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John Peel: 

Gott war ein DJ

22. Jan 2007 07:39
Sheila und John Peel
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Was von der britischen Radiolegende John Peel übrig blieb: Musik, Musik und eine hübsche Autobiografie, die aber leider von seiner Ehefrau Sheila zuende geschrieben werden musste.

Von Maik Söhler

Immer wenn ich meinem Nachbarn begegne, muss ich anschließend mein Wahrnehmungsraster aus Vorurteilen und Urteilen, Ressentiment und Realitätssinn sowie Verständnis und dem Mangel daran überprüfen. Mein Nachbar ist nämlich Brite, und zwar ein typischer und untypischer Brite zugleich. Sie sehen, hier geht es schon los mit fragwürdigen Einschätzungen. Denn was ist an einer Nationalität schon typisch, was untypisch?

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Britische und deutsche Boulevardzeitungen machen es sich da leicht. Über lange Zeit haben «Sun» und «Daily Mirror» in den Deutschen nichts anderes als humorlose und vom Militär begeisterte Hunnen gesehen, die immer für einen Krieg gut sind, und wenn es wie in den letzten Jahrzehnten nur ein Handtuchkrieg auf Mallorca ist. Monty Pythons berühmtes «Don’t mention the war» war ein ironisch abgewandelter Ausdruck davon. Wie man hört, soll sich der Zuordnungsapparat seit der WM im letzten Jahr ein wenig zum Positiven verändert haben – zumindest bei den Briten.

Fußball und Pop

Auf der deutschen Seite hat sich «Bild» immer wieder auf solche Schlachten eingelassen und Bilder eines nicht weniger hässlichen Kollektivcharakters gezeichnet. Glaubt man dieser Zeitung, was man allerdings unter keinen Umständen tun sollte, so lebt auf der Insel ein Völkchen, das sich überwiegend von rohem Fleisch mit Pfefferminzsauce in Blätterteig und bis zur Unkenntlichkeit zerkochtem Gemüse ernährt. Aber eben auch eine Nation fußballverliebter Hooligans, die allerdings, immer wenn es drauf ankommt, gegen unsere Jungs verlieren. Und der Ball in Wembley – der war natürlich drin.

Zwar habe ich so nie über die Briten gedacht, und doch bin auch ich nicht vorurteilsfrei. Ich liebe britischen Pop, Fußball und Humor. Aus dem Humor und aus persönlichen Erfahrungen ist wohl meine Einschätzung gereift, dass manche Briten sehr förmlich und steif sind, dass sie erst nach ein paar Bier im Pub diese Steifheit ablegen und dass sie, zumindest darin, manchen Deutschen ähnlich sind. Für Fußball und Pop gilt diese Ähnlichkeit nicht – ein Vergleich etwa der entsprechenden Bücher Nick Hornbys mit denen von deutschen Autoren spricht Bände.

Das denkbar größte Unglück

Mein Nachbar hat mich lange in meinen Vorurteilen bestärkt. Er ist DJ und Musiker der Combo «The Tea Leaf Family», leidenschaftlicher Fan des FC Liverpool und unter Alkoholeinfluss taut er so richtig auf. Noch nie habe ich einen Menschen so glücklich erlebt wie diesen Nachbarn nach dem Sieg Liverpools über den AC Mailand im Champions-League-Finale von 2005. Und noch nie habe ich einen Menschen so traurig gesehen wie diesen Nachbarn Ende Oktober 2004. Gerade hatte er erfahren, dass John Peel am 26. Oktober im Peru-Urlaub an einem Herzinfarkt gestorben war.

John Peel, der eigentlich John Robert Parker Ravenscroft hieß, war meines Nachbars Gott. Auf der Straße erzählte er mir, dass nach dem Tode des Radiomoderators und DJs Peel die Welt der Musik eine andere sei. Und: Peel habe einmal in einer seiner berühmten Sessions in London einen von ihm, dem Nachbarn, produzierten Song gespielt. Eine höhere Auszeichnung für einen Musiker sei nicht denkbar.

Danken Sie den Musikern

Peel selbst, so erfahren wir nun aus dem jüngst auf Deutsch erschienen Buch «John Peel. Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt“, hätte das ganz anders gesehen. Entgegen dem reißerischen Superlativtitel des Buches - das zur Hälfte Autobiografie und zur anderen Hälfte Biografie ist, nach Peels Tod vollendete seine Ehefrau Sheila das Manuskript – präsentiert sich der DJ hier als leidenschaftlicher Musikliebhaber, der einfach nur jene Songs spielen will, die ihm gefallen und die seiner Meinung nach einem größeren Publikum einfach nicht vorenthalten werden dürfen.

Als besonders einflussreich scheint er sich jedenfalls nicht gesehen zu haben, im »Disc und Music Echo« von 1969 schreibt er an sein Publikum gewandt: »Dass Sie diese Musik zu hören bekommen und sich daran freuen können, haben Sie den Musikern zu verdanken, die sie machen – und nicht John Peel.«

Beiläufig über schlimme Erinnerungen

Bis etwa zur Hälfte des Buches erzählt John selbst. Über die Eltern, einen liberalen Soldatenvater, eine immer mehr zur Extrovertiertheit neigende Mutter und die zwei Brüder; über die als unbeschwert erlebte Kindheit auf dem Lande; über schlechte Schulen, dort erfahrene Züchtigungen von Seiten der Lehrer und sexuellen Missbrauch von Seiten der Mitschüler.

