Bildungsmisere:
Von Finnland lernen, heißt von der DDR lernen
11. Jan 2007 09:36
 |  Bildungshungrig aber unterversorgt: deutsche Schüler | Foto: dpa |
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Pisa-Studie, Unicef und OECD belegen die deutsche Bildungskatastrophe. Das finnische Bildungssystem gilt hingegen als eines der besten überhaupt – und basiert zugleich auf einer verdrängten deutschen Tradition.
Von Sabine PamperrienSoeben startete die Bundesbildungsministerin Annette Schavan eine neue Bildungsinitiative. Innerhalb von fünf Jahren soll die Zahl derer halbiert werden, die in Deutschland die Schule ohne Abschluss verlassen, immerhin derzeit etwa 85.000 Schüler.
Mit den Ländern sollen Modelle entwickelt werden, den Schulabbrechern zu Abschlüssen und damit zum Eintritt in den Arbeitsmarkt zu verhelfen. Angedacht sind dabei auch Zwangsmaßnahmen. Schaut man sich die Klagen aus der Wirtschaft über unfähige Bewerber mit Abschlüssen an, sind solche gutgemeinten Initiativen ein Witz. Gibt es in Deutschland wirklich so viele Lernschwache oder liegt es am Schulsystem?
Ideologische Parolen dominieren
Nicht erst seit Pisa ist das Versagen des deutschen Bildungssystems offensichtlich. Schon seit Ende der sechziger Jahre war klar, dass das deutsche Schulsystem reformiert werden musste. Die ersten Phasen längerer Massenarbeitslosigkeit in der Bundesrepublik zeigten die Umbrüche auf den Arbeitsmärkten, die es erforderlich machten, auch bis dahin bildungsfernen Schichten eine qualifizierte Bildung zu ermöglichen.Zudem drängten die Babyboomer in qualifizierte Ausbildungen. Seit Beginn der siebziger Jahre gab es in den Bundesländern zahlreiche Experimente mit ganz unterschiedlichen Schulmodellen. Die Diskussion um die Bildung war allerdings von den ideologischen Parolen der 68er-Kampfstimmung geprägt, die bis heute die sachliche Auseinandersetzung erschweren und eher zurück zu alten Modellen führten.
Gutes Betragen wieder gefragt
Das verpönteste Experiment der Reformer wurde die Gesamtschule. Die Ergebnisse der Pisa-Studie scheinen aber keineswegs all jene zu bestätigen, die immer schon gesagt haben, dass die Gleichmacherei zu einem grundsätzlichen Niveauverlust führt und die leistungsfähigeren Schüler den lernschwachen geopfert werden.Als Schnellmaßnahmen wurden in einigen Bundesländern so genannte Schnellläuferklassen eingeführt, die Schülern – wie schon zu Bismarcks Zeiten – nach der vierten Klasse den Übergang zum Gymnasium ermöglichen. Dem massiven Autoritätsverlust deutscher Lehrer soll mit der Wiedereinführung der im Westen seit den Sechzigern fast überall abgeschafften Kopfnoten für das Betragen begegnet werden.
Unverzeihlicher Webfehler
Ob sich diese Methoden mit den aktuellen Erkenntnissen über erfolgreiche Pädagogik vertragen, ist allerdings überaus fraglich. Die Pisa-Studien haben einen eindeutigen Sieger hervorgebracht: das finnische Schulsystem, das auf der in Deutschland so verpönten Gesamtschulidee basiert. Statt sich nun Finnland ganz genau anzuschauen, ist um das mögliche Vorbild ein erbitterter Streit entbrannt.Das finnische Schulsystem hat aus Sicht seiner Kritiker einen unverzeihlichen Webfehler: es wurde zu Beginn der siebziger Jahre vom Einheits-Schulsystem der untergegangenen DDR inspiriert.
Fall für die Entwicklungshilfe
Wieder einmal sieht es so aus, als würden Möglichkeiten einer sinnvollen Reform des deutschen Schulsystems durch ideologisch geführte Grabenkämpfe verhindert. In der neudeutschen Gefühlsduselei um die gute alte Zeit werden einige Details verschwiegen, die das deutsche Bildungssystem aus internationaler Sicht längst zum Fall für die Entwicklungshilfe gemacht haben.Was das finnische System zu leisten vermag, lässt sich erst ermessen, wenn man sich die Defizite des deutschen Pendants anschaut. Diese strukturellen Mängel sind längst durch internationale Studien belegt.
Sozial Schwache zahlen drauf
Unicef konstatiert, das deutsche Bildungssystem sei diskriminierend, zu frühe Selektion lasse sich im späteren Leben nur schwer durchbrechen. Die OECD untersuchte die Bildungsinvestitionen und stellte fest, dass das deutsche Bildungssystem im internationalen Vergleich erstens finanziell unterdurchschnittlich ausgestattet ist und zweitens die Art der Finanzierung die soziale Selektion unterstützt und Chancengerechtigkeit verhindert.Während die Hochschulen bestens ausgestattet sind, liegt der entscheidende Primärbereich mit Vor- und Grundschule weit unter dem OECD-Durchschnitt. Unter steuerlichem Aspekt führe das deutsche System zu einer finanziellen Umverteilung zu Lasten der sozial Schwachen.
