13. Feb 2007 10:54
Seine Frachter sollen bald auch von Drachen übers Meer gezogen werden. Unternehmertum, Ökobewusstsein und soziales Engagement sind für Reeder Niels Stolberg keine Widersprüche, wie er Netzeitung.de sagt.
Sein Unternehmen beschäftigt 250 Mitarbeiter an Land und 1200 auf See sowie eine Flotte von 31 Spezialschiffen. Beluga Shipping verfügt weltweit über Niederlassungen in den Niederlanden, USA, Brasilien, China, Indien, Japan und Singapur. Der 46-jährige Vater von drei Töchtern wurde 2006 zum «Entrepreneur des Jahres» gewählt.Demnächst stellt der gelernte Kapitän und studierte Diplom-Wirtschaftsingenieur das erste Frachtschiff mit einem revolutionären Hybridantrieb aus Dieselmotor und Wind in Dienst. Seine «Beluga School for Life» für Tsunamiopfer in Thailand wiederum wurde soeben im Wettbewerb «Deutschland – Land der Ideen» zu einem der 365 Orte gewählt, die der Öffentlichkeit als besonders innovativ und zukunftweisend vorgestellt werden sollen.
Die Schule ist jedoch nur eines von zahlreichen Projekten, die Stolberg unterstützt. Netzeitung.de sprach mit Stolberg über das schlechte Beispiel vieler deutscher Manager und den Zusammenhang von Unternehmertum, Kreativität und sozialem Engagement.
Netzeitung: Sie sind ein höchst erfolgreicher Unternehmer, der aus einer sozial und politisch engagierten Familie stammt und auch heute noch entsprechend handelt. Das entspricht nicht den gängigen Vorstellungen.
Stolberg: Ich habe schon als Kind einen florierenden Handel mit den Äpfeln aus unserem großen Garten betrieben. Ich habe ständig irgendwelche unternehmerischen Ideen entwickelt. Da widerspricht sich doch nichts!
Netzeitung: Anders gefragt: Hat Ihr soziales Engagement etwas mit Ihrer Auffassung von Unternehmertum zu tun?
Stolberg: Aber ja! Vielleicht sogar ganz besonders! Ich sehe mit größtem Unbehagen, was an den Spitzen vieler großer deutscher Unternehmen vorgelebt wird! Das hat ja auch etwas mit dem Umgang mit den eigenen Mitarbeitern zu tun.
Ein guter Unternehmer zeichnet sich in meinen Augen dadurch aus, dass er über die marktwirtschaftlichen Aspekte und Profitmaximierung hinaus auch einen scharfen Blick für die Welt und die Menschen um sich herum hat.
Ich kann gesellschaftliche Entwicklungen nicht einfach nur zur Kenntnis nehmen, sondern will im Rahmen meiner Möglichkeiten mitgestalten. Ich finde, dass ein guter Unternehmer sich für Vorhaben einsetzen sollte, die Schwächeren zu Gute kommen, und ihnen Zukunftsperspektiven schaffen.
Netzeitung: Haben Sie sich schon immer gesellschaftlich engagiert?
Niels Stolberg: Ich bin zu sozialer Verantwortung erzogen worden. Während der Schulzeit war ich Klassensprecher und später als Student war ich auch im Asta aktiv.
Netzeitung: Waren sie ein Rechter oder ein Linker?
Stolberg: Ein Realo. In keiner Partei.
Netzeitung: Was ist Ihr Antrieb?
Stolberg: Ich komme aus einem Umfeld, in dem man sich einmischt. Insbesondere meine Mutter hat mich in dieser Hinsicht sehr geprägt. Sie ist Buchhändlerin und immer ungeheuer engagiert.
Ich stamme aus Brunsbüttel, es war die Zeit der Anti-Atomkraftbewegung, des Nato-Doppelbeschlusses, der Ostermärsche. Sagt Ihnen das etwas: «Kindheitsmuster»? Von Christa Wolf?
Ich habe immer schon das Thema Nationalsozialismus verstehen wollen. Meine Eltern haben immer offen darüber mit mir diskutiert, aber meinen Großeltern war es unangenehm. Dann kam irgendwann Goldhagens «Hitler’s Willing Executioners» heraus. Es wirkte wie eine Offenbarung für mich. Ich fing an zu verstehen.
Netzeitung: Sie unterstützen in Ihrem thailändischen Projekt «Beluga School for Life» ein ganz bestimmtes pädagogisches Konzept.
