Graumsamkeiten:
Der Grizzly Man: Vom Bären zerfleischt (II)
16.04.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Er bezeichnet sich als freundlichen Krieger, der sich den Bären zugesellt hat wie eine Blume auf der Mauer. Und formuliert gänzlich unverblümt sein hochgestecktes Ziel: einer von ihnen werden und am Ende gar das Leittier der Bären sein.
Wenn Treadwell zudem eine ökologische Mission anführt, die ihn zu den Bären gebracht hat er möchte die Tiere, wie er sagt, vor dem Zugriff der Wilderer beschützen zeigt Herzog, wie unsinnig solche Behauptungen sind. Wilderer gibt es nämlich in Alaska so gut wie nicht, und den Bären wäre am besten damit gedient, wenn man sie respektieren, das heißt in ihrem Territorium in Ruhe lassen würde. Trainiert man den Tieren eine Zutraulichkeit zum Menschen an, dann wird es ihnen im Kontakt mit bewaffneten Jägern nämlich nicht von Vorteil sein.
In gewissem Sinne mag diese Anverwandlung im Akt des Gefressenwerdens sogar geglückt sein. Treadwell verschwand im Schlund des Bären, wie einst der Heilige Jonas im Bauch des Wals. Er wurde aber nicht wieder ausgespieen, und was blieb, waren einige über die Wiese verteilte Körperteile, die zu Asche verbrannt an eben dieser Stelle später wieder ausgestreut wurden. Außerdem blieb eine noch immer funktionstüchtige Armbanduhr und ein Tondokument, das Herzog dem Zuschauer vorenthält und damit zum enigmatischen Zentrum seines eigenen Films macht.
Bären sind nicht süß. In ihren Augen, die umso kleiner wirken, je größer der Kopf herangewachsen ist, spiegelt sich kein Verständnis und keine Empathie für den Menschen. Auch umgekehrt ist weder Verständnis noch Empathie nötig. Bären und Menschen überleben, wenn die Grenze zwischen ihnen geachtet wird.
Oder sie sterben wie der rührselige Treadwell ein erwachsener Mann, der noch in der weitesten Wildnis Alaskas einen alten Stoffteddy mit in den Schlafsack nimmt. Was sagt uns Eisbär Knut? Lächeln seine Augen in dem noch so kleinen Kopf? Leitet er eine Schule des Herzens? Er leitet eine Schule des Todes.
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