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Grausamkeiten: 

Der Grizzly Man: Vom Bären zerfleischt

16. Apr 2007 08:26
Nur bedingt sein Freund: der Bär hinter Timothy Treadwell
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Sind Bären süß? Das finden Knut-Fans, und das fand auch Timothy Treadwell. Wie er dafür mit dem Leben gezahlt hat, zeigt ein Dokumentarfilm von Werner Herzog. Ronald Düker hat ihn gesehen.

Hirnrissig zu glauben, man könne ein Tierjunges analog zu einem menschlichen Neugeborenen betrachten, ihm dessen Attribute anheften und so das Mitgefühl der Massen mobilisieren.

Die Menschen tun es aber, Knut gilt als «süß», und die Berliner «BZ» behauptete kürzlich in einer Bildunterzeile, dass hier Knuts erstes Lächeln zu sehen sei. Natürlich wird auch dem Leser von Boulevardzeitungen dämmern, dass Eisbären nicht lächeln. Sie müssen, das hat man seit einem Deutsche-Welle-Schlager der Band Grauzone im Ohr, ja auch nie weinen.

Der dreizehnte Sommer

Knut ist aber auch deshalb so populär, weil er ein für den Menschen noch harmloses Entwicklungsstadium einer ansonsten gar nicht harmlosen Spezies vor Augen führt. Eisbären gelten als die gefährlichsten Tiere der Welt, und als gefährlich gelten auch ihre nächsten Artgenossen - siehe Bruno, den Problembär, der bekanntlich abgeschossen wurde, weil man ihn ihm eine lebensbedrohliche Gefahr für den Menschen sah.

Es scheint also genau der richtige Moment zu sein, an das grausige Schicksal des Amerikaners Timothy Treadwell zu erinnern. Didaktisch wie eine Fabel führt seine Geschichte vor Augen, wie fatal es sein kann, wenn sich der Mensch vom Menschen ab und zum Tier hinwendet, um dieses wiederum mit dem besseren Menschen zu verwechseln. Genau das hat Treadwell nämlich getan und dreizehn Sommer lang mit Grizzly-Bären in Alaska gelebt.

Ein Liebestod

Dort missachtete er eine ganze Reihe von Vorschriften der von ihm gehassten Naturparkverwaltung, unter anderem die, zu den wild lebenden Grizzlys stets einen Abstand von mindestens hundert Metern einzuhalten. Treadwell wollte stattdessen ganz nah bei seinen geliebten Tieren sein. Er sprach mit ihnen und berührte sie.

In unerbittlicher Folgerichtigkeit wurde er gemeinsam mit seiner Freundin Amie Huguenard, die ihn auf seiner letzten Expedition im Jahr 2003 begleitete, von einem hungrigen Bären zerfleischt. Zumindest, was Treadwell betrifft, kann man dieses Ende als einen Liebestod begreifen – ein Selbstopfer als Konsequenz einer bizarr übersteigerten und letztlich unerwiderten Liebe zum gefährlichen Tier.

Ein Draht zu Kindern

Treadwells treuester Begleiter war stets eine stativgestützte Kamera, mit der er in Eigenregie alleine in seinen letzten fünf Jahren über 100 Stunden Videomaterial produzierte. Filme, die er in den expeditionsfreien Monaten vor Schulklassen präsentierte, denn zu Kindern hatte Treadwell einen besonders guten Draht.

Dass diese Filme nun auch einer größeren Öffentlichkeit zugänglich geworden sind, ist dem Regisseur Werner Herzog zu verdanken, der schließlich nicht nur große Spielfilme, sondern schon seit den frühen siebziger Jahren immer wieder auch Dokumentarfilme gedreht hat. «Grizzly Man» entstand im Jahr 2005, wurde auf mehreren internationalen Festivals gezeigt, kam aber ausgerechnet in der deutschen Heimat des Regisseurs überhaupt nirgends ins Kino. Dafür ist der Film nun immerhin als DVD erhältlich.

Des eigenen Wahnsinns fette Beute

Warum der exzentrische Treadwell die Aufmerksamkeit des nicht minder exzentrischen Herzog überhaupt auf sich gezogen hat, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Bei aller offenkundigen Faszination halten sich die Sympathien des Meisterregisseurs für den filmischen Autodidakten nämlich in Grenzen. Es kommen ehemalige Freunde und die Eltern Treadwells zu Wort, Helikopterpiloten, Naturschützer und Zoologen – und, ob nun gehässig gemeint oder nicht, lässt sich doch aus beinahe allen ihrer Statements derselbe Tenor heraushören: Treadwell hat bekommen, was er verdiente.



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