Stolberg: Damit die Kinder später als Erwachsene nicht zurück fallen in den Teufelskreis der Armut, sollen sie zu Kreativität und Eigenverantwortung angespornt werden. Das geschieht in werkstattähnlichen, so genannten Lernorten. Das Lernen orientiert sich also nicht, wie allgemein üblich, an Schulfächern. Vielmehr wird Wissen in der konkreten Projektarbeit und auf eher spielerische Weise vermittelt.
Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Förderung von unternehmerischem Denken und Handeln. Das sind z.B. Internationale Kommunikation, ökologische Landwirtschaft, kulturell sensitiver Tourismus, Ernährung und Gesundheit, Körper und Seele sowie Kultur und Entwicklung.
Netzeitung: In welche Richtung soll Ihr gesellschaftliches Engagement noch ausgebaut werden?
Stolberg: Im Moment fokussieren meine Aktivitäten sich auf die «Beluga School for Life», das Stipendiatenprogramm «Start» in Bremen für hoch begabte Zuwandererkinder, Stiftungsprofessuren für Elsfleth und Bremen für die nautischen Studiengänge und seit neuestem auch auf ein für mich neues, aber nicht minder wichtiges Projekt, nämlich mein Engagement als Botschafter für das Kinderhospiz Jona in Bremen.
Ich werde weiterhin Zeit und Geld in die Ausbildung junger Menschen investieren, da ich der Überzeugung bin, dass man den Nachwuchs bestmöglich fördern muss, damit in der Zukunft Höchstleistungen erbracht werden können.
Netzeitung: Was bedeuten Ihnen bei der Mitarbeiter-Rekrutierung die so genannten Soft Skills?
Stolberg: Es ist mir wichtig, dass jeder junge Mensch, der bei uns eine Ausbildung macht, sei es praktisch an Bord oder aber im Büro, über seine fachliche Qualifikation hinaus auch soziale Kompetenz lernt und vor allem leben lernt.
Netzeitung: Wie wirkt sich das im Firmenalltag aus?
Stolberg: Nun, am vergangenen Wochenende zum Beispiel war das gesamte Operations-Chartering-Team aus Bremen auf Spiekeroog zu einem Seminar. Bei solchen Mitarbeiter-Wochenenden kann es ganz schön zur Sache gehen. Hier kam gerade heraus, dass eine Abteilung sich von den Leuten aus dem Bereich, dem sie zuarbeitet, zu wenig beachtet fühlt.
So etwas kann ganz schnell zu schlechter Stimmung oder gar Mobbing-Situationen führen, wenn nicht darüber gesprochen und entsprechend entgegen gewirkt wird. Transparenz und gegenseitiger Respekt sind entscheidend für die positive Motivation der Mitarbeiter.
Unser Spirit ist geprägt von visionärem Denken und Handeln, Dynamik, kurzen Entscheidungswegen und letztlich dem Streben nach Erfolg, sowohl individuell als für das Unternehmen. Wir wollen den Spannungsbogen hochhalten. Niemand soll sich innerlich verabschieden.
Es gibt bei uns Rankings, zum Beispiel auch der Beliebtheit bei den Kollegen. Und es gibt zahlreiche finanzielle Anreize und ein Mitarbeiterbeteiligungssystem hier im Haus.
Netzeitung: Was geschieht denn mit dem Mitarbeiter, der letzter beim Beliebtheitsranking wird?
Stolberg: Der wird darüber nachdenken dürfen, wollen und sollen, wie er es ändern kann, um beim nächsten Mal mit einem besseren Rang versehen zu werden. So funktioniert das!
Netzeitung: Die meisten Ihrer Schiffe fahren unter der Billigflagge Antiguas. Nun haben einige Reeder beschlossen, wieder von billig auf Deutsch umzuflaggen.
Stolberg: Unsere Schiffe fahren unter unterschiedlichen Flaggen. Dazu gehört Antigua & Barbuda ebenso wie Gibraltar. All unsere Ausbildungsschiffe fahren unter deutscher Flagge mit Heimathafen in Elsfleth oder Bremen.
Wir haben im Zuge des Versprechens der deutschen Reederschaft an die Bundesregierung bei der 5. Nationalen Maritimen Konferenz Anfang Dezember einige Schiffe wieder zurückgeflaggt. Wir unterstützen diese Bewegung und tragen sie gern mit, auch wenn sich durch die Rückflaggung auch Kostennachteile und Herausforderungen bezüglich der Schiffsbesetzungsverordnung ergeben, die aus dem akuten Fachkräftemangel in der Seeschifffahrt her resultieren.
