Graumsamkeiten:
Der Grizzly Man: Vom Bären zerfleischt (II)
16. Apr 2007 08:27
 |  Besser auf Distanz bleiben! | Foto: Verleih |
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Treadwell musste für seinen Traum vom Bären-Menschen mit dem Leben bezahlen. Zweiter Teil des Artikels zum Dokumentarfilm von Werner Herzog.
Timothy Treadwell wusste, in welche Gefahr er sich begab, er wusste, dass ihn die Bären zerfleischen konnten, und schließlich wusste er auch, dass es genau so kommen würde. Er hat, pathetisch gesagt, einen Traum gelebt und diesen mit dem Leben bezahlt. Man kann aber auch sagen, dass er zur fetten Beute seines eigenen Wahnsinns geworden ist.
Respekt ist etwas anderes
In beinahe jedem seiner kurzen Filme betont Treadwell, der zumeist in unmittelbarer Nähe majestätisch träger Grizzlys zu sehen ist, auch selbst, wie groß die Gefahr ist, in die er sich begibt, aber auch, dass er – und eben nur er – die Körpersprache der Bären so genau kennt, dass es ihm nun schon seit vielen Jahren durch die richtigen Bewegungen gelungen ist, die verhängnisvolle Attacke zu vermeiden.Er bezeichnet sich als freundlichen Krieger, der sich den Bären zugesellt hat wie eine Blume auf der Mauer. Und formuliert gänzlich unverblümt sein hochgestecktes Ziel: einer von ihnen werden und am Ende gar das Leittier der Bären sein.
Wenn Treadwell zudem eine ökologische Mission anführt, die ihn zu den Bären gebracht hat – er möchte die Tiere, wie er sagt, vor dem Zugriff der Wilderer beschützen – zeigt Herzog, wie unsinnig solche Behauptungen sind. Wilderer gibt es nämlich in Alaska so gut wie nicht, und den Bären wäre am besten damit gedient, wenn man sie respektieren, das heißt in ihrem Territorium in Ruhe lassen würde. Trainiert man den Tieren eine Zutraulichkeit zum Menschen an, dann wird es ihnen im Kontakt mit bewaffneten Jägern nämlich nicht von Vorteil sein.
Die Uhr tickt noch
Am Ende ist Treadwells Mission eine zutiefst persönliche. Die Bären, sagt der ehemalige Alkoholiker und Junkie, haben seinem Leben einen neuen Sinn gegeben. Die Bären haben ihm ein einfacheres Leben gezeigt, als er es unter zivilisierten Umständen kannte. Die Bären machen ihn vergessen, wie demütigend es gewesen ist, von Frauen zurückgewiesen zu werden. Die Bären sind die besseren Menschen. Und daher will Treadwell selbst zum Bären werden.In gewissem Sinne mag diese Anverwandlung im Akt des Gefressenwerdens sogar geglückt sein. Treadwell verschwand im Schlund des Bären, wie einst der Heilige Jonas im Bauch des Wals. Er wurde aber nicht wieder ausgespieen, und was blieb, waren einige über die Wiese verteilte Körperteile, die – zu Asche verbrannt – an eben dieser Stelle später wieder ausgestreut wurden. Außerdem blieb eine noch immer funktionstüchtige Armbanduhr und ein Tondokument, das Herzog dem Zuschauer vorenthält und damit zum enigmatischen Zentrum seines eigenen Films macht.
Teddy im Schlafsack
Als Treadwell und Huguenard vom Bär zerfleischt wurden, lief nämlich die Kamera, und sie zeichnete nur deshalb keine Bilder auf, weil man die Objektivkappe nicht rechtzeitig abgenommen hatte. Dieser Ton ist im Film nicht zu hören, aber es ist zu sehen, wie Herzog sich das Band über einen Kopfhörer zum ersten und einzigen Mal anhört. Die Schreie von Huguenard und Treadwells Stöhnen – alleine der Gesichtsausdruck des Regisseurs bezeugt die Wirkung dieses bilderlosen Snuff-Movies.Bären sind nicht süß. In ihren Augen, die umso kleiner wirken, je größer der Kopf herangewachsen ist, spiegelt sich kein Verständnis und keine Empathie für den Menschen. Auch umgekehrt ist weder Verständnis noch Empathie nötig. Bären und Menschen überleben, wenn die Grenze zwischen ihnen geachtet wird.
Oder sie sterben wie der rührselige Treadwell – ein erwachsener Mann, der noch in der weitesten Wildnis Alaskas einen alten Stoffteddy mit in den Schlafsack nimmt. Was sagt uns Eisbär Knut? Lächeln seine Augen in dem noch so kleinen Kopf? Leitet er eine Schule des Herzens? Er leitet eine Schule des Todes.
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