netzeitung.deBestseller über Deutschenhass entzweit Dänen

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Knud Romer (Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH)

Lupe Knud Romer
Quelle: Deutsche Presse-Agentur GmbH

«Tyskerhad» ist der in Dänemark seit Hitler jedem geläufige Ausdruck für «Deutschenhass». 62 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Begriff durch einen aktuellen Anlass wieder im Gespräch.

Ein literarischer Beststeller hat in Dänemark den Begriff «Deutschenhass» (Tyskerhad) aus der Mottenkiste geholt.

Knud Romer, 1960 geborener Romanautor und Sohn eines dänisch-deutschen Elternpaares aus dem Provinzstädtchen Nykøbing, schildert in seinem mit mehreren Preisen ausgezeichneten und kommerziell höchst erfolgreichen Erstlingswerk «Wer blinzelt, hat Angst vor dem Tod» («Den som blinker, er bange for døden») seine Kindheit als Albtraum aus nur einem Grund: Weil die Mutter Deutsche war. Andere Zeitzeugen werfen dem Autor Fantasiegespinste vor.

Beim Bäcker in Nykøbing auf Falster, so ist bei Romer zu lesen, gab es für den kleinen Knud und seine Mutter auch in den sechziger Jahren nur vergammelte Brötchen, saure Milch und ranzige Butter, dafür aber alles zum doppelten Preis. Klassenkameraden machten Knuds Kindergeburtstage zur Hölle für den Gastgeber, weil seine Mutter deutsche statt dänische Spiele spielen ließ. Generell wird die Familie als total isoliert, ausgegrenzt und ständig gemobbt auch noch bis in die siebziger Jahre geschildert, und der Grund ist immer eindeutig: Tyskerhad.

Offene Briefe und Interviews
Das alles lasen auch die im Buch mit ihren wirklichen Vornamen genannten Klassenkameraden sowie Ex-Freunde und Freundinnen und auch Lehrer aus Nykøbing. Einer nach dem anderen schrieben sie «Offene Briefe» und gaben Interviews, wonach Kindheit und Jugend des Autors wie auch das soziale Leben seiner angeblich als «Hitler-Weib» angegifteten deutschen Mutter freundlich, harmonisch und alles in allem völlig normal verlaufen seien.

«Knuds Geburtstagsfeste waren die besten von allen in der Klasse und unglaublich populär» wundert sich der einstige Schulfreund Jørn Overgaard. Da alle Beteiligten in Romers Roman mit ihren richtigen Namen angeführt seien, müsse man wohl historische Genauigkeit verlangen, auch wenn unter dem Buchtitel «Roman» stehe. Eine derart brutale Ausgrenzung gegenüber «Tyskersvin» («Deutschenschweinen») sei bis Ende der fünfziger Jahre, keinesfalls aber in der von Romer bis 1975 beschriebenen Periode wahrscheinlich oder in der beschriebenen Form auch nur denkbar gewesen, meinten viele ältere Dänen.

Fiktion - oder nicht?
Romer selbst, bisher in seinem Land als professioneller Reklamemann und wortgewaltiger Mitwirkender in unterhaltsamen TV-Shows schon recht bekannt, hatte zunächst bei der Vorstellung seines ersten Romans in Nykøbing noch betont, es handele sich hier eindeutig um «Fiktion». In späteren Interviews aus der hundert Kilometer entfernten Hauptstadt Kopenhagen aber lautete die Autorenbotschaft an die Leserschaft doch recht eindeutig: So und nicht anders habe er es selbst erlebt. Und freimütig bekannte er, dass er bei Medienauftritten seine Aussagen immer ganz gerne den jeweiligen Bedürfnissen anpasse.

Die konservative Tageszeitung «Berlingske Tidende» sah in einem Leitartikel den Hintergrund auch in dem aus Reklamezwecken inszenierten Rummel um das Buch: «Vielleicht liegt es am allgemeinen Hunger nach einer literarischen Realityshow, dessen Risiko Autor und Verlag nicht ganz durchschaut haben.»

In der allgemeinen Aufregung um das Thema Deutschenhass untergegangen sind andere literarisch interessante und historisch komplizierte Aspekte des Buches: So schildert Romer die enge Beziehung seiner Mutter zu ihrem früheren Jugendfreund Horst Heilmann und dessen 1944 in Berlin-Plötzensee hingerichteten Mitstreitern aus der Widerstandsgruppe «Rote Kapelle». (dpa)