essays von mehr als 30 Autoren. Es sind Autoren, die von anderen mit Popliteratur in Verbindung gebracht wurden. Den Begriff selbst verwendet haben nur die wenigsten von ihnen.

Mehr im Internet:
Gemeinsam ist ihnen ein anderer Satz aus dem Vorwort. «Pop und Literatur - wann immer die beiden aufeinandertreffen, knallt es», formulieren Gleba und Schumacher, und in der Tat gilt das mit nur wenigen Ausnahmen, die sich im hinteren Teil des Buches finden. Beim Lesen begegnen uns viele bekannte Autoren wie Rainald Goetz, Diedrich Diederichsen und Sibylle Berg wieder, Texte wie Jelineks «wir sind lockvögel baby!», Goetz' «Subito» oder Andreas Neumeisters «Pop als Wille und Vorstellung» brachten in ihrer Zeit eine Stimmung auf den Punkt und wirkten paradig- oder programmatisch.

Was ist Pop?

Mit manchen Texten drängt die eigene Jugendzeit ins Bewusstsein, andere stellen Zeitgeistformen vor, die an einem selbst vobeigegangen sind. Die Relektüre lohnt also in jedem Fall. Wenn man das Buch weglegt, bleibt jenseits der einzelnen Beiträge etwas ganz anderes hängen: der hier behandelte Begriff von Pop. Denn er strahlt, schillert und glänzt unwiderstehlich.

Fasst man den über 400 Seiten des Buches wabernden Popdiskurs zusammen, so ergibt sich, dass Pop(literatur) auf die Gegenwart und Wirklichkeit fixiert ist, jenseits von Authentizität, gelegentlich aber mit Hilfe von Medien und Inszenierung. Dass Pop aus Zitat und Reproduktion, Künstlichkeit und Übertreibung besteht, und zwar in einer Form, die «kickt und knallt» (Rainald Goetz). Pop ist ein internationales Phänomen, ein Störfaktor, ist Provokation, Unruhe und Fremdkörper.

Wie funktioniert Pop?

Pop(literatur) funktioniert als Aufzählung, Liste und Protokoll und ist ein «Verfahren», das alles behandeln kann und das sich «immer wieder erneut der Festlegung entzieht.» Mittels Kurzreflexionen, Fragmenten, Collagen, radikaler Subjektivität, wenigen Differenzierungen und dem Angriff auf Konventionen wird Widerstand gegen Konsum und Konformismus geleistet. Dabei werden Konsum und Konformismus nicht abgelehnt, sondern durchaus angenommen - Bazon Brock nennt das «negative Affirmation».

Pop(literatur) ist also eine «fanatische Hingabe an den Stoff» (Karl Heinz Bohrer), setzt sich formal vielfältig aus Journalismus, Kunst, Musik und Theorie zusammen, meidet endgültige Formen, sucht den Eklektizismus, erkundet angstfrei, großmäulig und großzügig, frech und subversiv die Oberfläche, den Klatsch, die Lust, das Nachtleben, die Leidenschaft und die Eleganz. Dabei wird Aktualität verarbeitet und neue, eigene Aktualität produziert.

Pop und Blogs

Am Ende des Buches formulieren die Herausgeben im Gespräch mit Stuckrad-Barre die These, dass Pop(literatur) nicht totzukriegen ist, sondern immer weiter leben wird. Die letzten Bücher, die in Deutschland unter Pop gefasst wurden, stammen von Joachim Lottmann, Moritz von Uslar und Kerstin Grether.

Doch längst hat sich jenseits der in Romane gequetschten Popliteratur eine Sphäre eröffnet, die den oben genannten Bestimmungen, was Pop ist und wie er funktioniert, weitgehend entspricht. Die Welt der Blogs steht ja wie kaum etwas anderes im Netz für Spontaneität, subjektives Schreiben, Alltagsnähe und Wirklichkeitssinn; sie sagt Ja zur modernen Welt, artikuliert sich direkt, temporeich und liebt eine Ästhetik der Plötzlichkeit.

Roh, kämpferisch und lustig

«Lieber geil angreifen, kühn totalitär roh kämpferisch und lustig, so muss geschrieben werden», meint Rainald Goetz in seinem Text «Subito». Ja! Genauso schreibt doch Don Alphonso in seinen besten Einträgen in der Blogbar. Und nochmal Goetz: «Gehe weg, du blöder Sausinn, ich will von dir Dummem Langweiligen nie nichts wissen.» Das trifft auf viele Blogs zu - ob sie wie «Melancholie Modeste» oder «Vigilien» nun explizit literarisch sind oder wie Bov Bjergs oder Felix Schwenzels Blog einfach nur hübsch verstrahlt.

Mehr im Internet:
Kennzeichnet Diedrich Diederichsens aus den achtziger Jahren stammender Satz, Pop sei die «letzte Instanz der Wahrheit» nicht exakt das Bildblog? Trifft Andreas Neumeisters Bestimmung der «Gegenwart als Alles» nicht das Grundverständnis tausender Newsblogs? Spiegelt Benjamin von Stuckrad-Barres Äußerung, «man ist schon woanders, wenn die noch die Messer wetzen», nicht genau das Verhältnis von Bloggern zu den etablierten Medien, wenn diese sich mal wieder verständnislos das Phänomen des Bloggens vornehmen?

Keine Probleme

Am Beispiel der Medien fällt noch etwas auf. Stuckrad-Barre meint am Ende des Buches, Pop «klang immer wie Behindertenparkplatz oder Kinderteller. Das war immer ne Beschimpfung, ne Degradierung.» Besser könnte man nicht beschreiben, was Bloggern derzeit in den meisten Printmedien wiederfährt. Interessiert das die Blogger? Ja. Versuchen sie sich deswegen zu verändern oder anzupassen? Nein.
«Pops Glück ist, dass Pop kein Problem hat», schreibt Goetz. Auch die meisten Blogger haben mit ihren Blogs und ihrem Tun kein Problem.

Eines muss man noch einschränken. Von der Qualität der Texte reichen nur die wenigsten Blogs an die Literatur heran. Das macht nichts, auch Schriftsteller haben mal klein angefangen. Wer sich dennoch darüber ärgert, der besuche im Netz doch einfach eine der vielen Seiten, die von Autoren geführt werden, die in »Pop seit 1964« unter dem Label Popliteratur geführt werden. Zum Beispiel die der Blogger Rainald Goetz, Joachim Lottmann und Peter Glaser.

Kerstin Gleba/Eckhard Schumacher (Hg.): Pop seit 1964. Kiepenheuer & Witsch , Köln 2007. 400 S., 15 Euro

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
Zum Wissenstest

Alle Wissenstests

Zum Wissenstest
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Aus anderen Ressorts
Zur Autogazette

Geschäftsführer: Josef Depenbrock & Robert Rischke | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.