Esoterik:
Gewalt-Regisseur Lynch ganz friedlich
26. Apr 2007 09:21
 |  A candy coloured clown they call the sandman? David Lynch | Foto: dpa |
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David Lynch verdankt seine Inspiration dem Maharashi Mahesh Yogi – wie einst die Beatles.
Ronald Düker hat das neue Meditationsbuch des Regisseurs gelesen.
1990, 1992, 1997, 1999, 2001, und seit heute also «Inland Empire»: David Lynchs Spielfilme fallen nur in größeren zeitlichen Abständen vom Himmel. Ist es aber so weit, schlagen sie mit aller Wucht im Feuilleton ein.Überfordert von einer Fülle halbverdauter Eindrücke, die kaum in kein stringentes Interpretationsmuster passen, fühlen sich dann viele Kritiker aufgerufen, den ahnungslosen Kinobesuchern diese filmischen Fahrten auf der Möbiusschleife des Unbewussten zu beschildern.
Psychoanalyse bevorzugt
Dabei stehen Verweise auf Hitchcock, den klassischen Film Noir und überhaupt die goldene Zeit der Traumfabrik hoch im Kurs. Es geht aber stets auch um die Albträume, die Hollywood notwendigerweise produziert. Um die verdrängten oder zensierten Obsessionen, gefallene Starlets und perverse Produzenten, um die Besetzungscouch und abschüssige Partys mit Blick vom Mulholland Drive.
Da diese Erzählungen am ehesten der Logik des Traumes zu folgen scheinen, hat es sich bei Lynch eingebürgert, dass Kritiker seinen Rätseln bevorzugt mit dem theoretischen Instrument der Psychoanalyse zu Leibe rücken. Zählen doch auch der Philosoph Slavoj Zizek David Lynch und Alfred Hitchcock schon deshalb zu seinen Lieblingsregisseuren, weil sich an ihnen mit didaktischer Mustergültigkeit beinahe das ganze System der klassischen Psychoanalyse illustrieren lässt.
Der Film als Patient
Hat man «Psycho» oder «Blue Velvet» auf diese Art erst einmal auseinanderklamüsiert und die Stimme des Vaters vom Ich, Über-Ich und Es unterschieden, weicht das Verstörende dem Verstandenen, und Kino wird zum intellektuellen Genuss. Es drängen sich aber Einwände gegen diese Methode auf: Schließlich darf vermutet werden, dass auch Hitchcock und Lynch ihren Freud ganz gut gelesen haben und das nachträgliche analytische Deutungsgeschäft somit nicht mehr herausbekommen kann, als die Regisseure sowieso schon längst gewusst und mitbedacht haben.Außerdem darf man sich fragen, warum ein Film wie ein Patient behandelt werden soll. Ist denn nicht der Wunsch nach möglichst lückenlosem Verstehen eines Kunstwerks in sich bereits ein zweifelhaftes Unterfangen?
Der Maharishi und die Popkultur
Hier würde der ansonsten wortkarge David Lynch ganz sicher zustimmen. Der Regisseur, Maler und Videokünstler sagt von sich selbst, kein Meister der Sprache zu sein, beschränkt sich weitgehend auf seine künstlerische Produktion, und hält sein deutungswütiges Publikum mit Kommentierungen des eigenen Werks kurz.Das hat sich nun in gewisser Hinsicht geändert. Und so wird sein neues Buch «Catching the Big Fish» zumindest jene erstaunen, die noch nicht wussten, dass Lynch seit mehr als dreißig Jahren ein treuer Anhänger des spirituellen Führers Maharishi Mahesh Yogi ist. Dieser vedische Gelehrte ist, wenn sein allgemein geläufiges Geburtsdatum stimmt, in diesem Januar 90 Jahre alt geworden, und er hat in den vergangenen vierzig Jahren bereits die Beatles, die Beach Boys und Donovan, aber auch Mia Farrow und Clint Eastwood um sich geschart.
Ohne den Maharishi wäre die Sitar nicht in der westlichen Popmusik angekommen und «Sergeant Pepper» nicht entstanden. Historisch betrachtet, kann sein Beitrag zur westlichen Popkultur kaum überbewertet werden.