Er berichtet, wie er vergewaltigt wurde, und diese Erwähnung ist so beiläufig und unaufgeregt wie seine Ausführungen über schlechte Noten und miesen Schulsport. Spätestens hier wird klar, wie optimistisch Peel durchs Leben ging, wie wenig ihm Vergangenes und wie viel ihm Gegenwärtiges und Zukünftiges bedeutete.

White Stripes im Wohnzimmer

John erzählt chronologisch, aber unterbrochen von ständigen Ausflügen in seine DJ-Erlebnisse aus mehr als drei Jahrzehnten bei diversen Radiostationen. Auf die ersten musikalischen Erweckungserfahrungen durch Lonnie Donegan und Elvis folgen zeitlich wild durcheinander geworfene Konzert- und Sessionberichte, Highlights eigener Moderationen und Beobachtungen voller Hellsichtigkeit:

»Während ich mich vom Festival verdrückte, entwickelte ich meine provozierende Theorie, wonach Rockfestivals für die Nachkriegsgeneration einen Ersatz für den Militärdienst darstellen.«

Es geht drunter und drüber. Mal wird die eigene Wehrdienstzeit beleuchtet, mal ein Auftritt der Band White Stripes im eigenen Wohnzimmer nacherzählt, es verschlägt den jungen Ravenscroft in die USA, wo er heiratet und später in London wieder geschieden wird. Aber ganz gleich, was auch passiert, eines darf nie fehlen: der FC Liverpool.

Rot wie Wein, rot wie der FC

Peels Berichte über im Stadion oder zu Hause vor dem Fernseher erlebte glorreiche Siege und, häufiger, schmähliche Niederlagen, drücken sein lebenslanges Bekenntnis zu diesem Verein aus. Gleich mehrere seiner Kinder heißen mit drittem Vornamen Anfield, benannt nach Anfield Road, dem Stadion des FC. Bei seiner Hochzeit mit Sheila spielt die Orgel »You’ll never walk alone«, die Fanhymne des Vereins.

Im Epilog schließlich schildert Sheila, wie die gesamte Familie nach dem Tode Johns anlässlich des Champions-League-Sieges über Mailand, der auch meinen Nachbarn so aus dem Häuschen brachte, sein Grab mit Rosen in den Liverpooler Vereinsfarben schmückte und einen Fanschal um den Grabstein drapierte. Aber sie waren nicht die ersten, die den Verstorbenen in die Meisterfeier einbeziehen wollten. Vorher schon hatte jemand ein Glas Rotwein auf Johns Grab gestellt. Peel war leidenschaftlicher Rotweintrinker, und auch die Farbe des FC ist rot.

Heldenverehrung?

In den USA brechen Johns Erinnerungen ab, weiter ist er vor seinem Herzinfarkt nicht mehr gekommen. Den Memoiren in der Ich-Form folgt im zweiten Teil eine neue, von Sheila verfasste Ich-Form. Sie versucht gar nicht erst, wie John zu schreiben, sondern erzählt aus ihrer Perspektive: wie sie ihn kennenlernte, wie er Radiomoderator wurde, wie der Erfolg immer weiter anwuchs, das Geld aber knapp blieb, wie ihre vier Kinder auf die Welt kamen, größer und schließlich erwachsen wurden, während John und Sheila alterten.

In der britischen Presse war nach dem Erscheinen gelegentlich zu lesen, Sheilas Part im Buch beschränke sich auf reine Heldenverehrung und sei John Peel, der so etwas stets abgelehnt habe, nicht angemessen. Nur wenn man unter Heldenverehrung aber versteht, dass sie keine kritische Biografie ihres Mannes geschrieben hat, ist an den Vorwürfen was dran.

Eine arme Welt ohne Peel

Ansonsten aber ist ihr Teil eine schön zu lesende Mischung aus einer Ganz-nahe-dran-Perspektive, guten Anekdoten, fleißiger Recherche im Tagebuch-, Brief- und Magazinartikelarchiv ihres Mannes und intellektueller Emotionalität. Es gibt nicht wenige Passagen, die sich besser lesen lassen als die vorangegangenen von John, ganz einfach, weil Sheila im Gegensatz zu ihm nicht immer streng subjektiv bleibt, sondern auch mal Stimmen von Kollegen, Musikern und Hörern präsentiert.

Eines jedenfalls wird nach der Lektüre von John und Sheila Ravenscrofts Memoiren deutlich: Wie sehr Peel durch seine Offenheit und Begeisterung für neue Musik unser Einschätzungssystem zu Pop und Rock beeinflusst hat. Oder wie es der deutsche Radio-1-DJ Wolfgang Doebeling im Vorwort schreibt: »John Peel veränderte die Topografie der Musiklandschaft«. Ganze Genres wie Punk, Hiphop und Grindcore hätten es ohne ihn schwerer gehabt, Bands wie Nirvana, The Clash oder The Fall verdanken ihm einen Teil ihres Erfolges. Ohne sie wäre die Welt der Musik um einiges ärmer, und ohne John Peel ist sie es tatsächlich.

John Peel: Memoiren des einflussreichsten DJs der Welt. Rogner & Bernhard 2006, 558 Seiten, 24,90 Euro

 
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