Millionen sind Analphabeten
Die Unesco zählt Deutschland bildungspolitisch zu den Entwicklungsländern. Deutschland verfehlt vier der sechs im Jahr 2000 auf dem Weltbildungsforum in Dakar eigentlich für Entwicklungsländer festgelegten Kriterien der «Grundbildung für Alle».Das Fehlen einer geregelten Vorschulbildung fördert die Benachteiligung von Kindern aus sozial schwachen Familien und Familien mit Migrationshintergrund. Bei Jugendlichen fehlt es an einer grundsätzlichen Absicherung der Lernbedürfnisse. Statt zu fördern und zu integrieren basiert das deutsche Schulsystem auf sozialer Ausgrenzung und Selektion.
Vier bis sieben Millionen Deutsche sind als funktionale Analphabeten einzustufen. Lehrmaterial und Lehrmethoden sind veraltet, Lehrer mangelhaft ausgebildet, die Lehre insgesamt zu wenig flexibel und innovativ.
Chancengleichheit ist keine Ideologie
Der Hinweis, die Selektion erfolge nach den individuellen Fähigkeiten und leistungsbezogen, erwies sich als unhaltbar. Die Unesco nahm die deutschen Prüfungsergebnisse unter die Lupe: einige der 15-jährigen Haupt- und Realschüler konnten mit den Gymnasiasten durchaus mithalten und sie sogar übertreffen. Und das trotz der weitaus schlechteren Ausbildungsbedingungen an diesen «unteren» Schulen.Einem Mangel an Durchlässigkeit sollte auch die Schulpädagogik der DDR begegnen. Hier ging es um Chancengleichheit, die eben kein ideologisches Konstrukt aus sozialistischen Zeiten ist. Und die Finnen suchten schlichtweg Möglichkeiten, auch der Landbevölkerung zu guter Bildung zu verhelfen.
Keiner bleibt sitzen
Die desolaten Befunde riefen sogar die Menschenrechtskommission der UN auf den Plan. Der Anfang 2006 durch deutsche Schulen geschickte UN-Sonderbotschafter kritisierte die Chancenungleichheit und das Fehlen eines Anrechts auf Bildung sowie die frühe Selektion.Das finnische Schulsystem belässt alle Schüler bis zum Abschluss der neunten Klasse beisammen und öffnet erst danach die Wege in die berufsbildenden oder gymnasialen Züge. In diesen neun Jahren bleibt kein Schüler sitzen, jeder erreicht aufgrund individueller Förderung das Klassenziel.
Psychologen an der Schule
Das Scheitern eines Schülers wird der Ausbildung angelastet. Die Schulen sind weitgehend unabhängig, allerdings regelmäßiger Evaluation der Lehre unterworfen. Die Lehrpläne werden ständig angepasst, auftretenden Ausbildungsmängeln wird sofort begegnet.In der Lehrerausbildung ist die Vermittlung von Lernbegeisterung von wesentlicher Bedeutung. Nur geeignete Studenten dürfen ein Lehramtsstudium aufnehmen. Hier findet eine strenge Selektion statt. Finnische Lehrer sind schlechter bezahlt als deutsche und nicht verbeamtet. In den Schulen selbst gibt es neben den Lehrern Lehrerassistenten, Psychologen und Sozialarbeiter.
Bildungshungrige Finnen
Auch außerschulisch wird Bildung gefördert. So existieren gut funktionierende Kooperationen mit Verlagen und Bibliotheken, um die Leselust zu fördern. Die finnische Gesellschaft gilt nicht zuletzt deshalb als besonders bildungshungrig, weil Männer und Frauen gleichermaßen gut ausgebildet und berufstätig sind.Auch unter dem Kostenaspekt unterläuft Finnland den Mainstream. In sämtlichen Reformdiskussionen in Deutschland ist von der dringend notwendigen Senkung der Staatsquote die Rede, wozu insbesondere auch Kürzungen im Bildungssystem beitragen sollen. Finnland bringt für sein Bildungssystem jährlich etwa 5,7 Prozent (2001) des Bruttoinlandsprodukts auf, Deutschland liegt mit 4,3 Prozent (2001) am unteren Ende der OECD-Länder.
Umdenken oder abwarten
Vom Weltwirtschaftsforum wurde 2003 das finnische Wirtschaftssystem zum wettbewerbsfähigsten der Welt gewählt. Dabei musste man eingestehen, dass eine außergewöhnlich hohe Staatsquote mit starkem öffentlichen Dienstleistungssektor wie in Finnland offenbar doch keine so negativen Auswirkungen auf die Wettbewerbsfähigkeit hat, wie gern behauptet.Wenn in Deutschland nicht auch hier ein Umdenken im Interesse der Bildung stattfindet, kann man die Reise nach Finnland sparen, weiter das Fehlen von Lernbegeisterung durch die kostengünstige Verteilung von Kopfnoten therapieren – und sich in lautstarken Scheindiskussionen bis Sanktnimmerlein ideologisch beharken.