Meditieren mit Doris Day
Die Methode, die durch den Maharishi in die Welt gesetzt wurde, nennt sich Transzendentale Meditation, und sie ist vermutlich bis heute so erfolgreich, weil sie eher auf pragmatische Anwendungen zielt als auf institutionellen Dogmatismus. Wer meditiert, sagt Maharishi, muss nicht zum Buddhisten werden. Er soll ruhig weiter seiner eigenen Religion anhängen – schließlich geht es dem Guru um Bewusstseinserweiterung abseits konfessioneller Zugehörigkeit.In seinem Buch schildert David Lynch, wie er 1973 durch seine Schwester zur Transzendentalen Meditation gekommen sei. Nachdem sie begonnen habe, diese Technik zu praktizieren, hätte sich ihre Stimme am Telefon auf einmal so ruhig und glücklich angehört. Und das war genau das, was ich wollte, sagt Lynch heute. Die Frau, die ihn kurz darauf in die Meditationspraxis einwies, habe übrigens ausgesehen wie Doris Day.
Je tiefer du tauchst
Wie aber passt der meditierende Lynch zur Gewaltsamkeit seiner Filme, warum zeigt ein ausgeglichener Künstler, wie in «Inland Empire» einer Frau ein Schraubenzieher in den Bauch gerammt wird? «In einer Geschichte», sagt Lynch dazu, «sind Angst, Schmerz und Depression schöne Dinge. Wenn ein Filmemacher oder Künstler aber selbst von ihnen besessen ist, werden sie zu Gift. Sie fesseln dann wie ein Schraubstock seine Kreativität.»Mit sich selbst in Frieden zu sein, ist für den Regisseur also nicht mit dem Malen pastellfarbener Berglandschaften identisch. Eher geht es darum, den Raum des Bewusstseins für eine Kreativität zu öffnen, die die Welt als alles, was der Fall ist, also gerade auch die schrecklichsten Bilder und Empfindungen, überhaupt zu fassen bekommt. Das Bewusstsein, so Lynch, ist wie ein See. Je tiefer du tauchst, desto größer werden die Fische, die du fängst.
Im weißen Raum
Oder derselbe Gedanke in eine andere griffige Metapher gekleidet: Wenn du mit einem Bewusstsein, so groß wie ein Golfball durch die Welt gehst, wirst du von einem Buch auch nur golfballgroße Erkenntnisse erwarten können. Du wirst beim Blick aus dem Fenster einen Golfball von einer Welt sehen, beim Aufwachen eine golfballgroße Wachheit haben und schließlich vielleicht golfballgroße Glückszustände erleben.Ganz technisch erklärt Lynch, wie er seinen Wahrnehmungsraum durch Meditation erweitert hat, und durch sie Zustände höchster Konzentration hergestellt hat. Im so genannten «White Room», sagt Lynch, einem Raum zwischen Wachen und Schlafen, stellen sich die Dinge in größter Klarheit dar. Es geht dem Künstler dann nur darum, sie auch zu begreifen – oder eben zu Fangen wie einen Fisch.
Mehr als ein Gedanke
Wenn man dem Regisseur glauben möchte, entstehen seine Filme aus solchen Momenten, in denen seine Aufmerksamkeit sich öffnet, als hielte er eine Angel ins Wasser. Er fängt dann drei oder vier Fische, also ein abgeschnittenes Ohr im Gras, Bobby Vintons Version des Songs «Blue Velvet», rote Lippen und eine grüne Wiese – und der übrige Film setzt sich von selbst zusammen.Man muss David Lynchs esoterische Praktiken nicht belächeln. Seine Erläuterungen dazu hören sich nicht mehr oder weniger banal an als andere esoterische Literatur auch. Was sie über den Filmemacher und sein Werk am Ende sagen, sei dahingestellt. Auch muss sich niemand vor dem Kinobesuch beim nächstgelegenen Zentrum für Transzendentale Meditation anmelden.
Wenn die Philosophie des Regisseur aber nicht nur einen Effekt aufs Filmemachen, sondern aber auch aufs Filmesehen haben sollte, dann vielleicht diesen: sich vom Krampf des permanenten Verstehenwollens zu lösen und den bewegten Bildern ganz einfach als das zu folgen, was sie sind. Dann kommt man der Idee eines Filmes unter Umständen näher als durch einen Gedanken über diesen Film. Eine Idee, sagt jedenfalls Lynch, ist mehr als ein Gedanke.
David Lynch: Catching the Big Fish. Meditation, Conciousness, and Creativity. Jeremy P. Tarcher / Penguin 2006, 178 Seiten, 15,70 Euro