17. Jan 2007 07:45
Der Fernsehproduzent Nico Hofmann hat reihenweise große Erfolge aufzuweisen. Weniger gut läuft seine neue Serie «Verrückt nach Clara». Über mögliche Gründe und die amerikanische Konkurrenz spricht Hofmann mit Netzeitung.de.
Netzeitung: Die erste Folge Ihrer Serie «Verrückt nach Clara» hatte nicht gerade viele Zuschauer: 1,14 Millionen, davon 790.000 «werberelevante» unter 50. Haben Sie vor der zweiten Folge am Donnerstag Quotenangst? Immerhin wurde der aufwändige Mehrteiler «Blackout» nach schlechtem Start ohne Rücksicht auf Image-Verluste sofort abgesetzt.Nico Hofmann: Angst habe ich nicht, aber die Quoten haben mir einen Schlag in die Magengrube versetzt, da ich an dem Format sehr hänge, weil das Studenten von mir gemacht haben und alle Schauspieler von mir verpflichtet wurden. Ich habe gleich am Morgen mit Pro-Sieben-Chef Andreas Bartl telefoniert. Pro Sieben pusht die Trailer stark. Ich bin bitter enttäuscht und gespannt, wie es weiter läuft, fühle mich aber 100 Prozent solidarisch mit Andreas Bartl – wir hoffen.
Netzeitung: Folge 1 begann mit dem Satz «Für ein Stadtmädchen wie mich sind zwei Wildledersandalen, die man aus ihrem Seidenpapier befreit, wie die ersten Schmetterlinge, die man im Frühjahr sieht» - also eher oberflächlich und ziemlich «Sex and the City»-artig. Von der «Sex-Hauptstadt Berlin», in der «alles geht», wie in der Werbung versprochen, war noch nicht so viel zu sehen. In den weiteren Folgen ändert sich das, da wird etwa schwule Sexualität so gezeigt wie selten im deutschen Hauptabendprogramm. War das Konzept, dass sich das langsam entwickelt und noch nicht alles gezeigt wird?
Hofmann: Das ist natürlich Konzept. Eine Serie mit fünf Figuren muss sich entfalten. Ich finde trotzdem, dass das Lebensgefühl schon am Anfang deutlich wurde. Das Problem mit der Quote war ja nicht Folge 1, sondern: Niemand hat eingeschaltet. Wenn wir bei 2,5 Millionen in der Zielgruppe gestartet wären und dann eine Million verloren hätten, hätten Sie Recht. Dann könnte man sagen, das sei zu harmlos - wobei ich das überhaupt nicht harmlos finde.
Es gab zum Beispiel einen deutlich gezeigten Beischlaf von Clara mit ihrem schwulen Mitbewohner. Die Frage ist, warum die Leute trotz der sehr starken Werbekampagne keine Lust hatten, einzuschalten. Es ist für mich ein Phänomen, warum «CSI» ... Netzeitung: ...die amerikanische Krimiserie, die RTL zur selben Zeit gezeigt hat...
Hofmann: ...geradezu beliebig erweiterbar ist und grundsätzlich Marktanteile jenseits der 25 Prozent holt, während wir mit unseren deutschen Programmen nicht einmal ansatzweise in Betrachtung kommen.
Netzeitung: Das könnte daran liegen, dass US-Produktionen wie «24», «Lost» und «Desperate Housewives» mit dem anspruchsvollen Erzählen einer fortlaufenden Handlung Standards gesetzt haben, mit denen sich deutsche Serien selten messen. Trauen die Zuschauer deutschen Serien nichts mehr zu?
Hofmann: Vielleicht wird das Bild «Frau mit Mann mit Regenschirm in Berlin» sofort in ein Telenovela-Bild durchgestanzt und findet keine differenzierte Beachtung mehr. Andererseits haben wir in der ganzen Kampagne nur die provokanten Szenen gezeigt, das hatte überhaupt nichts mit Telenovela zu tun. «Verrückt nach Clara» versucht, über acht Folgen eine Figurenwelt zu entwickeln. Aber es kann sein, dass die Zuschauer bei deutschen Programmen eine gewisse Sophistication gar nicht mehr erwarten.
Netzeitung: Selbst ambitionierte deutsche Serien wie etwa «Kanzleramt» bestehen immer aus zwei kleinen Episoden, die in derselben Folge zu Ende erzählt werden. Größere Handlungsbögen gibt es nicht..
