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Alkohol-Debatte: 

Komasaufen - nein, danke!

01. Apr 2007 09:38
Nicht einfach runtersaufen, bitte
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Trinken will gelernt sein. Der US-amerikanische Autor Frank Kelly Rich kennt tausend Tipps und Tricks für den modernen Trinker, Maik Söhler hat sich schlau gemacht.

52 Tequila hintereinander. Zusammenbruch. Vier Wochen im Koma. Und nun ist er tot. Ein 16-jähriger Berliner Schüler hat ein Trinkgelage mit dem Leben bezahlt. Weitere, zum Glück nicht tödliche Fälle, sind in den letzten Wochen bekannt geworden. Über «Komasaufen» und «Flatrate-Party» wird heftig diskutiert. Die Politik denkt über Verbote für unter 18-Jährige nach.

Was bringen Alkoholverbote?

Aber machen Verbote den Alkohol nicht noch interessanter? Wie war das gleich in den USA in der Prohibitionszeit (1912-1932), als der Handel und Konsum von Alkohol gesetzlich verboten war? Zwar sank der Konsum damals nachweislich. Doch der drastische Anstieg der Kriminalität durch die nicht selten bewaffnet ausgetragene Konkurrenz bei der Herstellung, dem Schmuggel und dem Verkauf von Alkohol führte schließlich zum Ende des Verbots. Anders gesagt: Ohne Prohibition hätte Al Capone keine Chance gehabt, und das Ende der Prohibition bedeutete auch den Anfang vom Ende Capones.

Und machen Verbote den Alkohol für Jugendliche nicht noch interessanter, weil zum von der Werbung versprochenen Genuss- und Entspannungsversprechen auch noch der Reiz des Verbotenen hinzukommt? Besser also, pragmatisch an die Sache heranzugehen.

Hier kommt Frank Kelly Rich ins Spiel. Der US-Amerikaner (Jahrgang 1963) ist Gründer und Herausgeber des vierzehntägig erscheinenden Hochglanzmagazins «The Modern Drunkard». Die Auflage des in einer 50er-Jahre-Ästhetik gehaltenen Magazins liegt derzeit bei 50.000 Exemplaren, ein Magazin für den stilvollen Trinker. Und das Beste daraus findet sich seit der vergangenen Woche in einem Buch wieder. «Die feine Art des Saufens» heißt es und ist ein «Handbuch für den modernen Trinker».

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Man könnte Rich zum Propagandisten des Vollrauschs machen und ihm zumindest eine Mitschuld am «Komasaufen» zuweisen. Doch das ist ungerecht. Rich schreibt darüber, wie man das Trinken - das bei ihm durchaus auch mal den Charakter eines whiskyglasfesten Besäufnisses annehmen kann - erlernt und beherrscht. Am Chaos des Tresens plädiert er für die strikte Einhaltung von Regeln. Wo sich andere in kürzester Frist um die Besinnung trinken, setzt er eher auf die mittlere und längere Distanz und betont dabei vor allem den kontinuierlichen Rausch.

Das Buch beginnt mit «77 Säuferregeln». Die wichtigsten dieser Regeln lauten:

– Niemals einem Barkeeper sagen, er habe Ihren Drink zu stark gemacht

– Besoffen zu sein, heißt, sich eloquent zu fühlen, ohne es aussprechen zu können

– Wenn unklar ist, was wem gehört, ist das vollste Bier immer das Ihre

– Sie werden all diese Regeln nach dem fünften Drink vergessen.


Es folgen «33 Dinge, die jeder Säufer einmal getan haben sollte», «Benimmregeln für Betrunkene», «22 Anzeichen dafür, dass Sie ein Säufer sein könnten», ein praktischer Ratgeber für ein komplett durchsoffenes Wochenende, Verhaltens- und Argumentationsstrategien gegen Abstinenzler und und und. Mit einer «Geschichte der Menschheit und ihres treuesten Begleiters» (der natürlich der Alkohol ist) geht das Ganze schließlich zu Ende.

Der moderne Trinker

Man muss nicht jedes der Kapitel aus dem Buch mögen. Eine ganze Reihe von Richs Vorschlägen sind Schenkelklopfer und wirken mackerhaft, selbstverliebt und sogar bierselig. Aber selbst bei nüchterner Lektüre wird klar, dass der Umgang des Autors mit dem Alkohol von einer grandiosen Weitsicht geprägt ist. Das liegt an zwei Faktoren: Normalität und Leidenschaft.

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Für Rich ist der Alkoholgenuss so selbstverständlich wie Zähneputzen oder Schlafengehen. Das ist eine für die derzeitige «Komasaufen»-Debatte wichtige Aussage, bedeutet sie doch: Nicht jeder Schnaps muss heute getrunken werden. Morgen und übermorgen wird bestimmt auch wieder Durst da sein.

Und was die Leidenschaft angelangt: Mit einem Bier sollte man sich intensiver beschäftigen als mit einer Tube Zahnpasta. Und ein Tresen samt Belegschaft verlangt mehr Aufmerksamkeit als ein Bett.

Auch aus diesem Aspekt kann man eine Erkenntnis für den richtigen Umgang mit Alkohol gewinnen. Wer den Schnaps, den Wein oder das Bier behutsam, umsichtig und genussvoll behandelt, den behandelt das Getränk im Gegenzug ebenso. Naja, beinahe. Und wenn es mal nicht so sein sollte, gilt eben Säuferregel 30 - «Lernen Sie Ihre Kater zu schätzen. Wenn danach alles eitel Sonnenschein wäre, könnte jedes Weichei saufen.»

Leidenschaftliches Trinken

Bleibt das Kapitel «Filmriss am Wochenende», eine Art Gebrauchsanleitung für einen mehrtägigen Totalabsturz, mit dem missverständlichen Unteritel «Erobern Sie sich das Wochenende zurück, indem Sie sich das Hirn wegsaufen». Gemeint ist damit nicht, sich auf die denkbar schnellste Weise ins Delirium zu rüsseln, sondern über Tage so zu trinken, dass an die sonst üblichen Zwänge von Arbeit, Beziehung und Freizeitstress kein Gedanke verschwendet wird.

So verstanden, findet man in Richs Buch ein Gegenentwurf zum jugendlichen Kampftrinken auf der Flatrate-Party. Rich zeigt, wie man durch kultiviertes Trinken die so oft verschüttete Qualität des eigenen Lebens zurückgewinnen kann. Komasaufen? Nein, danke.

Frank Kelly Rich: Die feine Art des Saufens. Ein Handbuch für den modernen Trinker. Deutsch von Gunter Blank. Tropen-Verlag, 2007. 202 Seiten. 14,80 Euro.


 

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