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Garri Kasparow: 

Kasparow geht in die Offensive

08. Apr 2007 09:11
Garri Kasparow
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Das «Biest von Baku» nannte man Garri Kasparow. Ronald Düker schildert, wie der ehemalige Schachweltmeister heute gegen Wladimir Putin kämpft.

Kann sich irgendwer vorstellen, dass Henry Maske nun in die Politik geht? Immerhin hieß es doch, dass er Virgil Hill nur deshalb so erfolgreich verprügeln konnte, weil er ein strategisches Genie sei und als solches den entscheidenden Kampf – nämlich den im Kopf – gewonnen habe.

Und hat sich nicht etwa Arnold Schwarzenegger als Bodybuilder und Schauspieler noch viel weniger als Intelligenzbestie erweisen müssen, bevor er schließlich zum Gouverneur von Kalifornien gewählt wurde?

Der Schah ist der Zar

Nein, keine Sorge – ein ehemaliger Berufsboxer wird hierzulande so schnell keiner Merkel und keinem Steinmeier den Job abspenstig machen, sei die Politikverdrossenheit auch noch so groß. In Russland hingegen hat ein anderes strategisches Genie den Quereinstieg in die Politik längst vollzogen. Die Rede ist von Garri Kasparow, der mit 22 Jahren zum ersten Mal Schachweltmeister wurde und als einer der größten Meister des königlichen Brettspiels überhaupt gilt.

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Noch vor seinem endgültigen Rückzug vom Schach war er im Januar 2004 Mitbegründer des «Komitee 2008», einer Bürgerrechtsbewegung, die sich freie und faire Wahlen, das Ende der staatlichen Zensur und nicht zuletzt die Demontage des herrschenden politischen Regimes auf die Fahnen geschrieben hat.

Nun ist Schach im Vergleich zum Boxen zweifellos das komplexere Spiel, es ist aber auch ein Kampf Mann gegen Mann, und hat die abschließende Vernichtung des Gegners zum Ziel. Das Wort Schachmatt leitet sich vom persischen 'as-sah mata' ab, was so viel bedeutet wie 'der Schah ist Tod'. In Russland ist der Schah der Zar – und Zar, das ist nicht erst der Beiname des Präsidenten Putin, seitdem dieser sich einen Zarenpalast aus dem 18. Jahrhundert als Residenz hergerichtet hat.

In Putins Taschen

Kasparow, der am Schachbrett für sein temporeiches und aggressives Spiel bekannt war, geht auch politisch mutig in die Offensive. In einem Interview, das er der Londoner «Times» dieser Tage gab, bezeichnet er Putin als korrupten wie skrupellosen Oligarchen. Der Fall Khodorkowski, sagt Kasparow, hat gezeigt, dass Putin in der Lage ist, jeden Dollar-Milliardär, der seinen eigenen Geschäftsinteressen in die Quere kommt, innerhalb von 24 Stunden ins Gefängnis stecken zu lassen.

Und da diese Geschäftsinteressen über alles andere gehen, kann Putin sich je nach Bedarf als Liberaler oder als Nationalist gebärden. So erklärt Kasparow auch, dass der russische Präsident Syrien und Iran unterstützt: Nur eine angespannte weltpolitische Lage hält die Ölpreise hoch. Und hohe Ölpreise spülen Geld in Putins Taschen.

Hühnerbeine gegen Demokraten

Als Schattenseite dieses Gebarens macht Kasparow die Ausbeutung des russischen Volkes aus: «In Yakutsk,» sagt er, «gibt es Diamanten, Gold, Kohle, aber hundert Meter links und rechts davon keine Straßen. Und in der Mitte dieses totalen Elends steht ein Fünf-Sterne-Hotel. Es ist wie in der Dritten Welt. In meinem Land sind die Ausgaben nationalisiert, die Profite aber privatisiert. Das Gas wird als ein staatliches Monopol in die Pipeline eingespeist und kommt als privater Profit wieder heraus.»

Wie die Ermordung von Anna Politkowskaja im letzten Oktober gezeigt hat, ist schon das bloße Formulieren solcher Erkenntnisse in Russland derzeit eine lebensgefährliche Angelegenheit. Und Kasparow kann sich daher nicht darauf verlassen, dass es bei Beschimpfungen gegen ihn bleibt. Oder bei Aktionen, wo er und andere Regierungskritiker bei einer Kundgebung am vergangenen Samstag von Mitgliedern der putintreuen Jugendbewegung mit Hühnerbeinen beworfen wurden. Im Unterschied zu Politkowskaja hat Kasparow bewaffnete Leibwächter angeheuert und fühlt sich daher vor unmittelbaren Mordattacken relativ sicher.

Kein Drink bei Aeroflot

Größer ist hingegen seine Angst vor Giftattentaten, wie dem, das den ehemaligen KGB-Agenten Litwinenko im November das Leben kostete. Wie Kasparow der «Times» gegenüber bekennt, vermeidet er daher Flüge mit der staatlichen Gesellschaft «Aeroflot», wenn diese aber unumgänglich sind, rührt er an Bord weder Speisen noch Getränke an. Kasparow ist im Übrigen davon überzeugt, dass hinter der Ermordung Litwinenkos zwar nicht Putin persönlich, so aber doch Funktionäre aus dem engsten Umfeld des Präsidenten verantwortlich sind. Leute, die Putin täglich zu Gesicht bekommt.

Kürzlich war Kasparow auf der Leipziger Buchmesse zu Gast, wo er sein Buch «Strategie und die Kunst zu leben» vorstellte. Darin unternimmt er den Versuch, der Kunst des Schachspiels einen Nutzen für das Verhalten im Alltag abzugewinnen. Andererseits will es das Schachgenie aber mit der Analogie zwischen Spiel und Leben nicht übertreiben. «Wer die Fähigkeit besitzt, Schach zu spielen», sagt Kasparow, «besitzt zunächst einmal nur die Fähigkeit, Schach zu spielen.» Wer also zu einer weitläufigen Antizipation komplexer Spielentwicklungen in der Lage ist, hat damit noch lange keine politische Weitsicht eingeübt.

Die Russen kommen

Dass Kasparow sich wie in Leipzig unbehelligt an eine deutsche Öffentlichkeit wenden durfte, ist übrigens leider keine Selbstverständlichkeit. Im letzten Dezember war der Schachspieler zu einer Sabine-Christiansen-Talkshow eingeladen, die unter dem Motto «Die Russen kommen» die demokratischen Verhältnisse in Russland diskutierte und dabei unter anderem den Fall Litwinenko zur Sprache brachte. Kasparow wurde aber kurzfristig wieder von der Teilnahme an dieser Sendung ausgeladen, was größere Proteste nach sich zog, unter anderem von dem WDR-Intendanten Fritz Pleitgen. Ganz offen wurde darüber spekuliert, dass sich die Sendeanstalt mit dieser Absage politischem Druck gebeugt hatte.

Seiner Spielweise und seines Geburtsortes wegen hat sich Kasparow einst den Beinamen «Biest von Baku» eingehandelt. Ob seine Bürgerrechtsbewegung dazu beitragen kann, den Zaren Putin Matt zu setzen, und wie viele Züge sie dazu braucht – das hängt von der demokratischen Kultur ab, die in Russland noch verblieben ist. Aber auch davon, ob man ihr im Ausland nicht zumindest eine Stimme geben will. Und zwar entgegen den ganz handfesten eigenen politischen und wirtschaftlichen Interessen.

 
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