Netzeitung: Wie begegnen Sie dem Vorwurf von Gewerkschaften, auf unter Billigflagge fahrenden Schiffen herrsche für die Mannschaften «Manchester-Kapitalismus»?
Stolberg: Bei uns gibt es keinen Manchester-Kapitalismus! Unsere Crews werden nach Heuer-Tarifvertrag oder aber auch darüber hinaus bezahlt. Wir bieten großzügige Arbeitszeit- und Urlaubsregelungen an und zudem auch noch weitere Benefits wie zum Beispiel Fort- und Weiterbildungen in hausinternen Seminaren.
Ein nicht-deutscher Kapitän verdient bei uns genauso viel wie ein deutscher Kapitän. Gute Arbeit soll gut bezahlt werden und wird bei uns gut bezahlt!
Netzeitung: Sie sind der erste, der ein Schiff mit Hybridantrieb aus Wind und Diesel einsetzen wird. Dabei wird das Schiff von einem so genannten Drachen gezogen. Das klingt abenteuerlich.
Stolberg: Abenteuerlich nicht, aber innovativ! «SkySails» als zusätzliches Windantriebssystem für Frachtschiffe kann, abhängig vom Schiffstyp, den tatsächlichen Windverhältnissen und der erreichten Einsatzdauer, das heißt der Tage im Jahr, den Treibstoffverbrauch und damit die Bunkerkosten um bis zu 15 Prozent senken.
Unser Mehrzweck- Schwergutfrachter MS «Beluga SkySails» wird dabei von einem Zugdrachen, einem sogenannten Kite, gezogen. Damit wird der Frachter mindestens in derselben Zeit, jedoch erheblich günstiger und umweltfreundlicher ans Ziel kommen. Ich glaube an die Technologie und bin überzeugt, dass «SkySails» die Frachtschifffahrt revolutionieren wird.Netzeitung: Würden Sie ein solches Antriebssystem auch fördern, wenn es ausschließlich der Umwelt zugute käme?
Stolberg: Grundsätzlich habe ich eine sehr gesunde und umweltbewusste Einstellung. Dass mit dem «SkySails»-System schädliche Emissionen reduziert werden können, finde ich großartig, aber man darf auch den kaufmännischen und kommerziellen Aspekt dieses Projektes nicht vergessen. Am Ende des Tages muss auch eine Reederei das Geld verdienen, dass sie braucht, um wirtschaftlich agieren und am Markt erfolgreich zu sein.
Nur dann kann man die erwirtschafteten Erträge auch re-investieren, zum Beispiel in eine solch innovative Technologie. Für unsere Kapitäne gibt es übrigens ein Ranking für Treibstoffersparnis, das ihnen gute zusätzliche Prämien bringen kann und auch der Umwelt nützt.
Netzeitung: Wie kalkulieren Sie Risiken? Sind Sie sehr wagemutig?
Stolberg: Getreu dem Motto von Otto Rehhagel würde ich meine Strategie oder Art, Risiken zu kalkulieren auch als kontrollierte Offensive bezeichnen. Ich sehe mich selbst nicht als ausgesprochen wagemutigen Menschen, ganz im Gegenteil, ich erkenne Tendenzen im Markt, denen ich dann bestmöglich begegne.
Ich scheue das Risiko nicht, als Unternehmer steht das auch nicht zur Debatte, aber ich kalkuliere es eben vorab. Jeder Misserfolg, der einem widerfährt, ist eine Erfahrung, aus der man lernt.
Netzeitung: Kommt für Sie parteipolitisches Engagement in Frage? Gab es schon Angebote?
Stolberg: Ja, es gab schon Angebote. Und Nein. Ich habe keinerlei Intention, mich politisch zu engagieren, geschweige denn, mich einer Partei anzuschließen.
Netzeitung: Warum nicht?
Stolberg: Der Zeitaufwand eines politischen Engagements ist einfach zu hoch.
Netzeitung: Gibt oder gab es irgendjemand, dem Sie etwas beweisen wollen?
Stolberg: Nein.
Netzeitung: Glauben Sie, dass Sie Macht haben?
Netzeitung: Was denken Sie, wenn über Gutmenschen polemisiert wird?
Stolberg: Darauf habe ich keine Antwort ...
Mit Niels Stolberg sprach Sabine Pamperrien.