Hofmann: Die deutschen Serienerfolge, «Tierärztin Dr. Mertens» oder «Forsthaus Falkenau» haben die klassischen tradierten Erzählmuster, die seit 20 Jahren funktionieren – aber der Erfolg gibt ihnen recht. Ich kann mich nicht arrogant darüber stellen, sondern muss mich mit dem Phänomen beschäftigen, dass «Tierärztin Dr. Mertens» fast so viele junge Zuschauer hat wie «Verrückt nach Clara». Dabei gibt es da meiner Meinung nach eine schön entwickelte Figurenwelt. Die machen alle eine Entwicklung durch. Etwa die Figur, die Sascha Göpel spielt - was dem alles widerfährt...
Netzeitung: Er spielt Claras schwulen Mitbewohner, der am Ende von Folge 1 mit ihr schläft.
Hofmann: Einige Kollegen haben mir, als die Quoten kamen, gleich fröhlich erklärt: Schwule Themen gehen einfach nicht. Das glaube ich nicht. Aber um die Dominanz der amerikanischen Programme im Moment - auch bei den Frauen, die wir für «Clara» gebraucht hätten - zu verstehen, daran müssen wir hart arbeiten. Man muss fairerweise dazu sagen, wie lang und geduldig die US-Serien von den deutschen Sendern aufgebaut worden sind.
Netzeitung: «Clara» hat ein französisches Vorbild, Sat.1 hat eine deutsche Serie angekündigt, die auf einer italienischen Serie basiert, die «CSI» ähneln soll und so ähnlich heißt – ist diese Form des Austauschs Hilflosigkeit?
Hofmann: Nein, das ist kein Problem der Kreativkraft. Wir kreieren ja vieles selbst – fast 20 Einzel-Fernsehspiele im Jahr. Ich habe das französische «Clara Scheller» einfach geliebt. Die Frage war, ob eine authentische lebendige Adaption auf Berlin möglich war. Ich habe großen Wert auf einen jungen Regisseur, eine junge Mannschaft gelegt - das Durchschnittsalter ist 27. Das ist kein gekünsteltes Projekt. Ich habe aber nichts gegen Adaptionen einzuwenden; die Amerikaner adaptieren Kinofilme auf Serien, die weltweite Telenovela-Industrie lebt davon. Nur wenn man die Adaption bemerkt, wäre sie fade.
Netzeitung: Könnten die Akzeptanzprobleme deutscher TV-Serien damit zu tun haben, dass in den erfolgreichen Ereignis-Zweiteilern, wie vor allem Ihre Firma sie produziert, immer eher schlicht erzählt wird? Eine Frau steht zwischen zwei Männern, und im zweiten Teil muss gerettet werden, was gerettet werden kann.
Hofmann: So einfach ist es nicht. Wir drehen ja auch Events mit einem völlig anderen Erzählansatz und ohne Dreiecksgeschichten. Was wir immer haben, ist ein klarer narrativer Strang: eine epische Entwicklung, was Gefühl angeht. Egal ob es die Liebe zwischen Mutter und Kind ist wie in «Nicht alle waren Mörder», oder die Liebe zum verlorenen Sohn im Osten wie in «Die Mauer».
Wir haben natürlich im fiktionalen Einzelbereich eine weitaus weiter entwickelte Erfahrung im Umgang mit Zuschauern, so wie die Zuschauer größere Seherfahrung haben. Im deutschen Serienbereich der letzten 15 Jahre gibt es in der Tat wenige Serien in der Ausdifferenziertheit etwa von «Lost» mit seinen B- und C-Strängen. Wir sind im Serienbereich extrem stark durch die Amerikaner sozialisiert.
Netzeitung: Ihr nächster Zweiteiler hatte den Arbeitstitel «Flucht und Vertreibung». Zur Ausstrahlung Anfang März heißt er nur noch «Die Flucht». Wie kam es dazu?
Hofmann: Das war meine Idee. Den Titel «Flucht und Vertreibung» fand ich ungeheuer akademisch, das wirkte auf mich wie ein Fernsehspiel im Dritten Programm mit anschließender Podiumsdiskussion. Außerdem erzählt der Film die Flucht aus Preußen, daher ist mir diese Betonung durchaus recht.
Mit Nico Hofmann spricht Christian Bartels. Lesen Sie am morgigen Donnerstag den zweiten Teil des Interviews.